24. April 2016

Steckt hinter jeder Reizblase eine Infektion?

Das Syndrom der überaktiven Blase und Harnwegsinfektionen haben viele Gemein­samkeiten. Bedingt womöglich das eine das andere?

Dieser Beitrag von Dr. Dagmar Kraus erscheint mit freundlicher Genehmigung von Springer Medizin. Weitere Beiträge aus dem Fachgebiet Gynäkologie finden Sie auf Springer Medizin – Gynäkologie.

In den aktuellen Leitlinien der American Urological Association aus dem Jahr 2014 ist das „overactive bladder syndrom“ (OAB) definiert als „Harndrang meist kombiniert mit hoher Miktionsfrequenz und Nykturie mit und ohne Dranginkontinenz, dem weder ein Harnwegsinfekt noch andere offensichtliche Pathologien zugrunde liegen dürfen“. Damit sei schon definitionsgemäß eine Harnwegsinfektion als OAB-Ursache ausgeschlossen, erklärte Dr. Zafer Tandoḡdu vom Northern Institute for Cancer Research der Universität in Newcastle Upon Tyne beim diesjährigen EAU-Kongress in München. Doch die äußerst unterschiedlichen Angaben zur OAB-Prävalenz, die von 9% bis 42% reichen, werfen Frage auf und zwingen zur genaueren Betrachtung, so Tandoḡdu.

OAB und Harnwegsinfektion weisen zahlreiche Überschneidungen auf

Sofort ins Auge fallen würden hier die zahlreichen Überschneidungen von OAB und Harnwegsinfektion (UTI), wie Tandoḡdu betonte. So seien in beiden Fällen überwiegend Frauen betroffen, und die Erkrankungszahlen steigen mit zunehmenden Alter. Zudem seien bei OAB wie auch UTI die zugrunde liegenden Pathomechanismen komplex und noch nicht vollständig geklärt. Im Falle des OAB etwa werden neben einer Schädigung des Urotheliums auch neurogene und muskuläre Veränderungen als Ursachen diskutiert. Bei UTIs sind ebenfalls die urothelialen Zellen betroffen.

Standardmethoden: In 92% der Fälle bleiben Bakterien unentdeckt

Wie sich mittlerweile herausgestellt habe, siedeln viele Bakterien nicht nur außen auf dem Blasenepithel, sondern können sich in die Zellen einnisten und intrazelluläre Kolonien bilden. Damit stehe die Aussagekraft der gängigen Diagnoseverfahren infrage, erklärte Tandoḡdu und verwies auf die aktuelle Mikrobiomforschung. Verglichen mit den neuen molekularbiologischen Analyseverfahren bleiben bei den Standardmethoden in 92% der Fälle Bakterien unentdeckt, so Tandoḡdu. Und tatsächlich fanden sich bei Frauen ohne UTI-Symptome und mit negativer Bakterienkultur häufiger intrazelluläre Bakterienkolonien, wenn sie über Beschwerden des unteren Harntrakts (LUTS) berichtet hatten, als wenn keine derartigen Probleme geäußert wurden (94% vs. 2%). Außerdem differierten die Mikrobiota in beiden Gruppen deutlich.

Offensichtlich seien die gängigen mikrobiellen Diagnosemethoden nicht sensitiv genug, um UTIs sicher zu diagnostizieren, fasste Tandoḡdu die Daten zusammen. Gleichzeitig finden sich bei Patienten mit OAB-Symptomen häufiger intrazelluläre Bakterienkolonien sowie vermutlich eine differierende Mikrobiomzusammensetzung. Womöglich bleiben bei vielen OAB-Patienten Harnwegsinfektionen schlichtweg unentdeckt, spekulierte der Urologe. Dennoch warnte Tandoḡdu eindringlich davor, daraus schlussfolgern zu wollen, Antibiotika wären eine geeignete Therapie für die überaktive Blase.

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