26. August 2015

Mädchensprechstunde: In diesen Situationen sind Minderjährige einwilligungsfähig

Die Behandlung junger Mädchen in der frauen­ärztlichen Sprechstunde muss von den Eltern genehmigt werden. Patientinnen zwischen 7 und 18 Jahren können aber auch alleine mit dem Frauenarzt einen Behandlungsvertrag abschließen, wenn sie als Familienmitglied in der gesetzlichen Krankenkasse versichert sind oder das Arzthonorar aus eigenen Mitteln bezahlen können. Voraussetzung für die ärztliche Behandlung ist dann, dass sie selbst einwilligungsfähig sind, also die Bedeutung und Tragweite der Behandlungsmaßnahme und ihrer Zustimmung dazu ermessen können. Finden Sie hier fünf Kriterien, die Sie zur Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit Ihrer minderjährigen Patientinnen heranziehen und dokumentieren sollten.

Kriterien zur Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit

Die Einwilligungsfähigkeit entwickelt sich mit zunehmender Reife und muss durch den Arzt kontextabhängig, also für jede Behandlungsmaßnahme neu, beurteilt werden. Dabei gibt es keine starren Altersgrenzen. Vielmehr sollten Sie anhand Ihrer ärztlichen Erfahrung und persönlichen Einfühlungsvermögens folgende Kriterien beurteilen:

  • Reifegrad der Minderjährigen
  • Stand der sexuellen Entwicklung und Aktivitäten
  • Art und Weise, wie die Minderjährige ihr familiäres sowie soziales Umfeld wahr­nimmt, und wie sie ihre persönlichen oder besonderen Lebensumstände darstellt
  • Fähigkeit, dem ärztlichen Aufklärungsgespräch zu folgen
  • Vermögen, die ihr mitgeteilten Informationen zu verarbeiten

Konsequenzen der Einwilligungsfähigkeit

Wenn Sie die Minderjährige für einwilligungsfähig befinden, entscheidet sie allein über die Behandlungsmaßnahme. Die Eltern haben dann keinerlei Mitspracherecht. Auch die ärztliche Schweigepflicht ist hiervon betroffen. Beurteilen Sie die Minderjährige für ein­willigungs­fähig, hat das Geheimhaltungsinteresse des Mädchens Vorrang gegenüber dem Informationsbedürfnis der Eltern, es sein denn, es liegt ein anerkannter Rechtfertigungs­grund (z. B. Verdacht auf Kindesmissbrauch) vor.

Typische Behandlungssituationen in der gynäkologischen Praxis

Orale, hormonale Kontrazeptiva (auch postkoital)

Hier können in der Praxis folgende Faustregeln zugrunde gelegt werden:

  1. Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren: Einwilligungsfähigkeit liegt in der Regel vor. Ausnahme: das Mädchen ist in seiner geistigen Entwicklung zurück­geblieben.
  2. Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren: Einwilligungsfähigkeit kann nach sorg­fältiger Prüfung gegeben sein. Es wird empfohlen, den Inhalt des ärztlichen Gesprächs zur Beurteilung der Reife, Einsichtsfähigkeit und dem Verständnis der Patientin gut zu dokumentieren.
  3. Mädchen unter 14 Jahren: Einwilligungsfähigkeit ist nur selten gegeben. Die Einwilligungsfähigkeit sollte besonders kritisch geprüft und dokumentiert werden, um einer Strafbarkeit durch Beihilfe zum sexuellen Missbrauch vorzubeugen.

Folgende Aspekte sollten Sie stichpunktartig dokumentieren:

  • Inhalt des ärztlichen Gesprächs
  • Schilderungen der Minderjährigen
  • Eindruck über den Entwicklungsstand des Kindes
  • Therapeutischer Grund der Verordnung: z. B. ungewollte Schwangerschaft verhindern, da die Minderjährige zum Ausdruck gebracht hat, dass sie egal ob mit oder ohne hormonelle Verhütungsmittel Geschlechtsverkehr hat oder haben wird.

Schwangerschaftsabbruch

Hier ist die juristische Lage unbestimmt. Laut des Oberlandesgerichts Hamm kann eine Minder­jährige grundsätzlich nicht wirksam in einen Schwangerschaftsabbruch einwilligen. Nach überwiegender Meinung in der juristischen Literatur kann ein Mädchen ab 16 Jahren jedoch durchaus in der Lage sein, eigenverantwortlich über einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Aufgrund der Tragweite der Entscheidung, möglichen späteren psychischen Auswirkungen und der Abwägung des Rechts des Ungeborenen auf Leben, sollten Sie bei der Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit in diesem Fall einen höheren Reifegrad als bei der Einwilligungsfähigkeit in ärztliche Routinemaßnahmen fordern.

  1. Juristisches Grundwissen in der Mädchensprechstunde (mit Fallbeispielen); C. Halstrick (Fachanwältin für Medizinrecht, München); Gynäkologe 2015 48:306–310, DOI 10.1007/s00129-014-3455-4, Online publiziert: 25. Januar 2015, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015

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