29. November 2018

Interview mit Dr. Jana Liebenthron

„Patienten können an spezialisierte Zentren verwiesen werden“

Lesedauer: 3 Minuten

In der aktuellen Leitlinie wird eine Aufklärung aller betroffenen Patienten empfohlen. Wie ist der aktuelle Stand bei Beratungen und Therapien?

Laut Literatur äußern 76–90% der Langzeitüberlebenden in der Onkologie einen Kinderwunsch bzw. stellen Kinder als eine bedeutende Komponente ihrer Lebensqualität dar – insbesondere auch nach dem Überleben einer Krebserkrankung, einem solchen immensen Einschnitt in ihrem Lebenslauf.

Betrachtet man jedoch die geschätzt altersspezifischen Fallzahlen des GEKID zu deutschlandweiten onkologischen Erkrankungen in z.B. der weiblichen Altersgruppe 0–44 Jahre, dann belaufen sich diese pro Jahr in etwa auf 16.000 onkologische Neuerkrankungen. Extrapoliert man die stattgehabten und durch den FertiPROTEKT e.V. dokumentierten Beratungen in allen FertiPROTEKT-Zentren auf diese 16.000 Neuerkrankungen, dann werden aktuell nicht einmal 8% der betroffenen Patientinnen im präpubertären und fertilen Alter fertilitätserhaltend beraten oder auch therapiert, obwohl eine klare Indikation dafür vorliegt.

Dies kann und darf so nicht bleiben. Fertilitätserhalt beruht auf interdisziplinärer und nicht kompetitiver Zusammenarbeit zum Wohle und der allumfassenden Versorgung für die Patienten. Die Entscheidung für eine fertilitätserhaltende Beratung und ggf. dann auch Maßnahme, die im Übrigen nur zu etwa 78% von den Patienten dann auch gewünscht ist) sollte aktiv von den Patienten getroffen werden und nicht von den Behandlern!

Bei den männlichen Patienten verbuchen wir um Moment eine Beratungs- und Therapiesituation von 39% – sicherlich aufgrund des geringeren Aufwands und der schlussendlich auch einfacheren Praktikabilität, wenn die Spermiogenese nicht eingeschränkt ist.

Doch auch hier ist zu erwähnen, dass eine Beratung und fertilitätserhaltende Behandlung nicht nur für onkologische Erkrankungen in Erwägung gezogen werden soll, sondern auch für benigne Erkrankungen, wie die rheumatiode Arthritis, Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa oder Organtransplantationen.

An welche Stellen können Ärzte ihre Patienten bei Fragen zum Erhalt der Fruchtbarkeit verweisen oder selbst Informationen erhalten?

Onkologen müssen die sehr zeitintensive Beratung nicht selbst vornehmen, sondern können ihre Patienten interdisziplinär auch gern an spezialisierte Zentren, sogenannte FertiPROTEKT-Zentren, weiter verweisen.

126 universitäre Zentren, Kliniken und Praxen (Stand: 11/2018) gehören im gesamten deutschsprachigen Raum seit 2006 zu diesem erfolgreich multidisziplinär kooperativen Verein an, der sich mit der Fertilitätsprotektion, dem Fertilitätserhalt von Patientinnen mit bevorstehender gonadotoxischer Therapie, beschäftigt. Zu den 126 Einrichtungen gehören auch wir, das UniKiD mit dem UniCareD.

Auf der Homepage des Netzwerkes finden behandelnde Onkologen aber auch die Patienten selbst, sehr übersichtlich kooperierende FertiPROTEKT-Zentren und versierte Ansprechpartner in ihrer Nähe, die weiterführende Informationen und auch Behandlungen zum Fertilitätserhalt nach Kontaktaufnahme zeitnah anbieten.

Werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen?

Die Beratung zu und  Durchführung von fertilitätserhaltenden Maßnahmen bei einer medizinischen Indikation soll entsprechend dem Kodex des Netzwerks nicht profitorientiert sein – da alle Leistungen im Moment für die Patienten noch auf Selbstzahlerbasis laufen.

Das Kabinett hat jedoch am 26. September dieses Jahres einen Kabinettsentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) verabschiedet, in welchem die darin enthaltene Regelung zur Finanzierung fruchtbarkeitserhaltender Maßnahmen durch die Krankenkassen gefordert wird.

Damit besteht eine gute Aussicht auf eine grundlegende Änderung zu dieser Finanzierungsproblematik. Jeder Patient mit einer Erkrankung, die eine keimzellschädigende Therapie notwendig macht, hat danach nämlich Anspruch auf eine Kryokonservierung von Keimzellen, Keimzellgewebe oder Organgewebe, welches Keimzellen in Frühstadien beherbergt, sowie auf die dazugehörigen medizinischen Maßnahmen, wie die Entnahme und das spätere wieder Einsetzen.

Dr. rer. nat. Jana Liebenthron (von Hause aus Humanbiologin, mit zusätzlicher Fachanerkennung zur Reproduktionsbiologin) ist Leiterin der Universitären Cryobank für assistierte Reproduktionsmedizin und Fertilitätsprotektion Düsseldorf (UniCareD) an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Düsseldorf. Sie ist hochspezialisiert auf den weiblichen Fertilitätserhalt, die Kryokonservierung von Ovarialgewebe, und unterstützt nationale und internationale Institutionen auf diesem Gebiet.

Dr. Liebenthron ist aktives Vorstandsmitglied des deutschen, österreichischen und schweizerischen Netzwerkes “FertiPROTEKT Netzwerk e.V.“.

Aus welchen persönlichen, nicht-medizinischen Gründen Frauen Eizellen einfrieren lassen, welche Methoden zum Einsatz kommen und welche Kosten entstehen, lesen Sie im Beitrag zum Social Freezing.

Bildquelle: © istock.com/Doucefleur

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