13. März 2016

Antidepressiva für Schwangere: Autismus-Risiko fürs Kind?

Kinder entwickeln häufiger eine Autismus-Spektrum-Störung, wenn die Mutter im zweiten und/oder dritten Trimenon Antidepressiva einge­nommen hat. Mit der Depression der Mutter lässt sich das nicht erklären.

Dieser Beitrag von Dr. Beate Schumacher erscheint mit freundlicher Genehmigung von Springer Medizin. Weitere Beiträge aus dem Fachgebiet Gynäkologie finden Sie auf Springer Medizin – Gynäkologie.

Seit vielen Jahren steigt die Zahl der Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Den Grund dafür sehen Experten vornehmlich in den erweiterten Diagnosekriterien sowie einer erhöhten Aufmerksamkeit für die Entwicklungsstörung. Zusätzlich wird aber auch Umweltfaktoren eine Rolle eingeräumt. Ein solcher Umweltfaktor könnte einer kanadischen Studie zufolge die In-Utero-Exposition gegenüber Antidepressiva sein. Ärzte um Takoua Boukhris von der Universität in Montreal haben bei Kindern, deren Mütter im zweiten und dritten Trimenon Antidepressiva erhalten hatten, eine um 87 % erhöhte Rate von Autismus-Spektrum-Störungen beobachtet.

Die Ärzte haben die Daten von 145.456 reifgeborenen Kindern analysiert, die zwischen 1998 und 2009 in Québec zur Welt gekommen waren. Bei 1.054 von ihnen (0,7 %) war in der mittleren Beobachtungszeit von sechs Jahren mindestens eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert worden. 4.724 Kinder waren im Mutterleib einer Antidepressivatherapie ausgesetzt gewesen, davon 4.200 im ersten und nur noch 2.532 im zweiten und/oder dritten Trimenon. Von den Kindern mit Exposition im ersten Schwangerschaftsdrittel hatten 40 (1,0 %), von den später exponierten 31 (1,2 %) später eine Autismus-Spektrum-Störung entwickelt.

Erkrankungsrate um 87% erhöht

Berücksichtigte man Einflussfaktoren wie Alter und psychiatrische Erkrankungen der Mutter, war das Risiko für die Entwicklungsstörung nur bei einer Antidepressivatherapie im zweiten und/oder dritten Trimenon erhöht, mit einer Zunahme um 87 % gegenüber Kindern ohne eine solche Exposition. Hatte die Mutter dagegen im Jahr vor der Schwangerschaft oder im ersten Trimenon Antidepressiva eingenommen, zeigte sich kein Zusammenhang zum Auftreten von Autismus-Spektrum-Störungen.

Das höchste Risiko für die Entwicklungsstörung hatten Kinder, deren Mütter im kritischen Zeitraum SSRI oder mehr als ein Antidepressivum eingenommen hatten. Bei ihnen waren die Erkrankungsraten doppelt bzw. viermal so hoch wie bei Kindern ohne Antidepressivaexposition.

Dass das höhere Erkrankungsrisiko nicht (allein) auf die Depression zurückzuführen war, zeigte eine weitere Subanalyse. Auch wenn nur Mütter einbezogen wurden, die eine De­pression in der Anamnese hatten, lag die Rate von Autismus-Spektrum-Störungen bei den Kindern mit Antidepressivakontakt im zweiten/dritten Trimenon um 75 % über der von Kindern ohne Antidepressivakontakt.

Serotonin moduliert zahlreiche Entwicklungsprozesse

Ein kausaler Zusammenhang lässt sich mit der Studie natürlich trotzdem nicht beweisen. Boukhris und Kollegen betonen aber, dass die Ergebnisse mit denen früherer Untersuchungen in Einklang stehen. Außerdem gebe es diverse Mechanismen, die die ungünstige Wirkung der SSRI erklären könnten: „Die Wirkstoffe sind plazentagängig und Serotonin kann zahlreiche prä- und postnatale Entwicklungsprozesse von der Zellteilung über die Migration von Neuronen bis zur Synapsenbildung modulieren.“ Außerdem seien bei Autismus-Spektrum-Störungen offenbar die Serotoninspiegel in den Thrombozyten erhöht und die Fähigkeit des Gehirns, Serotonin zu synthetisieren, entwickele sich in atypischer Weise, so die kanadischen Ärzte. Sie halten weitere Studien für angezeigt, um das Risiko mit verschiedenen Antidepressivaklassen und -dosierungen besser einschätzen zu können.

Allgemeine Empfehlungen lassen sich aus der Studie kaum ableiten. Wie Bryan H. King (Universität in Seattle) in einem begleitenden Kommentar betont, sind unbehandelte Depressionen bei Schwangeren mit einer Reihe anderer Risiken belastet. „Vorzuschlagen, dass Antidepressiva immer vermieden werden sollten, ist nicht sinnvoller als zu sagen, dass sie nie abgesetzt werden sollten.“

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