26. Februar 2021

Neue Varianten, einfachere Zulassungen

Die Chefs von BioNTech und PEI äußern sich zur Zukunft der Corona-Impfstoffe

Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 schützen zuverlässig vor Covid-19. Das zeigen Real-World-Daten aus Israel. Seit Anfang Februar sinkt die Zahl an Neuinfektionen vor allem bei Personen über 60 Jahren stark. Sie wurden ab Dezember 2020 als 1. Gruppe mit der mRNA-Vakzine von BioNTech/Pfizer geimpft. Doch die Mutationen des Coronavirus bereiten zunehmend Sorgen: Kleine, als Preprints veröffentlichte Studien, zeigen eine schlechtere Wirksamkeit sowohl von mRNA- als auch Vektorvirus-Vakzinen gegen die Varianten.1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Autor: Michael van den Heuvel

Vor welchen Herausforderungen wir alle, und ganz besonders forschende Hersteller und Zulassungsbehörden, stehen, diskutierte ein hochkarätiges Expertengremium – der Chef des für die Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) Prof. Dr. Klaus Cichutek, Prof. Dr. Uğur Sahin, Vorstandsvorsitzender von BioNTech, und die Infektiologin und Internistin Prof. Dr. Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – bei einem Press Briefing des Science Media Center Germany.

Wie schnell lassen sich Impfstoffe modifizieren?

Sahin betonte, dass es darauf ankommt, die neu zirkulierenden Varianten differenziert zu betrachten. „Bei der britischen Variante B.1.1.7 sehen wir das Hauptrisiko in einer höheren Infektiosität, aber nicht in schlechter neutralisierenden Antikörpern“, erklärte er. „Deshalb ist ein Lockdown die wichtigste Maßnahme, bis ausreichend viele Menschen geimpft worden sind.“

Etwas anders sieht Sahin die Lage bei der südafrikanischen Variante B.1.351. Hier gebe es zumindest Hinweise auf eine schlechtere Wirkung. Dennoch gibt Sahin zumindest für seinen mRNA-Impfstoff Entwarnung: „Wir haben keine Real-World-Daten, wissen jedoch aus dem Labor, dass eine ausreichend starke neutralisierende Wirkung gegen die Variante auftritt“, so der Experte. Bei hohen Antikörper-Titern im Blut erwartet er bei der BioNTech-Vakzine deshalb auch Effekte gegen B.1.351. Man teste ständig die Neutralisationsaktivität der Seren von Geimpften, die den BioNTech/Pfizer-Impfstoff in Studien erhalten hatten, gegen neue Virusvarianten. „Wir haben noch keinen enormen Druck, den Impfstoff zu wechseln“, betonte Sahin.

PEI-Präsident Cichutek sieht perspektivisch Gefahren für die Effektivität von Impfstoffen, falls Mutationen im Bereich des Spike-Proteins auftreten. Dann sei ein „Immune Escape“ möglich. Als Beispiel nannte er E484K: eine Veränderung, welche man in der südafrikanischen Variante nachgewiesen habe. „Weitere Mutationen im Laufe der Evolution von SARS-CoV-2 halte ich für denkbar“, so der Experte. Einen genauen Zeitpunkt, wann die Zeit reif für veränderte Impfstoffe sei, könne er aber nicht nennen.

Doch die Forschung ist bereit. Auf einen möglichen Zeitplan für modifizierte Vakzine angesprochen, gibt sich die Hamburger Infektiologin Addo optimistisch. Sie arbeitet selbst u.a. an Vektorvirus-basierten Impfstoffen. Mit Impfstoff-Plattformen auf Basis von mRNA oder Vektorviren habe man gute Tools in der Hand, um rasch auf Mutationen reagieren zu können, sagte Addo. „Zwei bis drei Monate sind eine realistische Timeline, um eine Vakzine anzupassen.“ Sie veranschlagt sechs Wochen für molekularbiologische Arbeiten und weitere sechs Wochen für die Kultur der Impfviren. Bei mRNA-basierten Plattformen seien sogar kürzere Zeiträume denkbar.

Neue Zulassungsmechanismen in Sicht

Doch wie sollen die veränderten Impfstoffe dann zugelassen werden? Natürlich sei es dann wichtig, nicht nochmals Zeit mit klinischen Studien der Phasen 1 bis 3 zu verlieren, betonte Addo. Doch das wird laut Cichutek wohl auch nicht erforderlich sein; es gebe bereits Gespräche mit der Europäischen Kommission. „Die Idee ist, dass Firmen keine Neuzulassung einreichen, sondern ihre Zulassung über eine sogenannte Typ-II-Variation erhalten“, erklärte der PEI-Präsident. Darunter versteht man laut EMA eine „wesentliche Änderung einer Genehmigung für das Inverkehrbringen, die erhebliche Auswirkungen auf die Qualität, Sicherheit oder Wirksamkeit eines Arzneimittels haben kann“, jedoch „keine Änderung des Wirkstoffs, seiner Stärke oder des Verabreichungsweges“. Variationen vom Typ II bedürfen lediglich einer formellen Genehmigung. Details bereitet die EMA gerade vor.

Cichutek versicherte: „Kleinere Studien reichen dafür aus.“ Wichtig sei jedoch zu zeigen, dass eine neue Vakzine dann auch gegen die ursprünglich zirkulierenden Varianten wirksam sei. „Die Titer neutralisierender Antikörper könnten hier Anhaltspunkte liefern“, meinte der PEI-Präsident. Bis wann solche Änderungen eingeführt sein könnten, lasse sich aber derzeit noch nicht sagen. Ob Entscheidungen auf deutscher oder europäischer Ebene fielen, sei letztlich Sache der Politik. „Bisher hatten wir immer EMA-Zulassungen“, so Cichutek.

Neue Impfstrategien in der Diskussion

Ärzten rät der PEI-Chef, sich strikt an Zulassungen und an STIKO-Empfehlungen zu halten. „Dazu zählt auch die Maßgabe, beide Impfungen mit dem gleichen Impfstoff durchzuführen.“ Mittelfristig hält Cichutek aber das „Prime-Boost-Konzept“ für eine denkbare Option: Personen erhalten nach der üblichen Impfung mit zwei Dosen in zeitlichem Abstand eine andere Vakzine. Damit will man bessere Immunreaktionen auslösen. Auch in Deutschland ist wohl eine Studie zu diesem neuen Prinzip geplant. „Wir haben dazu eine Institution wissenschaftlich beraten“, so Cichutek. Details dürfe er nicht nennen.

Sahin bewertet die neue Impfstrategie ebenfalls positiv: „Wir haben keine Hinweise, dass mRNA-Impfstoffe nicht zum Boostern anderer Impfstoffe verwendet werden könnten.“ Zwar hätten viele Menschen Antikörper gegen PEG, aber das scheine bei der Immunreaktion egal zu sein. Polyethylenglykole (PEG) sind Hilfsstoffe in Vakzinen.

Als weiteren Vorteil sieht der BioNTech-Chef, dass bei der mRNA-Technologie die Proteine als Antigene nicht im Impfstoff seien, sondern erst in den Zellen entstehen. Es gebe also keine sofortige Reaktion gegen die Proteine beim Impfen. An der generellen Strategie, Impfstoffe mit Gensequenzen des Spike-Proteins zu entwickeln, wird er festhalten: „Spike ist das einzige Protein, welches die Aufnahme des Virus in Zellen bedingt.“

Und was ist mit der Möglichkeit, einen Impfstoff gegen viele unterschiedliche Varianten zu kreieren? Sahin brachte dieses Konzept einer universellen Impfung gegen diverse Varianten von SARS-CoV-2 zur Sprache – eine Idee, die schon lange bei Influenza-Impfungen diskutiert wird: „Das ist sinnvoll, wenn man bestimmte Epitope hat, die hoch konserviert sind.“ Sprich: In diesen Regionen treten kaum Mutationen auf. Das Spike-Protein gilt als möglicher Kandidat. Jedoch gibt es Addo zufolge derzeit keine konkreten Entwicklungsprogramme.

Die Experten sind sich darin einig, dass derzeit die Priorität ist, vor allem möglichst große Mengen an Impfstoffen zu produzieren – und neue Varianten engmaschig zu überwachen.

Dieser Beitrag erschien im Original auf medscape.com, 24.02.2021

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