22. Oktober 2020

Eileiterschwangerschaft zu spät erkannt – wer hat Schuld?

Eine schwangere Patientin mit starken Bauchschmerzen erhielt in einer Klinik eine Kürettage. Obwohl von den Behandlern empfohlen, wurde bei ihrer Frauenärztin einige Tage später das Schwangerschaftshormon ß-HCG nicht bestimmt. Mit Folgen für die Frau.1

Lesedauer: 3 Minuten

Der vorliegende Fall wird von Prof. Dr. Wolfgang Heidenreich und Christine Wohlers von der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern vertreten. 1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Der Fall:

Bei einer 29-jährigen Patientin war die letzte Regelblutung am 20. Januar erfolgt und im nächsten Monat ausgeblieben. Ein Besuch bei der betreuenden Gynäkologin am 29. Februar ergab eine Schwangerschaft der 6. Woche. Der Untersuchungsbefund einschließlich Sonografie war unauffällig, der ß-HCG-Wert betrug 730,5 U/l. Bei der nächsten Untersuchung am 3. März, der 7. Schwangerschaftswoche, gab die Patientin Übelkeit und Bauchschmerzen an. Der ß-HCGWert war auf 1.279,0 U/I angestiegen. Körperliche Schonung wurde empfohlen. Fünf Tage später, am 8. März, war sonografisch keine Schwangerschaft im Uterus erkennbar.

Verdachtsdiagnose “Missed Abortion”

Unter der Verdachtsdiagnose „Missed Abortion“ wurde die Patientin in eine Klinik eingewiesen. Dort führte die Ärzte am folgenden Tag eine Saugkürettage mit anschließender Nachkürettage vor und entließen die Patientin anschließend. Im Kurzbrief an die Gynäkologin empfahlen sie eine Ultraschallkontrolle in 10 Tagen.

Das Abortmaterial wurde zur histopathologischen Untersuchung eingeschickt. Der Befundbericht trägt als Ausgangsdatum den 11. März. Darin heißt es: „Deziduaanteile im Abradatmaterial. Da plazentare Gewebsstrukturen nicht nachweisbar sind, müsste klinisch auch an die Möglichkeit einer Extrauteringravidität gedacht werden.“ Der Bericht trägt den handschriftlichen Zusatz: „Bitte um ß-HCG-Kontrolle“.

Blutentnahme für ß-HCG-Kontrolle erfolgte in Praxis nicht

Er wurde am 14. März an die Praxis gefaxt. Am 16. März stellte sich die Patientin bei ihrer Frauenärztin vor. Die Untersuchung ergab eine Schmierblutung ex utero, die Adnexe waren palpatorisch frei. Sonografisch erschien das Cavum uteri nicht leer. Vermerkt ist: „Blutentnahme für ß-HCG notwendig“. Eine Blutentnahme wurde nicht durchgeführt. Die Patientin verließ ohne neuen Termin die Praxis.

Klinik schickt Patientin trotz stark erhöhtem ß-HCG-Wert heim

Am 21. März sucht die Patientin wegen starker Bauchschmerzen die Klinik auf. Die Untersuchung dort ergab druckschmerzhafte rechte Adnexe bei sonografisch regelrechtem Befund. Auf dem Laborblatt von 12.45 Uhr waren sämtliche Werte normal, jedoch betrug der ß-HCG-Wert 13.275,0 U/l!

Die Patientin wurde nach Hause entlassen und kam am 23. März um 18.10 Uhr wegen seit zwei Stunden bestehender, heftigster Unterbauchschmerzen wieder in die Klinik. Es bestand eine regelstarke vaginale Blutung, der rechte Adnexbereich war extrem druckdolent. Sonografisch fand sich dort eine etwa 3 × 6 cm große Raumforderung.

Rupturierte Eileiterschwangerschaft mit starker Blutung

Die Diagnose lautete: Adnexitis, DD Extrauteringravidität, DD retrograde Menstruation. Der ß-HCGWert um 18.47 Uhr betrug 10.643,0 U/l. Um 21.10 Uhr wurde zunächst eine Kürettage vorgenommen, danach eine Laparoskopie, die eine rechtsseitige rupturierte Eileiterschwangerschaft mit starker Blutung ergab. Der Eileiter wurde entfernt und die Bauchhöhle gesäubert und gespült. Der Eingriff verlief komplikationslos. Die Kontrolle des ß-HCG am 25. März ergab 1.888,9 U/l. Am 27. März wurde die Patientin nach Hause entlassen, der Hb-Wert betrug 6,5 g/dl.

Patientin: “Eileiterschwangerschaft ist zu spät erkannt worden”

Die Patientin vermutet einen Behandlungsfehler sowohl durch ihre Frauenärztin als auch durch die Klinik. Die Eileiterschwangerschaft sei zu spät erkannt worden, was zum Verlust des Eileiters geführt habe.

Die Gynäkologin gibt an, die entscheidenden Behandlungen hätten in der Klinik stattgefunden. Bei der Nachuntersuchung sei der Patientin eine Blutentnahme zur ß-HCG-Kontrolle empfohlen worden, was diese jedoch abgelehnt habe. Sogar ein Kontrolltermin sei abgelehnt worden. Die Klinik gibt dazu an, dass am 21. März der erhöhte ß-HCG-Wert im Zusammenhang mit dem histologischen Befund und der unauffälligen Klinik als nicht so dringlich bewertet worden sei. Man sei davon ausgegangen, dass die Patientin bei einer Verschlechterung ihres Zustandes sofort die Klinik aufsuchen würde. Zur Frage einer etwaigen Haftungsverantwortung sei die zeitlich frühzeitigere Behandlung durch die niedergelassene Frauenärztin zu berücksichtigen.

Lesen Sie weiter und erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, wie Gutachter und Schlichtungsstelle den Fall bewerten.

  1. Eileiterschwangerschaft zu spät erkannt; Hamburger Ärzteblatt; 14.02.2020.

Bildquelle: © gettyImages/Tharakorn

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