28. April 2022

Nutzen und Perspektiven weiterer Covid-19-Booster

Je mehr Booster, desto besser? Daten aus Israel zeigen, dass bei älteren Menschen nach einer vierten Dosis der Immunschutz noch einmal verstärkt wird. Fachleute bleiben im Hinblick auf eine Ausweitung der vierten Impfung aber skeptisch. 1

Lesedauer: 5 Minuten

Redaktionelle Bearbeitung: Dr. Linda Fischer

Zweiter Booster nach wie vor nur für Ältere

Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach hatte unlängst für einen zweiten Booster ab 18 Jahren plädiert und auf eine EU-weite Empfehlung gedrängt. Durchsetzen konnte er sich damit bislang nicht: Nach wie vor empfiehlt die STIKO den zweiten Booster nur für Menschen ab 70 Jahren, die EMA empfiehlt die vierte Impfung für alle ab 80 Jahren, und die USA haben die allgemeine Altersgrenze bei 50 Jahren festgelegt.

Fachleute bleiben im Hinblick auf eine Ausweitung des zweiten Boosters skeptisch. „Aus immunologischer Sicht brauchen immungesunde unter 70-Jährige diese vierte Impfung nicht“, stellte Prof. Dr. Christiane Falk, Leiterin des Instituts für Transplantationsimmunologie der Medizinischen Hochschule Hannover und Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung, auf einem Press Briefing des Science Media Center (SMC) klar. 1

Junge gesunde Menschen seien aus immunologischer Sicht bereits nach der zweiten Impfung ausreichend gegen einen schweren Krankheitsverlauf geschützt. Die STIKO-Empfehlung stuft Falk als praktikabel ein, damit lasse sich arbeiten. Vor allem Menschen in Pflegeeinrichtungen oder Menschen mit verschiedenen zusätzlichen Grunderkrankungen kämen für eine vierte Impfung in Betracht, erklärte Falk.

Viele Booster-Impfungen für junge gesunde Menschen wenig sinnvoll

Das Erreichen eines kompletten Infektionsschutzes durch mehrmaliges Aufboostern sei nicht realistisch, stellte Prof. Dr. Christoph Neumann-Haefelin klar, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Virusimmunologie an der Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg. Man solle dieses Ziel beim Thema Boostern deshalb nicht weiterverfolgen. „Ziel der Booster-Impfung sollte es sein, die verschiedenen Personengruppen vor schweren Infektionsverläufen zu schützen“, sagte Neumann-Haefelin.

Neutralisierende Antikörper, die nur einige Wochen nach der Infektion oder der Impfung in hohen Konzentrationen vorhanden sind, können teilweise die Infektion selbst verhindern. Das Immungedächtnis der B- und T-Zellen, das für einen langanhaltenden Schutz vor schweren Krankheitsverläufen sorgt, ist Studien zufolge bereits nach zwei Dosen auf einem hohen Niveau, eine dritte Dosis verstärkt den Schutz noch einmal.

Während Menschen mit einer Immunschwäche deutlich mehr Impfungen in einem kürzen Abstand brauchten, um den gleichen Impfschutz zu erhalten, sind zu viele Booster-Impfungen gegen SARS-CoV-2 für junge gesunde Menschen nicht sinnvoll.

Immunsystem bei kurzer Impfabfolge gesättigt

Eine aktuelle Studie an Makaken zeigt, dass ein angepasster Omikron-Booster im Vergleich zum herkömmlichen Booster nicht zu höheren Antikörpertitern führt. Die EMA warnte schon im Januar vor zu häufig hintereinander folgenden Boostern, die möglicherweise nicht mehr die gewünschte Immunantwort hervorrufen.

Wird zu früh geboostert, kann ein Sättigungseffekt eintreten, warnte Prof. Dr. Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin. „Das wissen wir aus vielen experimentellen Arbeiten, aber auch von vielen anderen Impfungen: Man kann sich z.B. nicht im Abstand von drei, vier Wochen zweimal gegen Tetanus impfen lassen, beim zweiten Mal würde dann gar nichts passieren“, erklärte Radbruch.

Wird immer wieder das gleiche Antigen in der gleichen Dosis appliziert, fährt das Immunsystem schnell so hoch, dass das Antigen direkt abgefangen wird und erst gar nicht neu auf das Immunsystem einwirken könne. Dieser Mechanismus sei schon lange bekannt, so Radbruch.

Auswirkungen der Antigenerbsünde bei SARS-CoV-2 nicht beobachtet

Eine zu frühe Boosterung könne im Wettlauf zwischen der Immunantwort und dem Virus sogar ein Handicap sein, sagte Radbruch. Das spielt auf das Prinzip der Antigenerbsünde an: Ist das Immunsystem bereits einmal in Kontakt mit einem Virus gekommen, bildet es bei Kontakt mit einer neuen Virusvariante vor allem Antikörper gegen diejenigen Epitope, die bereits in dem ursprünglichen Virus vorhanden waren. Das könnte dazu führen, dass zu viele Booster den Schutz gegen verschiedene Varianten verschlechtern.

„Wir haben das bei SARS-CoV-2 aber eigentlich nicht beobachtet. Die Immunität ist immer extrem breit; alle Varianten, die es bisher gibt, werden abgedeckt durch ein affinitätsgereiftes Immunsystem mit einer zwei- bis dreimaligen Immunisierung“, erklärte Radbruch.

Das bestätigte auch Neumann-Haefelin und ergänzte, dass sich alle Virusmutanten, auch Omikron, zwar in den Epitopen unterschieden, die die Antikörperantwort betreffen, nicht aber in der T-Zellantwort.

Radbruch berichtete, dass der Impfschutz vermutlich über Jahrzehnte anhalten werde. Nach einer Infektion oder Impfung sei die Konzentration an Antikörpern im Knochenmark ähnlich wie die nach einer Masern- oder Tetanus-Impfung. „Die Impfung ist schon extrem effizient. Man hat in der gleichen Größenordnung wie bei anderen Infektionskrankheiten oder Impfungen einen Schutz, der voraussichtlich auch über Jahrzehnte anhalten wird“, sagte Radbruch.

Er stellte auch klar, dass der Abfall der Antikörper nach Impfung und Infektion normal ist und keinen Anhaltspunkt dafür liefert, dass der Schutz nachlässt. „Man darf dabei nicht Quantität mit Qualität verwechseln: Es ist nur weniger Masse da, die Klasse der verbleibenden Antikörper nimmt aber zu.“ In der Konkurrenz um die Virusantigene (Affinitätsreifung)entstehen Antikörper, die 10- bis 100-mal besser binden und besonders wirksam gegen das Virus schützen. Das Immunsystem arbeite da sehr nachhaltig.

Impfabstand hängt von Immungesundheit ab

Weil die Immunantwort auch altersabhängig ist, ist es bei älteren Menschen sinnvoller als bei jungen Menschen, ein wiederholtes Mal zu boostern. In diese Gruppe fallen aber auch die Menschen, deren Immunsystem nach einer zweiten oder auch nach einer dritten Impfung noch nicht den gleichen Schutz aufweist, wie es bei jüngeren Gesunden der Fall ist.

Radbruch wies daraufhin, dass 4 % der über 70-Jährigen Autoantikörper gegen Interferone aufwiesen. Die Auswirkungen sind groß: „Auf einer Intensivstation sind das 20 % der Patienten – und die haben alle eine sehr schlechte Prognose“, sagte Radbruch. Gerade diese Menschen seien durch das Virus extrem gefährdet, für sie seien mehrere Impfungen sinnvoll.

Auch Menschen mit einer Immunschwäche profitieren von mehreren Impfungen, bestätigte Neumann-Haeferlin: „Wir sehen hier die Antikörperantworten, die wir bei jungen immungesunden Personen sehen, teils erst nach der dritten oder nach der vierten Impfung.“ Während es bei jungen Gesunden besonders wichtig ist, einen ausreichenden Abstand zwischen den Impfungen zu gewährleisten, um die Affinititätsreifung nicht zu beeinträchtigen, könne diese Gruppe bereits nach drei Monaten erneut geimpft werden.

Als „optimalen Mindestabstand“ für immungesunde Personen nannte Neumann-Haeferlin sechs Monate. „Das gilt für alle Menschen, bei denen man mit einem ordentlichen Ansprechen rechnet.“ Wahrscheinlich halte der Impfschutz deutlich länger an, deshalb werde eine häufige Boosterung in Zukunft wohl nicht notwendig sein, meint der Immunologe. Der Abstand gilt auch für medizinisches Personal, für das das RKI ebenfalls einen zweiten Impfbooster empfiehlt.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.de erschienen.

  1. Science Media Center: Nutzen und Perspektive weiterer COVID-19-Booster (21.04.2022)

Bildquelle: © Getty Images/lakshmiprasad S

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