22. Januar 2021

Epidemiologisches Modell

SARS-CoV-2 als harmloses Erkältungsvirus?

Auch ohne hohe Impfquoten und Herdenimmunität könnte SARS-CoV-2 seinen Schrecken verlieren. Darauf deutet das Modell einer US-amerikanischen Infektiologin, das auf der Epidemiologie der weltweit endemischen Coronaviren beruht, die nur harmlose Erkältungen auslösen.1

Lesedauer: 2 Minuten

SARS-CoV-2-Infektion: Anfangs oft asymptomatisch

SARS-CoV-2 konnte sich aus zwei Gründen so schnell über den ganzen Erdball verbreiten: Die Viren haben eine hohe Reproduktionszahl, d.h. sie sind sehr ansteckend und zu Beginn einer Infektion besteht oft eine asymptomatische Phase, in der die Betroffenen unwissentlich ansteckend sind. Vor allem letzteres unterscheidet die neuen Coronaviren von Infektionen mit SARS-CoV-1 und MERS, die deutlich schwerer und häufiger tödlich verlaufen.

Für einen Ausblick auf die weitere Entwicklung der Pandemie hat die Forscherin das Verhalten der vier anderen bekannten Coronaviren NL63, 229E, OC43 und HKU1 analysiert und ein entsprechendes Modell für SARS-CoV-2- aufgestellt. Die vier endemischen Coronaviren führen vor allem bei Kleinkindern zwischen drei und fünf Jahren zu Erkältungskrankheiten – eine Altersgruppe in der auch Covid-19 meist völlig harmlos verläuft.

Infektionen mit den endemischen Coronaviren hinterlassen nur eine zeitlich begrenzte vollständige Immunität, die etwa ein Jahr anhält. Erneute Infektionen sind dann nach einem Abfall der Antikörpertiter möglich, verlaufen aber häufig asymptomatisch und gehen nach experimentellen Studien mit einer verkürzten Virusausscheidung einher. Auch nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 scheinen die Antikörper nach den bisherigen Erfahrungen nach einer gewissen Zeit abzufallen.

Lebenslange Teilimmunität könnte Covid-19 zur Erkältung werden lassen

Die Infektiologin geht davon aus, dass die asymptomatischen Verläufe bei Zweitinfektion durch eine lebenslang bestehende Teilimmunität bedingt sind. Dafür würden die hohen Seroprävalenzen gegen die vier endemischen Coronaviren sprechen. Auch ältere Menschen weisen sehr häufig IgG-Antikörper gegen diese Coronaviren auf, dagegen nur sehr selten IgM-Antikörper, die für eine frische Infektion sprechen würden. Trotzdem scheinen die Älteren die Viren nach einer unbemerkten Infektion an Säuglinge und Kleinkinder weitergeben zu können – andernfalls würden die Kinder nicht in diesem jungen Alter erkranken.

Eine ähnliche Entwicklung sieht die Forscherin auch für SARS-CoV-2 voraus. Ältere hätten danach in einer endemischen Phase mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Teilimmunität gegen SARS-CoV-2, Primärinfektionen würden fast nur noch Kinder betreffen. Impfungen wären dann langfristig irgendwann nicht mehr nötig. Allerdings setzt dies voraus, dass sich SARS-CoV-2 durch Mutationen nicht so ändert, dass auch Kleinkinder schwer erkranken. Da dies keiner mit Sicherheit ausschließen kann, sollte die jetzige Impfstrategie in jedem Fall weiterverfolgt werden.  

  1. Jenny S. Lavine et al;Immunological characteristics govern the transition of COVID-19 to endemicity; Science (2021): eabe6522; DOI: 10.1126/science.abe6522

Bildquelle: © gettyImages/Drazen Zigic

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653