16. April 2021

Meinung

„Long-Covid macht mir Sorgen“(Teil 2)

Ein Kardiologe sieht in der Aufmerksamkeit um Long-Covid die Gefahr für Überdiagnostik, Übertherapie und iatrogene Schäden. Lesen Sie hier Teil 2 seines Kommentars.

Lesedauer: 2 Minuten

Autor: John M. Mandrola, MD

Keine falschen Anreize in der Versorgung schaffen

Wenn Ärzte mit Patienten konfrontiert werden, die Symptome haben, werden sie in vielen Gesundheitssystemen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, dazu angehalten, Untersuchungen durchzuführen. Ein Kardiologe, der bei einem Patienten mit Long-Covid-Symptomen eine Echokardiographie, eine Perfusionsuntersuchung mit Radionukliden oder ein kardiales Monitoring anordnet, erscheint nicht nur fürsorglich, sondern verdient auch daran.

Obwohl es recht zynisch wäre, die wachsende Zahl an Kliniken zur Post-Covid-Versorgung ausschließlich mit finanziellen Motiven in Verbindung zu bringen, ist es auch nicht falsch, die stark wettbewerbsorientierte Natur der Gesundheitsversorgung im Blick zu behalten. Aus der Perspektive eines Krankenhaus-Betreibers bietet Long-Covid eine Gelegenheit, den Marktanteil zu erhöhen und Geld zu verdienen.

Was wir aus der Geschichte lernen sollten

Meine beste Antwort auf das Problem von Long-Covid ist: Wir müssen uns dem Thema empirisch nähern.

Erstens sollten wir uns daran erinnern, dass die meisten medizinischen Interventionen nicht funktionieren oder nur bescheidene Effekte haben; Präparate mit magischen Kräften wie Antibiotika, Insulin oder HIV-Medikamente, sind die Ausnahme, nicht die Regel. Daher sollten wir nicht nur davon ausgehen, dass es für Long-Covid keine einfache Lösung gibt. Vielmehr gilt es, auf die Gefahr iatrogener Schäden zu achten.

Zweitens sind postvirale Symptome nach einer durchgemachten Infektion bekannt. Während der Pandemie kam es zu etlichen Infektionen; es wird eine Menge postviraler Symptome geben. In der Elektrophysiologie haben wir seit langem Patienten mit autonomen Störungen gesehen, etwa mit inadäquater Sinustachykardie, kurz IST, die auf mysteriöse Weise nach einer Infektion begonnen hat.

Die Geschichte der IST erweist sich als lehrreich. Ihre Entdeckung fiel mit der Blütezeit der Katheterablation für supraventrikuläre Tachykardien (SVT) zusammen. Angetrieben durch den Erfolg der SVT-Ablation favorisierten viele Ärzte die Ablation des Sinusknotens bei einer IST. Dies erwies sich sowohl wegen der mangelnden Wirksamkeit als auch wegen schwerwiegender Komplikationen als wenig erfolgreich. Ein medizinisch konservativer Ansatz hätte viele Patienten mit postviraler IST vor iatrogenem Schaden bewahrt.

Plädoyer für einen medizinisch konservativen Ansatz

Long-Covid eignet sich auch gut für einen medizinisch konservativen Ansatz. Diagnostische Algorithmen und therapeutische Interventionen sollten in Studien untersucht werden, die geeignete Kontrollarme beinhalten.

Menschen mit Symptomen sind per Definition leidend. Aber Fürsorge, Empathie und die Selbstheilungskräfte walten zu lassen, scheinen mir die beste Empfehlung zu sein. Machen Sie diese Strategie zum Kontrollarm und vergleichen Sie sie mit den Ergebnissen von Interventionen.

Auf diese Weise ist es wahrscheinlicher, dass wir unser ärztliches Versprechen, durch Diagnostik und Therapieversuche keinen Schaden anzurichten, einhalten können.

Dieser Artikel erschien im Original bei Medscape.de am 14.04.2021.

Bildquelle: © gettyImages/damircudic

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