02. Juli 2021

Nach milder Covid-19-Erkrankung: Lebenslang geschützt?

Menschen, die einen milden Covid-19-Verlauf hatten, werden wahrscheinlich für den größten Teil ihres Lebens Antikörper gegen das Virus bilden. Zu diesem Schluss kommen US-Forschende, nachdem sie bei Genesenen noch Monate nach der Infektion langlebige Plasmazellen im Knochenmark sowie B-Gedächtniszellen nachweisen konnten.1-3

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Was bisher bekannt ist: Menschen, die sich von einer Covid-19-Erkrankung erholt haben, infizieren sich deutlich seltener erneut mit SARS-CoV-2. Dennoch sinken Untersuchungen zufolge die schützenden Antikörper-Titer nach einer Covid-19-Erkrankung in den ersten Monaten nach der Infektion schnell ab.

Dies ließ Zweifel an einer langanhaltenden humoralen Immunität aufkommen. Doch aus Sicht des Immunologen Ali Ellebedy von der Washington University School of Medicine in St. Louis, ist dieses Absinken des Antikörperspiegels nach einer akuten Infektion ein normaler Vorgang. Zudem würden die Antikörper nicht auf Null sinken, sondern vielmehr ein Plateau erreichen.

Studien in Nature publiziert

Dies belegen Ergebnisse seiner kürzlich in Nature publizierten Studie: Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaflern fand der Immunologe spezifische Antikörper-produzierende Zellen bei Menschen, die sich von einer milden Covid-19-Erkrankung erholt hatten, noch 11 Monate nach den ersten Symptomen. „Diese Zellen leben und produzieren Antikörper für den Rest des Lebens der Menschen. Dies ist ein starker Beweis für eine lang anhaltende Immunität“, erklärt er.

Wichtige Player der humoralen Immunantwort: B-Gedächtniszellen auch langlebige Plasmazellen

Eine Plasmazelle aus dem Knochenmark (künstlich eingefärbt). © Dr. Gopal Murti/Science Photo Library

Nach einer Virusinfektion bilden zunächst die kurzlebigen Plasmazellen spezifische Antikörper gegen den Erreger und treiben so die Antikörperspiel im Blut in die Höhe. Sie sterben jedoch ab, sobald die Infektion abgeklungen ist. Danach kommen Immunzellen mit längerer Lebensdauer ins Spiel: Während die Gedächtnis-B-Zellen im Blut patrouillieren, wandern die langlebigen Plasmazellen ins Knochenmark, siedeln sich dort an und scheiden jahrzehntelang kontinuierlich geringe Mengen Antikörper in den Blutkreislauf aus.

Blut- und Knochenmarksanalysen von Genesenen

Um herauszufinden, ob auch Covid-19 zu einem langanhaltenen Immunschutz führt, muss man also das Knochenmark genauer unter die Lupe nehmen, wusste Ellebedy.

Er rekrutierte mit seinem Team 77 Personen, die sich von einer zumeist milden Covid-19-Erkrankung erholt hatten. Nur 6 von ihnen waren aufgrund der Coronaerkrankung im Krankenhaus behandelt worden. Die Teilnehmenden gaben Blutproben ab: zunächst einen Monat nach der Erstinfektion, dann in 3-monatigen Abständen.

Zudem wurde 7 oder 8 Monate nach der Erstinfektion Knochenmark von 18 der Teilnehmenden gewonnen. 5 von ihnen kamen 4 Monate später wieder und stellten eine zweite Knochenmarksprobe zur Verfügung. Eine weitere Person gab separat Knochenmark ab. Zum Vergleich diente Knochenmark von 11 gesunden Personen, die nie an Covid-19 erkrankt waren.

Antikörper noch 11 Monate nach Infektion nachweisbar

Wie erwartet sanken die SARS-CoV-2-Antikörper in den vier Monaten nach der Infektion zunächst stark ab. Doch dieser Rückgang verlangsamte sich. Bis zu 11 Monate nach der Infektion konnten die Forschenden noch Antikörper nachweisen, die das SARS-CoV-2-Spike-Protein erkannten.

Diese Antikörper-Titer korrelierten mit der Häufigkeit von langlebigen spezifischen Plasmazellen in Knochenmarkaspiraten der 18 Personen, die 7 bis 8 Monate nach der Infektion Proben abgaben. In Aspiraten von 11 gesunden Personen fanden sich hingegen keine solchen spezifischen Knochenmarks-Plasmazellen.

Ellebedy konnte außerdem im Blut der Patienten die B-Gedächtniszellen nachweisen, aus denen sich im Falle einer erneuten Infektion rasch neue Plasmazellen bilden. Diese Zellen waren bereits 1 Monat nach der Erkrankung nachweisbar und sie blieben es über mindestens 7 Monate.

Die Studie liefere danach den Beweis, so die Autoren, dass die durch eine milde SARS-CoV-2-Infektion ausgelöste Immunität außerordentlich langlebig ist.

Menschen, die infiziert waren und nie Symptome hatten, könnten ebenfalls eine lang anhaltende Immunität haben, spekulieren die Forscher. Allerdings müssen weitere Untersuchungen zeigen, ob auch diejenigen, die eine schwerere Infektion überstanden haben, gegen einen zukünftigen Krankheitsausbruch geschützt sind.

Defekte Immunantwort bei schweren Verläufen?

„Es könnte in beide Richtungen gehen”, sagte Erstautor Jackson Turner, PhD, Dozent für Pathologie und Immunologie. „Entzündung spielt eine große Rolle bei schwerem Covid-19, und zu viel Entzündung kann zu defezitären Immunantworten führen. Andererseits ist der Grund, warum Menschen wirklich krank werden, oft, dass sie eine Menge Viren in ihrem Körper haben, und eine Menge Viren können zu einer guten Immunantwort führen. Es ist also nicht klar. Wir müssen die Studie bei Menschen mit mittelschweren bis schweren Infektionen wiederholen, um zu verstehen, ob sie wahrscheinlich vor einer Reinfektion geschützt sind.”

Ellebedy und sein Team untersuchen nun, ob auch die Impfung langlebige Antikörper-produzierende Zellen induziert.

  1. Turner, J.S., Kim, W., Kalaidina, E. et al. SARS-CoV-2 infection induces long-lived bone marrow plasma cells in humans. Nature (2021). https://doi.org/10.1038/s41586-021-03647-4
  2. Nature, 26.05.2021: Had COVID? You’ll probably make antibodies for a lifetime
  3. Washington University School of Medicine St. Louis, 24.05.2021: Good news: Mild COVID-19 induces lasting antibody protection

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