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Digitalisierung in der Medizin

21. Sep. 2023
Digitale Versorgung

Fit für Blended Care? Gespräch zur verzahnten Psychotherapie

Blended Care ist ein verzahntes Behandlungskonzept, das klassische vor-Ort-Psychotherapie mit Internet- und mobilbasierten Interventionen (IMIs) kombiniert. Alexander Braden und Johanna von Lobenstein von Elona Health geben Einblicke in dieses Behandlungskonzept.

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Ärzteteam mit 3D-Blockchain-Netzwerktechnologie Forschung und Diagnose von Patientenerkrankungen. Medizinische Innovationstechnologie und digitaler Gesundheitsdienst entwickeln die Patientenbehandlung und das Wohlbefinden der Menschen

Alex Braden

Alexander Braden ist Co-Founder, Managing Director und Head of Product der Elona Health GmbH. Sein Ziel ist es, mit ist digitalen Ansätzen die ambulante Therapie zu unterstützen, um Therapeutinnen wie auch Therapeuten zu entlasten, um Patientinnen und Patienten eine bestmögliche Versorgung Teil werden zu lassen.

Johanna Lobenstein

Johanna von Lobenstein ist approbierte psychologische Psychotherapeutin der Verhaltenstherapie und Head of Psychotherapy der Elona Health GmbH. Ihr Schwerpunkt liegt auf einem schema- und erlebnisorientierten Vorgehen.

Gemäß des jüngst veröffentlichten DAK-Gesundheitsreports 2023 stellt der Anstieg an Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen eine der auffälligsten Entwicklungen der letzten Jahre dar. In der Versorgungsrealität trifft dieser Versorgungsbedarf auf begrenzte Kapazitäten. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) forderte daher bereits 2019 dringend mehr psychotherapeutische Behandlungsplätze zu schaffen.

Hat sich seit diesem Appell an der psychotherapeutischen Versorgungssituation denn substanziell etwas geändert?

Unser unmittelbares klinisches Umfeld einschließlich unserer Partnerpraxen legt nahe, dass sich die Situation nicht verbessert hat. Die Wartelisten sind lang – es warten mehrere 100 Menschen weiterhin auf einen Therapieplatz. Dies mag teils auch den Nachwirkungen der Pandemie geschuldet sein.

Internet- und mobilbasierten Interventionen, kurz IMIs, versprechen genau diese Versorgungslücke zu adressieren – sowohl in der Funktion einer konservativen Primärtherapie wie auch als Therapiebegleitung. Letzteres bezeichnet man als Blended Care. Können Sie anschaulich beschreiben, wie sich ein solcher Ansatz in der Praxis gestaltet?

Der Begriff Blended Care beschreibt zunächst ein weites Spektrum an Interventionen, die den therapiebezogenen direkten menschlichen Kontakt um digitale Interventionen ergänzt. Bei diesem Behandlungskonzept werden also bestimmte Therapieinhalte, aus dem konventionellen Sitzungsrahmen in die Eigenanwendung und Eigenverantwortung ausgelagert.

Bei einem sog. sequenziellen Ansatz ist es klassischerweise so, dass ich bestimmte Inhalte zwar in der Sitzung einleite, diese jedoch von der Patientin oder dem Patienten nachgelagert in den Zeiträumen zwischen 2 Sitzungen mithilfe einer App oder Online-Anwendung bearbeitet werden.

Von der sequenziellen Implementierung unterscheidet man den integrierten Ansatz: Dieser bindet Online-Therapieelemente direkt in die Sitzung selbst mit ein. Stellen wir uns dazu vor: Ich als Behandler öffne die Anwendung innerhalb und während der Sitzung und leite meine Patienten gemeinsam durch die entsprechende Übung.

Der große Vorteil von Blended Care Lösungen ist die Flexibilität der Integration in die Therapien und die Möglichkeit der Individualisierbarkeit für die Patientinnen und Patienten, da die Hoheit über die Therapie beim Behandler bleibt.

Lesen Sie mehr im Beitrag “Blended Care in der Psychotherapie”.

Das bedeutet in beiden Fällen, dass Therapeutinnen und Therapeuten die betrachtete App und deren Inhalte „in- und auswendig“ kennen müssen, um dieses Konzept flexibel und kontextabhängig in den Praxisalltag zu integrieren?

Die erfolgreiche Implementierung setzt eine gewisse Einarbeitung voraus, das ist klar. Ich muss gewillt sein, mich mit dieser neuen Herangehensweise zu beschäftigen. Wie lange sich der Aufwand für die Einarbeitung gestaltet, ist letztlich individueller Natur und hängt stark von der persönlichen Affinität zu digitalen Lösungen im Allgemeinen und der konkreten Lösung selbst ab. Also wenn jemand bspw. in anderen Softwarelösungen bereits gearbeitet hat, ist man da schnell drin.

Wie viel Zeit muss man denn als interessierter Behandler konkret investieren?

Ein Erfahrungswert, den wir für unsere Lösung „elona therapy“ gerne ansetzen, ist 30 bis 45 Minuten. Dies ist meist ausreichend Zeit, um einen guten Überblick über die Software zu bekommen. Wir machen das gerne so, dass wir interessierten Therapeutinnen und Therapeuten bei Bedarf einen dedizierten Ansprechpartner, der selbst Psychotherapeut ist, im Onboarding zur Seite stellen.

Dieser unterstützt, begleitet und steht für Rückfragen zur Verfügung. Auch besteht die Möglichkeit, mittels Testzugängen einen schnellen, unkomplizierten Einstieg in die Handhabung zu finden.

Nach einer Dreiviertelstunde ist man also fit für Blended Care?

Wir empfehlen idealerweise mit 1-2 Patientinnen oder Patienten zu starten, um das Konzept auszuprobieren und praktische Erfahrung zu sammeln. Ein Verschreibungszeitraum umfasst die 90-tägige Anwendungsphase pro Patienten. Sie ermöglicht es im laufenden Praxisalltag Konzepte und Abläufe der Anwendung nachzuvollziehen, die Inhalte an einem konkreten Fall kennenzulernen und für sich Bilanz zu ziehen.

In Summe sprechen wir also von 30 bis 45 Minuten Initialaufwand – plus 4-5 Minuten pro Sitzung, die in das Briefing des Patienten und Freischalten der Übungen fließen. Letztlich also ein ähnlicher Zeitaufwand verglichen mit einer konventionellen Herangehensweise. Oder als Alltagsreferenz: Arbeitsblatt raussuchen, Arbeitsblatt kopieren, Arbeitsblatt erklären und es aushändigen.

Die 2 grundlegenden Fragen, die sich Therapeutinnen und Therapeuten stellen sollten, lauten: Denke ich, dass meine Patienten von diesem Behandlungskonzept profitieren? Und möchte ich als Therapeut dieses Konzept nachhaltig in meine Sitzungen integrieren?

Der Rolle des Therapeuten kommt in einem Blended Care Ansatz also eine besondere Rolle zu?

Ja, in unserem Falle ist es so, dass die Beziehung zur Therapeutin oder Therapeuten ein wesentlicher Wirkbestandteil ist. Natürlich hängt der Blended Care Ansatz auch stark von der Überzeugung oder dem Commitment des jeweiligen Behandlers ab.

Also je mehr ich als Behandler von unserem Konzept überzeugt bin, je intensiver ich das Konzept im Praxisalltag nutze und je mehr ich gewillt bin die Vorteile von Blended Care zu sehen, desto günstigere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Implementierung und das nachgelagerte Erreichen der individuell-vereinbarten Therapieziele.

Welche Vorteile bringt das verzahnte Modell für Psychotherapeutinnen und -therapeuten konkret im Praxisalltag?

Zur besseren Einordnung unterteile ich das gerne in 2 Bereiche: die klinisch-therapeutische und die administrative Ebene. Wir glauben, dass wir auf beiden Ebenen eine vorteilhafte Lösung anbieten können.

Die administrative Komponente lässt sich wie folgt zusammenfassen: Struktur, Übersicht und Vereinfachung von Abläufen. Wir hatten es bereits angesprochen, Zeit ist ein sehr, sehr knappes Gut. Die Tage in der psychotherapeutischen Praxis sind extrem eng getaktet und wir glauben, dass hier eine strukturgebende und Orientierung-bietende digitale Lösung im Praxisalltag unterstützen und Zeit sparen kann – etwa bei Planung von Therapiesitzungen oder durch den Zugang zu einem übersichtlichen Pool an vielfältigen Interventionen.

Unter klinisch-therapeutischen Gesichtspunkten habe ich durch den Einsatz einen besseren Einblick in den individuellen Therapiefortschritt, der so messbarer und greifbarer wird. Dies trägt zu einer Objektivierung bei, welche Themen für die Patientinnen oder Patienten relevant sind.

Welches Feedback zu elona therapy erhalten Sie denn aus den Fachkreisen?

Wir haben in den zurückliegenden Monaten positives Feedback aus der Psychotherapie für unseren Ansatz gespiegelt bekommen. Wir sind hier auch die ersten, die diesen verzahnten Ansatz verfolgen. Natürlich führt das manchmal dazu, dass wir neugierige Blicke auf uns ziehen.

Wie bei allen Innovationsthemen gibt es immer „First Mover“ – und von denen bekommen wir durch die Bank eine sehr positive Rückmeldung.

Gibt es denn auch Skeptiker? Und welche Argumente führen die ins Feld?

Es gibt natürlich Skeptiker, keine Frage. Und ich glaube, der häufigste Grund, der genannt wird, bezieht sich auch die Veränderung in der gewohnten Arbeitsweise. Dies ist zweifelsfrei zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Wenn ich meine Arbeit vorher immer mit Stift und Papier erledigt habe und hin und wieder zum Kopierer gegangen bin, dann ist natürlich die Verwendung einer Software – also einer digitalen Lösung – in meinen therapeutischen Abläufen eine Umstellung. Dies muss erst mal erlernt und akzeptiert werden.

Und dem gegenüber sollte man die dann eben auch die Vorteile klar benennen – die bereits angesprochenen administrativen wie therapeutischen Verbesserungen. Wir sind davon überzeugt, dass in der Psychotherapie gerade ein großer Veränderungsprozess stattfindet und in den nächsten Jahren sehr viele neue Psychotherapeuten nachrücken, die eher digital affin sind. Zur groben Einordnung: Derzeit arbeiten in Deutschland rund 44.000 Psychotherapeuten in Deutschland. Da kommen noch mal 10.000 drauf, die in Ausbildung sind. Und insofern glauben wir, dass der Ansatz digitale Elemente und Abläufe in die Therapie zu integrieren, sich nachhaltig dort durchsetzen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

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