14. Dezember 2021

Interview

Was bedeutet die Omikron-Variante für die Pandemie?

Was macht die Omikron-Variante so besonders? Welche Auswirkungen hat dies auf den Impfschutz? Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Dr. Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Lesedauer: 4,5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger, Interview vom 09.12.2021

Ende November entdeckten Forscher die neue SARS-CoV-2-Variante Omikron. Weshalb wurde diese von der WHO als „Variant of concern (VOC)“ eingestuft?

Prof. Dr. Weber: Ausschlaggebend waren hierfür zwei Dinge. Zum einen wurde von südafrikanischen Kolleginnen und Kollegen ein sehr steiler Anstieg der Fallzahlen in verschiedenen Provinzen registriert.

Der zweite Punkt ist die Sequenz dieses Virus, die ungemein viele Mutationen aufweist, sehr viel mehr als die bisherigen Variants of concern. Dieses Virus macht den Eindruck, dass es aus dem Nichts gekommen wäre. Denn es hat keinen Stammbaum mit Zwischenstufen, außer dass es mit dem Wuhan-Stamm verwandt ist. Einige der Mutationen im Spike, befinden sich zumindest in der Nähe von Bindestellen, an welche Antikörper binden können, die man infolge einer Infektion oder Impfung gebildet hat. Mit anderen Worten: dieses Spike sieht aus wie ein Immunescape-Spike, oder besser Antikörper-Escape, da Immunität aus mehreren Systemen besteht.

Das waren die Gründe weswegen die WHO anhand gewisser festgelegter Kriterien, die Variante als VOC eingeordnet hat. Wie man sieht, hatten sie damit auch vollkommen recht.

Die Omikron-Variante breitet sich in Südafrika sehr schnell aus, auch in Dänemark und Großbritannien ist sie auf dem Vormarsch. In Deutschland gibt es hingegen bislang weniger Fälle. Wird die Variante auch hier dominant werden?

Weber: Das kann niemand sagen, aber die Variante hat auf jeden Fall das Potenzial dazu. Der Anstieg der Infektionen ist steiler als bei der Delta-Variante, zumindest nach bisherigen Daten. Die beiden beobachteten Eigenschaften, der Anstieg der Infektionen und die Mutationen, und jetzt auch die Neutralisationsdaten, von mittlerweile vier verschiedenen Laboren, zeigen alle, dass diese Variante einen prall gefüllten Waffenschrank hat.

Erste Labordaten zeigen eine deutlich verminderte Wirkung von Antikörpern, u.a. von Sandra Ciesek aus Frankfurt. Welche Konsequenzen hat dies?

Weber: Man braucht wahrscheinlich eine dritte Impfung, um vor Ansteckung und symptomatischer Infektion geschützt zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass man keinen Schutz vor einer schweren Erkrankung hätte. Bei Biontech hat sich gezeigt, dass wenn man geboostert ist, die Immunität wieder voll hergestellt ist.

Es gibt zwei Arten, wie ein Virus neutralisiert werden kann, entweder über hochspezifisch bindende Antikörper, von denen man weniger braucht, oder man hat Antikörper, die nicht ganz so gut binden, aber dafür umso mehr von ihnen. Zweiteres wäre der Effekt der Booster-Impfung. Die Antikörper, die auf Grundlage des Wuhan-Stamms gebildet worden sind, binden vielleicht weniger gut an die Omikron-Variante, sind aber in großer Menge vorhanden. Das reicht für einen guten Schutz. Allerdings muss man bei diesen Aussagen aufpassen, da es bislang nur Labordaten vorliegen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass von Biontech im Computer die T-Zell-Epitope überprüft wurden. Solange das Virus nur im oberen Atemtrakt ist, atmen, niesen und husten wir es aus, geben es weiter, aber werde nicht schwer krank. Wenn das Virus aber tiefer ins System eindringt und die Blutgefäße und Organe befällt, Covid-19 ist nicht nur eine Lungenentzündung, dann werden wir schwer krank, davor schützen uns CD8 T-Zellen. Laut Biontech ist der überwiegende Anteil der T-Zell-Epitope bei Omikron erhalten. Der Schutz vor schwerer Erkrankung sollte also bestehen.

Ist eine Anpassung der Impfstoffe notwendig?

Weber: Wenn wir das Virus nachhaltig in seine Schranken weisen wollen, ist es wichtig, dass wir so eine Immunität haben, die uns vor der Infektion und der Weitergabe schützt. Sonst werden immer wieder neue Varianten auftreten, so potent wie dieses Virus offenbar ist. Die britische Alpha-Variante ist ja auch aus dem Nichts gekommen. Daher ist es wichtig zu boostern und so gute Antikörperspiegel wie möglich breit in der Bevölkerung zu haben. Dafür ist ein angepasster Impfstoff natürlich besser.

Wie könnte die Impfquote gesteigert werden?

Weber: Durch Appelle und Aufklärung, und wenn die Leute einen „Totimpfstoff“ wollen, dann sollen sie ihn nehmen, der Novavax-Impfstoff steht in der EU kurz vor der Zulassung. Hauptsache ist, sie lassen sich so schnell wie möglich impfen. Die Leute sollen auch auf keinen Fall auf einen Omikron-Impfstoff warten, welcher für März angekündigt wurde, sondern den nächsten Impftermin wahrnehmen.

Wie stehen Sie zu einer allgemeinen Impfpflicht gegen Covid-19?

Weber: Ich bin mittlerweile dafür, auch wenn es gesellschaftliche Verwerfungen produziert. Wichtig ist sie vor allem für spezielle Berufsgruppen. Aber wenn man das Virus eindämmen möchte, braucht man eine breite Immunität. Das schaffen wir ohne Impfpflicht nicht. Es lassen sich zwar derzeit wirklich viele Menschen impfen, aber bei vielen handelt es sich um Boosterimpfungen. Bis wir in einem Bereich von über 80%, besser über 90% der Bevölkerung liegen, wird es noch lange dauern.

Die Frage ist auch, ob es von der Infrastruktur her durchführbar ist, es sind über 20 Millionen Menschen, die noch geimpft werden müssen. Der Vorteil der Impfpflicht ist, dass Menschen, die sich lange lautstark dagegen ausgesprochen hatten nun aber innerlich unsicher geworden sind, dann eine Ausrede haben. Allerdings ruft das auch Radikale auf den Plan, die zu allem entschlossen sind.

Gibt es schon erste Hinweise, wie die Erkrankung bei einer Infektion mit der Omikron-Variante verläuft?

Weber: Dazu kann man seriös noch nichts sagen, es gibt Hinweise in beide Richtungen, wir brauchen noch mehr Daten. Die meisten Fälle gibt es in Südafrika, mit einer jungen Population, die oftmals bereits zuvor infiziert gewesen ist und daher eine gewisse Grundimmunität hat. Die Situation ist daher nicht auf Europa übertragbar, zumal auch die Delta-Variante in Südafrika momentan keine Rolle spielt.

Wenn es bei uns auf immunologisch naive und sehr empfängliche Personen trifft, kann das ganz anders verlaufen. Es kann gut sein, dass es sich nicht von Delta unterscheidet, aber aufgrund der höheren Ansteckungsrate kann es allein durch die Masse an Infizierten zum Problem werden und die Kliniken noch tiefer in die Krise treiben.

Die allgemeinen Maßnahmen, insbesondere das Maske tragen, helfen aber auch gegen Omikron. Auch als Geimpfter sollte man diese weiter beachten.

Unser aktuelles Problem ist aber noch immer Delta, Omikron steht warnend am Horizont, bzw. ist bereits unter uns. Wie weit es in der Lage ist Delta zu verdrängen, das wird man noch sehen.

Prof. Dr. Friedemann Weber ist Direktor des Instituts für Virologie (Fachbereich Veterinärmedizin) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zu seinen Forschungsgebieten zählen die Interaktionen von hochpathogenen RNA-Viren (Bunyaviren, Coronaviren, Influenzaviren) mit dem Typ-I-Interferonsystem.

Bildquelle: © Getty Images/Andriy Onufriyenko ; privat

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