22. Oktober 2020

Eileiterschwangeschaft zu spät erkannt

Das sagen Gutachter und Schlichtungsstelle

Erfahren Sie hier, wie Gutachter und Schlichtungsstelle den vorliegenden Fall beurteilen und wer aus Ihrer Sicht für den Fehler haftbar gemacht werden kann. 1

Der vorliegende Fall wird von Prof. Dr. Wolfgang Heidenreich und Christine Wohlers von der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern vertreten. 1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch

So lautete das Gutachten

Der Gutachter stellt fest: Am 8. März wurde von der niedergelassenen Gynäkologin die Diagnose einer gestörten Schwangerschaft korrekt gestellt und die Patientin zur Therapie in die Klinik eingewiesen.

Gynäkologin hätte auf dringende Notwendigkeit einer Blutentnahme hinweisen müssen
Bei der Nachuntersuchung am 16. März nach der Abortkürettage lagen zwar keine klinischen Anzeichen einer Extrauteringravidität vor. Die Gynäkologin beachtete jedoch den histologischen Befund nicht. Sie hätte auf die dringende Notwendigkeit der ß-HCG-Bestimmung hinweisen und bei Beschwerden die sofortige Vorstellung in der Klinik anraten müssen. Ein derartiges Gespräch ist in den Unterlagen nicht dokumentiert.

Stark erhöhter ß-HCG-Wert hätte Verdacht auf Eileiterschwangerschaft wecken müssen
Am 21. März hätte in der Klinik der Befund zusammen mit der Histologie und dem stark erhöhten ß-HCG-Wert den dringenden Verdacht auf eine Eileiterschwangerschaft erwecken müssen. Eine Laparoskopie am 21. März, spätestens am 22. März, hätte die Konsequenz sein müssen. Am 23. März hätte bereits bei der Aufnahmeuntersuchung die Diagnose gestellt werden müssen. Es ist nicht erklärlich, warum mit der Operation noch zwei Stunden abgewartet wurde. Ob bei einer frühzeitigeren Diagnose eine tubenerhaltende Operation möglich gewesen wäre, ist nicht eindeutig festzustellen. Die Schwangerschaftsrate nach Eileiterschwangerschaft beträgt sowohl bei Tubenerhalt als auch nach Entfernung des Eileiters 40 bis 50 Prozent.

Die Klinik stellt dazu fest, dass der Kernvorwurf der verspäteten Behandlung der betreuenden Frauenärztin anzulasten sei. Bei der Untersuchung am 21. März habe die Akte vom 9. März einschließlich Histologie nicht vorgelegen. Am 23. März sei die Laparoskopie erst um 21.10 Uhr erfolgt, weil die zuständige Oberärztin noch mit einer anderen Operation beschäftigt gewesen sei.

Bewertung der Haftungsfrage

Die Schlichtungsstelle schloss sich dem Gutachten an: Bei der Nachuntersuchung am 16. März war der histologische Bericht mit dem Vermerk: „Bitte um HCG-Kontrolle“ in der Praxis bereits vorhanden. Aufgrund der gesamten Befundkonstellation war eine solche Kontrolle dringend notwendig.

Die Praxisdokumentation enthielt keinen Hinweis darauf, dass die Patientin die Blutentnahme abgelehnt hatte. Die Unterlassung der ß-HCG-Bestimmung stellt einen Befunderhebungsmangel der betreuenden Gynäkologin dar. Hier kommt es unter folgenden Voraussetzungen zu einer Umkehr der Beweislast zugunsten der Patientenseite:

  1. Es wurden Befunde nicht erhoben, die dem Standard gemäß hätten erhoben werden müssen. Eine standardgerechte ß-HCG-Bestimmung hätte erfolgen müssen. Aufgrund der zeitnah erstellten Dokumentation kann nicht von einer Weigerung der Patientin ausgegangen werden.
  2. Bei standardgemäßer Untersuchung hätte man mit hinreichender Wahrscheinlichkeit einen abklärungs- bzw. behandlungsbedürftigen Befund erkannt. Der Bundesgerichtshof hat den Begriff „hinreichend“ nicht weiter definiert. Die Oberlandesgerichte definieren das Maß aber, unwidersprochen vom Bundesgerichtshof, als überwiegende Wahrscheinlichkeit, also mehr als 50 Prozent. Aufgrund des weiteren Verlaufs kann davon ausgegangen werden, dass bei Durchführung dieser Maßnahmen die Diagnose einer Extrauteringravidität gestellt worden wäre.
  3. Das Unterlassen der Behandlung in Kenntnis der richtigen Diagnose würde eine erhebliche Standardunterschreitung und damit einen schweren Behandlungsfehler darstellen. In Anbetracht der Risiken eines Fortschreitens einer unbehandelten Extrauteringravidität stellt das Unterlassen einer Operation einen schweren Behandlungsfehler dar.

Vor dem Hintergrund der Beweislastumkehr reicht es für den Kausalitätsnachweis aus, dass die zu unterstellende fundamentale Verkennung des zu erwartenden Befunds oder die Nichtreaktion darauf generell geeignet ist, einen Schaden der tatsächlich eingetretenen Art herbeizuführen.

Als die Patientin am 21. März mit Beschwerden die Klinik aufsuchte, betrug der ß-HCG-Wert 13.275,0 U/I. Ein 12 Tage nach Abortkürettage derartig erhöhter Wert erforderte dringend eine weitere Abklärung mittels Laparoskopie am selben Tag. Entsprechende Untersuchungen wurden nicht veranlasst, es liegt ebenfalls ein Befunderhebungsmangel vor mit der Beweislastumkehr zugunsten der Patientin. Als die Patientin am 23. März mit einem hochakuten Krankheitsbild erneut in die Klinik kam, gab es keinen Zweifel an der Diagnose. Es bestand keine Notwendigkeit, andere Krankheitsbilder zu erwägen und die erforderliche Operation über Stunden hinauszuzögern.

Krankenhaus und niedergelassene Frauenärztin haften gesamtschuldnerisch

Die Beweislastumkehr bezieht sich in diesem Fall auf folgenden primären und damit verbundenen sekundären Gesundheitsschaden: Der Verlust des betroffenen Eileiters sowie vermehrte Beschwerden für den Zeitraum vom ca. 2 Wochen sind als fehlerbedingt anzusehen.

Darüber hinausgehende Gesundheitsschäden sind nicht auf das fehlerhafte Vorgehen zurückzuführen. Insbesondere zur Fruchtbarkeit nach solchen Eingriffen ist keine sichere Aussage möglich, die Schwangerschaftsrate liegt bei 40 bis 50 Prozent, unabhängig davon, ob eine eileitererhaltende Operation oder eine Entfernung des Eileiters durchgeführt wurde. Für den entstandenen fehlerbedingten Gesundheitsschaden haften das Krankenhaus und die niedergelassene Frauenärztin gesamtschuldnerisch.

Fazit
Die Diagnostik der Extrauteringravidität kann erhebliche Probleme aufwerfen. Im Zweifelsfall – zum Beispiel bei fehlendem Nachweis von Schwangerschaftsmaterial bei einer Abortkürettage – ist die ß- HCG-Bestimmung die wichtigste diagnostische Maßnahme.
Aus rechtlicher Sicht ist auf die Bedeutung der zeitnah erstellten ärztlichen Dokumentation zu verweisen. Als zeitnah wird diese bewertet, wenn zum Zeitpunkt der Erstellung noch keine Vorwürfe erhoben wurden oder mit ihnen noch nicht zu rechnen war. Gesamtschuldnerschaft bedeutet nicht, dass der Schaden jeweils zur Hälfte ersetzt wird. Vielmehr kann der gesamte Anspruch gegen einen Schädiger durchgesetzt werden. Es erfolgt dann zwischen den Schädigern ein Ausgleich im Innenverhältnis. In der Regel bestehen grundsätzliche Vereinbarungen zur Teilung der Schadenssumme zwischen den Haftpflichtversicherern.

  1. Eileiterschwangerschaft zu spät erkannt; Hamburger Ärzteblatt; 14.02.2020.

Bild: © GettyImages/AndreyPopov

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