22. März 2018

Verspätete Sectio

Ärzte zu 250.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt

Ein Junge erleidet bei seiner Geburt eine Schädigung des Hirns mit schwerwiegenden Folgen. Laut dem Oberlandesgericht Hamm müssen dafür nun die behandelnden Ärzte haften: Sie hatten das Herz während der Entbindung nicht ausreichend kontrolliert. (Lesedauer: 2 Minuten)

Der folgende Beitrag basiert auf einem aktuellen OLG-Urteil 1 und wird vertreten durch Alexa Frey, Fachanwältin für Medizinrecht.

Verminderte Kindsbewegungen: Patientin begibt sich ins Krankenhaus

Die schwangere Frau begab sich wegen von ihr wahrgenommener verminderter Kindsbewegungen ins Krankenhaus. Bei der Aufnahme im Kreissaal wurde ein CTG über einen Zeitraum von 35 Minuten geschrieben, das bei einer Baseline von 130 eine Oszillation von unter 10 Schlägen pro Minute auswies. Nach einer Lageveränderung und einem Weckversuch wurde eine Dopplersonographie durchgeführt. Ca. 1,5 Stunden nach der Aufnahme der Patientin wurde – erst- und einmalig – ein Vaginalbefund erhoben, der eine Muttermundweite von 2 cm ergab.

Kaiserschnitt erst nach 4,5 Stunden

Ein weiteres CTG wurde ca. eine Stunde nach Beenden des ersten CTG erneut über einen Zeitraum von 45 Minuten geschrieben. Dabei ergab sich eine Baseline von 130-140 mit eingeschränkter Oszillation unter 10 Schlägen je Minute. Zu diesem Zeitpunkt bestanden bereits Wehen in 12-minütigem Abstand. Ein drittes CTG wurde zwei Stunden nach dem zweiten CTG geschrieben. Hier ergab sich eine Dezeleration vom Typ Dip II. Nachdem sich über 4,5 Stunden nach der stationären Aufnahme Dip II-Dezelerationen zeigten, wurde die Indikation zur Sectio gestellt.

Das Kind wurde 5 Stunden und 43 Minuten nach dem Eintreffen im Kreissaal entbunden. Bei dem Neugeborenen zeigte sich eine sehr straffe Nabelschnurumschlingung. Die Apgar-Werte betrugen 0-4-6 und der initiale pH-Wert lag bei 6,88.

OLG-Urteil: Mindeststandards wurden verletzt

Das Oberlandesgericht Hamm sprach dem Kläger ein Schmerzensgeld von 250.000 Euro zu. Dabei wurden insgesamt drei Behandlungsfehler festgestellt.

Kein Dauer-CTG: Zunächst wäre das Geburtsgeschehen mittels eines Dauer-CTG zu überwachen gewesen. Das Unterlassen der permanenten CTG-Überwachung wertete der Sachverständige sowie das Gericht als groben Behandlungsfehler unter Missachtung des internationalen Mindeststandards. Es sei damit eindeutig gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln und gesicherte medizinische Erkenntnisse verstoßen worden.

Keine ständige ärztliche Kontrolle: Als weiterer Behandlungsfehler wurde gewertet, dass ab dem zweiten durchgeführten CTG eine ständige ärztliche Präsenz nebst ärztlicher Kontrolle alle 30 Minuten unterlassen worden sei. Wäre dies gewährleistet gewesen, wäre die Indikation für eine Sectio mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt gestellt worden.

Keine Not-Sectio vorgenommen: Als dritter und ebenfalls grober Behandlungsfehler wurde gewertet, dass keine Not-Sectio vorgenommen wurde. Bei der durchgeführten Sectio wurde die Entschluss-Entwicklungs-Zeit (EE-Zeit) von 20 Minuten fast um das Doppelte überschritten, was eine gravierende Abweichung vom medizinischen Standard und somit einen groben Behandlungsfehler darstellte.

Hohes Schmerzensgeld aufgrund gravierender Gesundheitsfolgen

Die Höhe des Schmerzensgeldes wurde damit begründet, dass das Kind an einer allgemeinen Entwicklungsstörung auch im Bereich der geistigen Entwicklung leidet, bei der mit entsprechender Förderung allenfalls die Stufe eines 8-jährigen Kindes erreicht werden kann.

Ferner bestünden expressive Sprachentwicklungsstörungen mit Schwächen beim Sprachverständnis und beim Sprachvermögen sowie massive Probleme bei der motorischen Koordination. Zwischenzeitlich sei ebenfalls eine Epilepsie aufgetreten, die zwar medikamentös eingestellt wurde, eine Verschlechterung jedoch möglich erscheine.

Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Sie ist neben dem Arzthaftungsrecht in den Bereichen des Vertragsarztrechts der Ärzte, des Vertrags- und Gesellschaftsrechts, des Berufsrechts, des Vergütungsrechts der Heilberufe sowie des Krankenhausrechts tätig. Kontakt: frey@wws-ulm.de

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  1. Urteil des Oberlandesgerichts Hamm vom 04.04.2017, Az.: 26 U88/16

Titelbild: iStock. Bildnachweis: staticnak1983.

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