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Digitalisierung in der Medizin

21. Sep. 2023
Digitale Versorgung

Blended Care – wie in der Praxis umsetzen?

Blended Care ist ein verzahntes Behandlungskonzept, das die klassische vor-Ort-Psychotherapie mit Internet- und mobilbasierten Interventionen (IMIs) ergänzt. Wie verzahnte Konzepte in der Praxis implementiert werden könnten, lesen Sie hier.

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Abstrakte Darstellung.

Blended Care – Was besagt das Konzept?

Digitale Technologien versprechen einen verbesserten Zugang zur psychischen Gesundheitsversorgung.1 Blended Care, eine Kombination aus Online- und konventioneller vor-Ort-Psychotherapie („Face-to-Face-Therapie“), wird verstärkt als vielversprechendes Instrument diskutiert, das Vorteile beider Behandlungsformen vereinen soll.1-3

Wie sich ein Blended Care Ansatz in der Praxis konkret gestaltet – und welche Patientengruppen von einem solchen Behandlungspfad profitieren könnten – ist Gegenstand der aktuellen Diskussion.1,2,4,5 Die derzeit größte Herausforderung liegt wohl darin, dass sich keine "one-size-fits-all" Herangehensweise abzeichnet, die allen patientenindividuellen und indikationsspezifischen Kriterien Rechnung trägt.2

Um Anwendung, Entwicklung und weiterführende Erforschung des Blended Care-Konzepts zu ermöglichen, postulierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Tewente zunächst grundlegend, dass:2

  • sich der Begriff "Blended" auf die Integration von Online- und Offline-Komponenten in einem Behandlungsprozess bezieht.
  • Online- und Offline-Komponenten miteinander verzahnt sind, also ineinandergreifen und keine eigenständigen Behandlungspfade darstellen.
  • die angewandten Technologien wie auch die patientenindividuellen Modalitäten inhaltlich wie verfahrenstechnisch zum Behandlungsprozess beitragen.
  • der Einsatz von Online-Komponenten in gleichem Maße zur Therapie beiträgt wie vor-Ort-Sitzungen.
  • Online-Komponenten sorgfältig ausgewählt und an den Behandlungsprozess bzw. Behandlungsfortschritt kontinuierlich angepasst werden sollten. Das bedeutet, dass ein generisches Standardverhältnis von 50:50 zwischen Online- und „Face-to-Face“-Behandlung nicht (immer) ausreicht.
  • Online-Komponenten flexibel ausgestaltet, und Inhalte auf nichtlineare dynamische Weise zur Verfügung gestellt, werden können (bspw. durch Texte, Bilder, interaktive Aufgaben, Tagebuchfunktionen, Monitoring, etc.)
  • die Passung zwischen Technologie und Endnutzern – respektive die Eignung der Patientinnen und Patienten – abgeglichen werden sollte.

Sie wollen sich ausführlicher zum Thema Blended Care informieren, dann lesen Sie unser Interview Fit für Blended Care? Gespräch zur verzahnten Psychotherapie und unseren Beitrag Blended Care in der Psychotherapie.

Blended Care – welche Patientinnen oder Patienten könnten profitieren?

Um Therapeutinnen und Therapeuten dabei zu unterstützen, eine passende Behandlung nach dem Blended Care-Ansatz zu konzipieren, haben Wentzel et al. einen im Folgenden vorgestellten Gesprächsleitfaden* vorgeschlagen, der als Entscheidungshilfe die Ausgestaltung des Behandlungsprozesses erleichtern soll – unter Berücksichtigung der Patientencharakteristika, einschließlich persönlicher Fähigkeiten, Bedürfnisse und Präferenzen:2

Blended Care: Was Behandler im Vorfeld abklären sollten2

  • Sind geeignete Online-Module verfügbar, die sich auf Hauptsymptome und die Diagnose der Patientinnen oder Patienten beziehen?
  • Können (akute) Krisen ausgeschlossen werden (bspw.: schwere Suizidalität oder psychotische Symptomatik)?
  • Besteht kein akuter medizinischer Versorgungsbedarf, der Patientinnen oder Patienten hindern könnte selbständig an der Behandlung zu mitzuwirken?
  • Sind Patientin oder Patient für das teileigenverantwortliche Mitwirken an den Blended Care-Behandlungsinhalten fähig?

Blended Care: Bestehen die nötigen Voraussetzungen2

  • Hat die Patientin oder der Patient Zugang zu einem Computer oder einem mobilen Endgerät (Smartphone/Tablet)?
  • Hat die Patientin oder der Patient einen Internetzugang?
  • Verfügt die Patientin oder der Patient über einen privaten, sicheren Platz zum Arbeiten?
  • Verfügt die Patientin oder der Patient über ausreichende Internetkenntnisse bzw. eine adäquate digitale Affinität?

Blended Care: Gesprächsleitfaden zur Entscheidungsfindung2

  • Verfügt die Patientin oder der Patient über ausreichende Ausdrucksfähigkeiten, Sprach- und Schreibkenntnisse?
  • Ist die Motivation der Patientin oder des Patienten ausreichend?
  • Besteht bei der Patientin oder dem Patienten ein erhöhtes Krisenrisiko?
  • Bestehen bei der Patientin oder dem Patienten kognitive Probleme, die eine Behandlung nach dem Blended Care-Ansatz substanziell behindern könnten?
  • Bestehen bei der Patientin oder dem Patienten psychosoziale Probleme, die einen Blended Care-Behandlung erschweren?
  • Bestehen bei der Patientin oder dem Patienten andere Probleme oder zugrundeliegende Komorbiditäten, die eine Behandlung nach dem Blended Care-Ansatz erschweren könnten?
  • Liegt zwischen Ihnen und der Patientin oder dem Patienten eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung vor? (Oder stehen zumindest die Chancen gut eine solide Arbeitsbeziehung zu entwickeln?)
  • Liegen praktische Gründe vor, die für einen Blended Care-Ansatz sprechen (Kosten- und Zeitersparnis, Komfort, o.ä.)?
  • Liegen weiterführende Gründe im Umfeld der Patientin oder des Patienten vor, die für einen Blended Care-Ansatz sprechen (bspw.: Stigmatisierung, Scham, Ängste, Sicherheitsaspekte, etc.)?
  • Liegt eine ausreichende Affinität Ihre Patientinnen oder Patienten für digitale Tools oder Online-Kommunikationskanäle vor?
  • Liegt ein ausreichendes Pflichtbewusstsein bei der Patientin oder dem Patienten vor, das die eigenverantwortliche Bearbeitung der externalisierten Online-Komponenten bzw. Psychoedukations-Einheiten zuverlässig sicherstellt?
  • Verfügt die Patientin oder der Patient über ein soziales Unterstützungsnetz, das plötzliche Belastungen abfedern kann?

*modifiziert nach Wentzel et al.2

Wird ein Blended Care-Ansatz von betreuenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten als geeignetes Instrument in der patientenindividuellen Abwägung gesehen, sollte die Zusammensetzung der verschiedenen vor-Ort-Therapieinhalte mit ergänzenden Online-Interventionen abgestimmt, und mit den Therapiezielen in Einklang gebracht, werden.2

Im weiteren Therapieverlauf kann es auch sinnvoll werden die Maßnahmen kontinuierlich nachzujustieren.2 Die Ziele einer Blended Care-Psychotherapie sind dabei stets deckungsgleich mit jenen einer konventionellen vor-Ort-Psychotherapie.2

Blended Care: Fazit für die Praxis

Blended Care bietet neue Möglichkeiten für eine personalisierte Psychotherapie, die jedoch auf Behandler wie Patientenseite an Vorabbedingungen geknüpft ist.1,2 Unter den richtigen Rahmenbedingungen lädt das Blended Care-Konzept Patientinnen und Patienten wie Therapeutinnen und Therapeuten ein, einen unter Berücksichtigung persönlicher Bedürfnisse und Präferenzen stark personalisierten Behandlungspfad zu beschreiten.2

Um das Potenzial des Blended Care-Konzepts perspektivisch voll ausschöpfen zu können, sind weitere Erkenntnisse in diesem sich dynamisch entwickelnden Forschungsgebiet erforderlich, die dezidiert Auskunft darüber geben wie digitale Technologien optimal in die Routineversorgung integriert werden können.2

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