05. Juni 2016

Schulterdystokie bringt Analsphinkter der Mutter in Gefahr

Eine Schulterdystokie ist ein geburtshilflicher Notfall, bedrohlich zunächst einmal für das Kind. Doch auch die Mutter kann erheblichen Schaden nehmen, wenn die Fehleinstellung der Kindes­schulter behoben werden muss.

Dieser Beitrag von Robert Bublak erscheint mit freundlicher Genehmigung von Springer Medizin. Weitere Beiträge aus dem Fachgebiet Gynäkologie finden Sie auf Springer Medizin – Gynäkologie.

Asphyxie, Verletzungen des Armplexus, Frakturen von Schlüsselbein, Oberarm und Rip­pen: Die Liste der Gesundheitsschäden, die Kinder mit einer Schulterdystokie im Ge­burtskanal zu gewärtigen haben, klingt beängstigend. Die Risiken für das Neugeborene sind indessen gut erforscht. Für mögliche Dammverletzungen der Mütter gilt das weniger. Ein Ärzteteam um Nivedita Gauthaman, Geburtshilfliche Abteilung des St. George’s Hospital in London, hat nun 403 Fälle von Schulterdystokie aus den Jahren 2010 bis 2014 auf die Folgen für die Gebärenden untersucht. Im Fokus standen dabei Verletzungen des Analsphinkters (Obstetric Anal Sphincter Injuries, OASIS).

Die Inzidenz von OASIS Grad 3 oder 4 nach einer Geburt mit Schulterdystokie war etwa auf das Dreifache erhöht – von 4,5% bei vaginalen Geburten ohne auf 13,2% bei Geburten mit Fehleinstellungen der Kindesschulter. Grad 3 steht für Risse des äußeren Schließ­muskels, Grad 4 für Risse bis in die Rektumschleimhaut.

Der Gebrauch der Geburtszange, innerlich angewendete Handgriffe (wie Manöver nach Woods, Lösen des posterior gelegenen Arms) oder eine Gesamtzahl von vier oder mehr angewandten Manövern – externen (wie McRoberts-Manöver, suprapubischem Druck) und internen – erhöhten das OASIS-Risiko signifikant. Tendenziell senkte eine höhere Zahl von Geburten das Risiko für die Mutter, Signifikanz erreichte der Zusammenhang aber nicht. Auch ein Dammschnitt bot keinen statistisch relevanten Schutz.

Zangeneinsatz als Risiko

In der multivariaten Analyse blieben als Risikofaktoren für OASIS der Zangeneinsatz, die Anwendung von vier oder mehr Handgriffen sowie Woods’ Manöver übrig. Interessanter­weise war das Lösen des posterioren Kindesarms in der multivariaten Analyse kein signifikanter Gefahrenparameter. Falls das zuträfe, wäre es ratsam, nach Versagen des McRoberts-Manövers und des suprapubischen Drucks gleich das Lösen des hinteren Ärmchens zu versuchen, um den Damm der Mutter zu schützen. Gauthaman und Kol­legen räumen allerdings ein, dass außer ihren Ergebnissen keine anderen für diesen Ratschlag sprechen und er somit womöglich nicht verallgemeinerbar ist.

Generell geht aus den hier ausgebreiteten Resultaten keine spezifische Kombination von Manövern hervor, die als besonders riskant für die Entwicklung einer Sphinkterverletzung angesehen werden müsste. Dies in künftigen Studien zu klären, wäre klinisch bedeutsam, schreiben Gauthaman et al. Dann könnten in die Leitlinien zum Umgang mit Schulter­dystokien auch Erwägungen besser einfließen, die perineale Verletzungen zum Inhalt hätten.

  1. Robert Bublak , SpringerMedizin.de: 13.4.2016: Schulterdystokie bringt Analsphinkter der Mutter in Gefahr

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