19. Juni 2016

Kind stirbt bei Geburt: „Noch jahrelang Schuldgefühle“

Nach einer traumatisch verlaufenen Geburt quälen sich sowohl beteiligte Gynäkologen als auch Hebammen oft noch jahrelang mit Schuld­gefühlen, Selbstvorwürfen und der Angst vor Schuldzuweisungen durch die Mutter oder durch Kollegen.

Dieser Beitrag von Dr. Elke Oberhofer erscheint mit freundlicher Genehmigung von Springer Medizin. Weitere Beiträge aus dem Fachgebiet Gynäkologie finden Sie auf Springer Medizin – Gynäkologie.

Es ist das, was in der Geburtshilfe tätige Ärzte und Hebammen am meisten fürchten: Durch ein unerwartetes Ereignis stirbt das Kind oder kommt mit irreversiblen Schäden zur Welt. Um herauszufinden, wie medizinische Fachkräfte mit so einem traumatischen Er­lebnis umgehen und welche Spuren dieses langfristig bei ihnen hinterlässt, haben For­scher aus Dänemark und London 264 Gynäkologen und 763 Hebammen, die entsprech­ende Erfahrungen gemacht haben, befragt.

Wie Katja Schrøder von der Universität Odense und ihr Team berichten, gaben 87% an, die Erinnerung an das Ereignis hätte ihnen noch lange Zeit zu schaffen gemacht. Dabei war in 62% weder von der Mutter noch von den Angehörigen irgendeine Schuldzuweisung ausgesprochen worden. 17% berichteten, sie hätten eine erhebliche Schuldzuweisung erfahren, in 10% war diese „in geringem Maße“ spürbar gewesen.

Angst, beschuldigt zu werden

Ungeachtet dessen gaben alle betroffenen Ärzte und Hebammen an, dass die Angst, von den Eltern beschuldigt zu werden, sie verfolge, auch wenn sich dies im Laufe der Zeit gar nicht bestätigt habe.

30% der Teilnehmer machten sich zudem große oder extrem große Sorgen darüber, was ihre Kollegen über sie denken könnten. Gänzlich frei von solchen Sorgen waren nur 35% der Befragten, obwohl im Verhalten der Mitarbeiter zu 90% bzw. 87% keinerlei Hinweise auf eine kritische Haltung (entsprechende Kommentare bzw. vermeidendes Verhalten) erkennbar waren.

Gefühle von Selbstzweifel

Eine Hebamme bringt das Gefühl des Selbstzweifels in dem auf die Fragebogenaktion folgenden Interview auf den Punkt: „Nicht dass ich dachte, sie (die Kollegen) würden mich beschuldigen (…). Es geht vielmehr darum, was ich selbst für ein Gefühl hatte, denn wenn ich zurückschaue, glaube ich, ich hätte es anders machen können …“

Um die Angst vor juristischen Konsequenzen ging es offenbar weniger: Nur 10% machten sich deshalb große Sorgen.

Das Hauptproblem war in den meisten Fällen das subjektive Gefühl von Schuld, sowohl unmittelbar nach dem Ereignis als auch langfristig: Die Hälfte stimmte der Aussage zu: „Am Anfang fühlte ich mich schuldig, dass es so gekommen war.“ 36% konnten den Satz bejahen: „Beim Gedanken an das Ereignis werde ich mich immer schuldig fühlen.“ Das galt insbesondere für diejenigen, die darüber im Zweifel waren, ob sie im entscheidenden Moment richtig gehandelt hatten. Die meisten Teilnehmer beschrieben im Interview, sie hätten sich viele Stunden mit Überlegungen herumgequält, wie sie das Ereignis hätten verhindern können. Dabei war allen offenbar bewusst, dass das Gefühl von „Schuld“ möglicherweise ein Teil ihres Berufslebens sei.

Auswirkungen auf berufliches und persönliches Selbstverständnis

Trotz allem hatte nur ein geringer Anteil (10%) schon ernsthaft erwogen, wegen eines entsprechenden Erlebnisses aus dem Beruf oder aus der jeweiligen Institution auszu­steigen. Viele sahen im Umgang damit sogar eine Chance, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln. Der Aussage „Das traumatische Ereignis hat bewirkt, dass ich öfter über die Bedeutung des Lebens nachgedacht habe“ stimmte die Hälfte der Teilnehmer zu. 65% fanden sogar, dass sie dadurch „ein besserer Arzt oder eine bessere Hebamme“ ge­worden seien. Eine Gynäkologin ergänzt im Interview: „Das hat nichts mit meinen ärzt­lichen Fähigkeiten zu tun, sondern damit, dass man eine demütigere Haltung gewinnt, ein tieferes Verständnis vom Leben als Ganzes.“

Für Schrøder und ihr Team zeigt die Studie vor allem eines: Nach einer traumatisch verlau­fenen Geburt benötigt nicht nur die Mutter bestmöglichen Beistand. Auch die daran betei­ligten Berufsgruppen sollten bei der Bewältigung solcher Erlebnisse Unterstützung er­halten.

  1. Dr. Elke Oberhofer , SpringerMedizin.de: 26.4.2016: Kind stirbt bei Geburt: „Noch jahrelang Schuldgefühle“

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