05. August 2021

Corona-Pandemie

Diese Fragen brennen derzeit unter den Nägeln

Top-Forschende aus Medizin und Gesundheitswissenschaften wurden zu ihren dringlichsten Fragen und Wünschen zu SARS-CoV-2 und Covid-19 befragt. Lesen Sie hier eine Auswahl der wichtigsten Antworten.1

Lesedauer: 6 Minuten

Keine Frage: Die SARS-CoV-2-Pandemie und die Dringlichkeit, Lösungen zu finden, hat die Forschung zu Höchstleistungen angespornt und binnen kürzester Zeit eine Flut wissenschaftlicher Publikationen hervorgebracht.

Dennoch sind noch viele Fragen offen. Die Komplexität des Geschehens, in dem medizinische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Aspekte in einem globalen Kontext miteinander verwoben sind, schafft immer neue Herausforderungen.

Jetzt wurden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Medizin und Gesundheitswissenschaften in Deutschland und Europa vom Science Media Center Germany befragt, was derzeit ihre dringlichste Frage zu SARS-CoV-2 beziehungsweise Covid-19 ist.

Für viele standen dabei die Suche nach einem wirksamen Medikament und die Frage nach Dauer und Ausmaß der Immunität nach durchgemachter Erkrankung oder Impfung – und wie man dies überwachen kann, im Vordergrund. Viele der Fragen galten auch Varianten und Langzeitfolgen, der individuellen Risikoabschätzung sowie der globalen Verantwortung. Wir haben eine Auswahl der drängendsten Fragen für Sie zusammengestellt.

Individuelle Risiken und Ansteckungswege oft unklar

Prof. Dr. Jacob Nattermann, Leiter Sektion Hepatogastroenterologie, Oberarzt Internistische Intensivmedizin, Leiter Labor für angeborene zelluläre Immunologie, Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Bonn: „Wenn ich persönlich eine Frage auswählen sollte, dann wäre es vielleicht, warum Menschen so unterschiedlich auf das Virus reagieren. […] Neben viralen Faktoren und vorbestehenden gesundheitlichen Problemen scheint die Reaktion des Wirts eine wichtige Determinante – wenn nicht die wichtigste – für die Schwere der Erkrankung zu sein.“

Dr. Ralf Krumkamp, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteiltung Infektionsepidemiologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg: „Für einen großen Teil der SARS-CoV-2-positiven Personen ist weiterhin nicht klar, wo sie sich angesteckt haben. Bessere Daten über Ansteckungswege wären wichtig, um gezielt Interventionen umzusetzen, die effektiv Kontaktketten unterbrechen können.“

Wie lange hält der Impfschutz, und wie ist das bei Varianten?

Prof. Dr. Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am Zentrum für Innere Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): „Für mich sind derzeit 2 Fragen zentral: Zum einen die Frage nach einem Korrelat für die Schutzwirkung von Impfstoffen, zum anderen wie lange dauert Immunität nach Impfung oder Genesung an, wann müssen Auffrischungsimpfungen in welchen Bevölkerungsgruppen stattfinden, und welche Strategie verfolgen wir hier in den nächsten Monaten und Jahren?“

Dr. Viola Priesemann, Leiterin der Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme, Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine SARS-CoV-2-Variante entwickelt, die den Schutz vor einem schweren Verlauf trotz Immunisierung/Impfung deutlich reduziert? Wenn sich der Schutz gegen einen schweren Verlauf von aktuell etwa 96% auf zum Beispiel 80% reduzieren würde, könnte der Druck auf das Gesundheitssystem wieder stark anwachsen.“

PD Dr. Roman Wölfel, Oberstarzt und Leiter, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München: „Eine Frage, die uns im Alltag immer wieder begegnet, ist folgende: Was ist der Beitrag der zellulären Immunität im Vergleich zur humoralen Immunität? Untersuchungen zu zellulärer Immunität sind deutlich aufwändiger, daher wurde dazu bisher weniger geforscht. Dabei ist die Antwort essenziell für die Beantwortung der Frage: Wie gut sind wir langfristig geschützt?“

Prof. Dr. Hartmut Hengel, Lehrstuhlinhaber und Leiter des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Freiburg, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für Herpes-simplex-Virus (HSV) und Varicella-Zoster-Virus (VZV): „Wie entwickelt sich die Krankheitslast nach dem Übergang der Pandemie in die endemische Phase? Wie können wir vulnerable Patientinnen und Patienten, die nicht geimpft werden können (‚primäre Impfversager‘), wirkungsvoll schützen?“

Dr. Barbara Rath, Vorstandsvorsitzende und Gründerin, Vienna Vaccine Safety Initiative (ViVI): „Wir bräuchten einheitliche, kostengünstige, hoffentlich nicht-invasive Tests, die sowohl im Einzelfall in der Praxis wie auch in weitgefassten Screenings (epidemiologischen Reihenuntersuchungen) beantworten, wer jeweils gegen die aktuelle(n) SARS-CoV-2-Variante(n) geschützt ist. […] Darüber hinaus brauchen wir breit verfügbare und kostengünstige virologische Resistenztests und Datenbanken.“

Impfungen sind da, aber Therapien fehlen

Prof. Dr. Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen: „Wir brauchen auch eine spezifische Therapie gegen Covid-19. Die fehlt bisher gänzlich.“

Prof. Dr. Maria Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie an der Medizinischen Klinik II, Universitätsklinikum Frankfurt: „Erstens, es wird ein Medikament benötigt, […] das unkompliziert verabreichbar ist und die Hospitalisierung von Patient*innen verhindert, die im ambulanten Bereich neu erkrankt sind. Zweitens wird ein Medikament benötigt, das bei Patienten, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung bereits hospitalisiert sind, die Notwendigkeit einer Beatmung verhindert. Und drittens müssen die Mechanismen, die den verschiedenen Formen des sogenannten Long-Covid zugrunde liegen aufgeklärt und gezielte Therapien entwickelt und geprüft werden.“

Prof. Dr. Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie, Universitätsklinikum Regensburg: „Was ich brennend gerne wissen würde: Welche Mechanismen SARS-CoV-2 benutzt, um die Immunantwort zu unterlaufen. Wie SARS-CoV-2 die schwere Inflammation und Schädigung der Lunge bei den schweren Covid-Erkrankungen verursacht. Die Kenntnis dieser Mechanismen könnte ein Ansatzpunkt für eine Therapie sein.“

Über die Langzeitfolgen wissen wir wenig, vor allem bei Kindern

Prof. Dr. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig:

„Wichtige Fragen sind aus meiner Sicht immer noch: Wie hoch ist die Krankheitslast der chronischen Spätfolgen von SARS-CoV-2-Infektionen, und wie verteilt sie sich auf die unterschiedlichen Gruppen (Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen, Sozioökonomischer Status)? Wie hoch ist die Krankheitslast der Maßnahmen gegen die Pandemie (Schulschließung, Mobilitätseinschränkung, Stilllegung bestimmter Dienstleistungen, Homeoffice und weitere), und wie verteilt sie sich auf die unterschiedlichen Gruppen (Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen, sozioökonomischer Status)? […]“

Prof. Dr. Holger F. Rabenau, Technischer Leiter des Bereichs klinische Virologie und Leiter des Bereichs Infektionsserologie, Virusisolierung und Elektronenmikroskopie, Universitätsklinikum Frankfurt: „Eine […] besonders wichtige Frage ist die der Covid-19-bedingten (akut und post-Covid-19) Krankheitslast bei Kindern. Dazu gibt es bereits zahlreiche Studien, mit zum Teil recht diskrepanten Ergebnissen. […] Besser vergleichbare Daten (unter Einbeziehung von geeigneten Kontrollkollektiven) würden wesentliche Argumente in der Diskussion zum Thema ‚Impfung von Kindern‘ beitragen.“

PD Dr. Julian Schulze zur Wiesch, Leitender Oberarzt Sektion Infektiologie und Leiter des Ambulanzzentrum Virushepatologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Hamburg: „Wir fangen erst an, mögliche medizinische Kollateralschäden durch die veränderte Gesundheitsvorsorge oder die veränderte Inanspruchnahme des Gesundheitssystems, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen, durch verändertes Gesundheitsverhalten (weniger Sport, mehr Alkohol) oder aber auch durch Stress und Einsamkeit (vermehrtes Auftreten von psychiatrischen Erkrankungen) zu untersuchen.“

Globale Probleme lassen sich nicht lokal lösen

Dr. Andreas Bergthaler, Leiter der Forschungsgruppe Virale Pathogenese und antivirale Immunantworten, Forschungsinstitut für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM), Wien, Österreich: „Wie schaffen wir es, ärmere Länder beim Impfen zu unterstützen und damit insgesamt auch die globale Viruszirkulation und Entstehung neuer Varianten zu bremsen?“

Prof. Dr. Eva Rehfuess, Leiterin des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU): „Wie wirken unterschiedliche (Risiko-)Kommunikationsmaßnahmen auf den Pandemieverlauf? Wie wirken unterschiedliche Formen der wissenschaftlichen Politikberatung (im internationalen Vergleich) auf den Pandemieverlauf? Welche Maßnahmen können soziale Ungleichheiten im Pandemieverlauf am wirksamsten reduzieren?“

Prof. Dr. Barbara Prainsack, Department of Global Health & Social Medicine, King’s College London, Mitglied der Ethikgruppe der britischen DNA-Datenbank, UK National Criminal Intelligence DNA Database, Mitglied der European Group on Ethics and New Technologies und Mitglied der österreichischen Bioethikkommission: „Ein beträchtlicher Teil der Auswirkungen der Covid-19 Pandemie ist auf die Art zurückzuführen, wie wir leben und wirtschaften. Eine wichtige Frage für die uns bevorstehende Zukunft lautet daher: Wie muss unsere Gesellschaft, unsere Politik und unsere Wirtschaft organisiert sein, damit solche Krisen nicht mehr eintreten?“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

Bildquelle: © gettyImages/janiecbros

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