30. April 2021

Interview

Die Pandemie als Nährboden für Wissenschaftsleugnung

Ob zu Covid-19 oder anderen medizinischen Themen – Desinformationen, Fake News und Verschwörungstheorien sind weitverbreitet. Über die häufigsten Methoden, mögliche Gegenmaßnahmen und das Beispiel Hydroxychloroquin spricht Dr. Till Koch.

Lesedauer: 4 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

In der SARS-CoV-2-Pandemie hat sich der Blick auf die Wissenschaft verändert, sie steht viel mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Wie wirkt sich dies aus?

Dr. Till Koch: Ich habe das Gefühl, dass wir uns als Wissenschaftler derzeit vergegenwärtigen, was unsere Rolle in der Gesellschaft ist, auch hinsichtlich der Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Ich mache das selbst, sei es durch Vorträge oder den Podcast Infektiopod und es freut mich, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen dies ebenfalls tun. In der Pandemie ist die Kommunikation eine wichtige Aufgabe von uns Ärztinnen und Ärzten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse haben enorm an Einfluss auf aktuelle gesellschaftspolitische Entscheidungen gewonnen. Woran können Sie das fest machen?

Dr. Till Koch: Wir begegnen in der momentanen Situation Problemen, die wissenschaftlich beantwortet werden können, etwa zur Virusverbreitung, aber gleichzeitig die Grundlage für politische Entscheidungen bieten sollen. Es gibt hier einen gewissen Zwiespalt, da die Wissenschaft zwar Empfehlungen geben kann, die Politik jedoch auch andere Komponenten miteinbeziehen muss. Hier kann nicht rein nach der virologischen Erkenntnis gehandelt werden.

Die Situation aus unsicherer Evidenz und der politischen Dimension bietet einen Nährboden für Wissenschaftsleugnung und Desinformation. Der Australier John Cook hat das PLURV-Modell entwickelt, das bestimmte Prinzipien der Wissenschaftsleugnung zusammenfasst.1 Welche Techniken werden hier genutzt?

PLURV: Techniken der Desinformation

Dr. Till Koch: Zunächst sind hier Pseudoexperten zu nennen, also Leute, die beispielsweise einen Arzttitel tragen und vertrauenswürdig erscheinen, aber keine Expertise im diskutierten Feld haben.  Ein Beispiel wäre Wolfgang Wodarg, der zwar Lungenfacharzt ist, aber sich bereits zu Beginn der Pandemie so geäußert hat, dass mangelndes Fachwissen deutlich wurde. Er hat zuvor nie im Bereich Coronaviren oder der Virusausbreitung geforscht, vertritt aber fragwürdige Thesen. Es gibt in Deutschland viele Ärzte, darunter sind leider auch welche, die Wissenschaftsleugnung betreiben.

Der zweite Punkt sind Logikfehler, hierbei trifft man in sich inkohärente Argumentationen und einfache Antworten.

Das nächste sind unerfüllbare Erwartungen. Hier werden von der Wissenschaft deterministische Aussagen („So ist es“) erwartet und keine probabilistischen („So könnte es sein“), wie in der Wissenschaft üblich. Oder es werden Heilsversprechen erwartet, die es in einer Pandemiesituation nur schwer geben kann, auch wenn man immer mehr Erkenntnisse sammelt.

Es folgt die Rosinenpickerei (engl. Cherry Picking), das heißt, es werden Argumentationsbruchstücke herausgesucht und selektiv aufgegriffen, welche die eigene These unterstützen. Der Rest der, oft widersprechenden, Evidenz wird unter den Tisch fallen gelassen.

Das Letzte sind Verschwörungsmythen, klassischerweise wird eine mächtige Elite vermutet, die Geld verdienen möchte, in Deutschland häufig auch mit einer antisemitischen Konnotation.

Was sind mögliche Ziele und Motivation der Wissenschaftsleugnung?

Dr. Till Koch: Ich glaube nicht, dass Wissenschaftsleugner immer bewusst nach diesem Schema vorgehen, sondern viele Dinge intuitiv tun. Ein Beispiel ist der ehemalige US-Präsident Donald Trump, der häufig verschiedene dieser Techniken nutzt.

Durch Wissenschaftsleugnung sollen politische Entscheidungen beeinflusst werden. Die Themen während der Pandemie sind vor allem politisch rechte und konservative Positionen, sei es bei Wodarg, Ken Jebsen oder Sucharit Bhakdi.  

Falschinformationen haben häufig einen langanhaltenden Einfluss, auch wenn sie längst widerlegt sind (z.B. Impfen und Autismus). Eine mögliche Gegenstrategie ist die Inokulations-Theorie aus den 1960er Jahren, die von Stephan Lewandowsky und Sander van der Linden im Kontext von Covid-19 aktualisiert wurde.2 Wie ist hierbei das Vorgehen?

Dr. Till Koch: Bei dieser Theorie geht man davon aus, dass man Menschen vor Falschinformationen schützen und immunisieren kann, indem man folgende vier Dinge tut:

  • Die Inhalte der Falschinformation vorwegnehmen, z.B. um der Behauptung Covid-19 sei nur eine Grippe zu begegnen, könnte man die Schwere und die Folgen der Covid-19 Erkrankung beschreiben.
  • Die Mechanismen erläutern, analog zu den PLURV-Kriterien.
  • Die Akteure benennen und deren politische Agenda vermitteln.
  • Anhand von Kriterien wie Expertise, Integrität und Benevolenz einen kritischen Umgang mit Quellen vermitteln.3

Zu Beginn der Covid-19-Pandemie kam es zu einem großen medialen Wirbel um Hydroxychloroquin als potenzielle Therapie. Was waren hierfür die Auslöser?

Dr. Till Koch: Es gab zunächst eine in vitro-Studie von Yao et al., die einen als Kliniker jedoch nicht sonderlich beeindruckt.4 Es folgte eine in vivo-Studie aus Frankreich, herausgegeben von Didier Raoult aus Marseille.5

Entgegen ihrer geringen wissenschaftlichen Qualität hat diese Studie eine extrem große Aufmerksamkeit erfahren. Zunächst durch mediale Aktivität des Forschungsgruppenleiters in Frankreich und Europa, später durch rechte Newskanäle (z.B. Fox News) auch in den USA. Im Nachfolgenden wurde das Thema von Donald Trump und Tesla-Chef Elon Musk aufgegriffen und weiterverbreitet.

Tragischerweise ist dieser Eindruck hängengeblieben und in vielen Ländern wird noch immer Hydroxychloroquin gegen Covid-19 eingenommen, aktuell in großer Menge in Indien. Es ist beeindruckend, dass eine kleine, schlecht gemachte Studie einen solch langanhaltenden Effekt hat.

Wie war der weitere Verlauf und zu welchem Ergebnis kamen größere Studien mit dem Medikament?

Dr. Till Koch: Die größten Studien zu Hydroxychloroquin waren die SOLIDARITY-Study der WHO, in der fünf verschiedene Medikamente überprüft wurden,6 aber auch die RECOVERY-Studie aus dem Vereinigten Königreich.7 Diese konnten keinen Benefit für die die Patienten zeigen, eher noch ein erhöhtes Risiko für Intubationen oder Todesfälle, ebenso eine QT-Zeit-Verlängerung.8

Haben Sie konkrete Ratschläge für den Umgang mit Patienten, die fragwürdige Thesen vertreten?

Dr. Till Koch: Ich würde dazu raten, die Leute und ihre Sorgen ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören. Es gibt natürlich Ausnahmen, bei beinharten Querdenkern und Wissenschaftsleugnern ist ein Gespräch manchmal nicht sinnvoll.

Aber ähnlich wie bei der Impfgegnerschaft gibt es viele Menschen, die verunsichert sind und mit Argumenten überzeugt werden können. Man sollte dabei klar vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert und mögliche Alternativen aufzeigen Es gibt mittlerweile Evidenz zur Therapie mit Dexamethason und jetzt auch zu Budesonid zur Vorbeugung.9,10

Dr. Till Koch ist Facharzt für Innere Medizin und an der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik (Gastroenterologie mit Sektionen Infektiologie und Tropenmedizin) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf tätig. Außerdem betreibt er mit Kollegen den Infektiopod, einen Podcast über Infektionsmedizin.

  1. P-L-U-R-V – das sind die häufigsten Methoden der Desinformation. Klimafakten.de
  2. Lewandowsky S & van der Linden S. Countering Misinformation and Fake News Through Inoculation and Prebunking. European Review of Social Psychology, DOI: 10.1080/10463283.2021.1876983
  3. Retzbach J. Verständlichkeit ist gut, aber es geht um informiertes Vertrauen. Wissenschaftskommunikation.de, 04.05.2020
  4. Yao X et al. In Vitro Antiviral Activity and Projection of Optimized Dosing Design of Hydroxychloroquine for the Treatment of Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2). Clin Infect Dis 2020; 71(15): 732-739.
  5. Gautret P et al. Hydroxychloroquine and azithromycin as a treatment of COVID-19: results of an open-label non-randomized clinical trial. Int J Antimicrob Agents 2020;  56(1): 105949.
  6. “Solidarity” clinical trial for COVID-19 treatments. World Health Organization
  7. The RECOVERY Collaborative Group. Effect of Hydroxychloroquine in Hospitalized Patients with Covid-19. N Engl J Med 2020; 383:2030-2040
  8. Ramireddy a et al. Experience With Hydroxychloroquine and Azithromycin in the Coronavirus Disease 2019 Pandemic: Implications for QT Interval Monitoring. J Am Heart Assoc 2020; 9(12): e017144.
  9. The RECOVERY Collaborative Group. Dexamethasone in Hospitalized Patients with Covid-19. N Engl J Med 2021; 384(8): 693-704.
  10. Ramakrishnan S et al. Inhaled budesonide in the treatment of early COVID-19 (STOIC): a phase 2, open-label, randomised controlled trial. Lancet 2021; DOI: 10.1016/S2213-2600(21)00160-0

Bildquellen: © Getty Images/Andrii Yalanskyi ; Klimafakten.de; Dr. Till Koch

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