17. August 2021

Baby im Elternbett: Wichtig für die mütterliche Bindung?

Um eine enge mütterliche Bindung aufzubauen, lassen viele Eltern ihren Säugling auch nachts in ihrem Bett schlafen. Eine britische Studie kommt nun allerdings zu dem Ergebnis, dass sich „Co-Sleeping“ in den ersten 6 Monaten weder positiv noch negativ auf die Bindung zur Mutter oder auf das Verhalten des Babys auswirkt.

Lesedauer: 3 Minuten

Autorin: Dr. Nina Mörsch

Ob Säuglinge im Bett der Eltern schlafen sollen oder nicht ist ein viel und kontrovers diskutiertes Thema. Fachgesellschaften warnen immer wieder vor möglichen Gefahren, denen schlafende Säuglinge im Erwachsenenbett ausgesetzt sind, insbesondere vor dem 4. Lebensmonat. So deuten verschiedene Studien auf ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Säuglingstod hin.

Dennoch schlafen nach wie vor viele Babys in unmittelbarer Nähe der Eltern oder eines Elternteils, etwa um das nächtliche Stillen zu erleichtern oder um Babys zu beruhigen, die nachts häufiger aufwachen. Viele Elternpaare lassen ihren Nachwuchs sogar nachts in ihrem Bett schlafen, in der Annahme, so die Bindung zwischen Mutter und Kind zu stärken. Doch trifft diese Theorie auch in der Praxis zu?

Dieser Frage gingen Forschende unter Leitung der Dozentin für Psychologie Dr. Ayten Bilgin an der University of Kent und Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie und individuelle Unterschiede an der University of Warwick in Großbritannien nach. Die Studienergebnisse sind im Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics erschienen.

Studienaufbau

Die Längsschnittstudie umfasste 178 Säuglings-Mutter-Paare (105 Terminkinder und 73 Frühgeburten). Die Daten der Teilnehmenden wurden zum Zeitpunkt der Geburt sowie im Alter von 3, 6 und 18 Monaten analysiert. Das Team untersuchte, inwiefern sich sich das Schlafen im gemeinsamen Bett in den ersten 6 Monaten auswirkt.

Hierfür analysierten sie das Verhalten des Kindes im Alter von 18 Monaten bezüglich mangelnder Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben. Die Bindung des Säuglings an die Mutter und die mütterliche Bindung an das Kind beobachteten die Forschenden zum Zeitpunkt der Geburt, im Alter von 3 und 18 Monaten. Und die Fähigkeit der Mutter, sensibel auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen, wurde im Alter des Babys von 3 und 18 Monaten beurteilt.

Das mittlere Gestationsalter lag bei 35 Schwangerschaftswochen, das mittlere Alter der Mütter bei 30,6 Jahren. Bei der Geburt war das Teilen des Betts mit 42 % weit verbreitet, die Rate sank aber nach 3 Monaten auf 23 % und stieg dann wieder auf 28 % nach 6 Monaten sowie 31 % nach 18 Monaten.

Weder positiver noch negativer Einfluss auf Bindung und Verhalten des Säuglings

Säuglinge, die im gemeinsamen Bett schliefen, wachten laut der Studie häufiger auf und wurden häufiger gestillt. Außerdem war das Teilen des Betts mit Kindern im Alter von 6 Monaten mit einem höherem Einkommen der Eltern assoziiert. Und Mütter, die ihre Babys im Alter von 6 und 18 Monaten bei sich im Bett schliefen ließen, waren im Schnitt älter.

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass sich das nächtliche gemeinsame Schlafen in den ersten 6 Monaten weder positiv noch negativ auf folgende Aspekte auswirkt:

  • Bindungsprobleme zwischen Kind und Mutter oder Verhaltensauffälligkeiten des Kindes im Alter von 18 Monaten
  • Mütterliche Bindung an das Kind sowie das einfühlsame Erziehungsverhalten der Mutter im Alter von 3 und 18 Monaten.

Die Ergebnisse für Säuglinge und Mütter waren bei Frühgeborenen und Terminkindern ähnlich.

Dr. Bilgin: „Viele Menschen glauben, dass die gemeinsame Nutzung des Bettes notwendig ist, um eine sichere Bindung mit dem Säugling zu fördern. Es gibt jedoch nur wenig Forschung in diesem Bereich und recht unterschiedliche Erkenntnisse. Um Eltern, Erziehungsberechtigte und Fachleute besser informieren zu können, sind mehr Erkenntnisse über die Ergebnisse des gemeinsamen Schlafens erforderlich.”

Kommentar zur Studie

F. Bruder Stapleton, Professor für Kinderheilkunde an der Universität von Washington, kommentiert die Ergebnisse wie folgt: „Gemeinsames Schlafen in den ersten 6 Monaten sind weder für die Mutter noch für das Kind von Vorteil. Diese Daten und der bekannte Zusammenhang zwischen dem Teilen von Betten und dem plötzlichen Kindstod sind wichtig, wenn Pädiater neue Eltern über sichere Schlafpraktiken beraten.”

  1. Bilgin und Wolke: Bed-Sharing in the First 6 Months: Associations with Infant-Mother Attachment, Infant Attention, Maternal Bonding, and Sensitivity at 18 Months, Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics (2021)

Bild: © GettyImages/damircudic

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