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Covid-19 in der Praxis

09. März 2023

Intelligenztest nach 6 Pandemie-Monaten

Schülerinnen und Schüler in Deutschland schnitten 6 Monate nach Pandemie-Beginn schlechter in einem Intelligenztest ab als frühere Vergleichsgruppen. Die Daten lassen aber keinen sicheren Schluss über die Rolle der Pandemie bei der Intelligenzentwicklung zu. 1

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Schülerinnen und Schüler
Geringere Intelligenztest-Leistung bei Schülerinnen und Schülern in der Pandemie. Symbolbild (Foto: Dreamstime.com | Prasit Rodphan)

Redaktion: Dr. Linda Fischer

Die Autorinnen und Autoren der in Plos One veröffentlichten Studie aus Trier und Chemnitz untersuchten im Jahr 2020, sechs Monate nach Pandemiebeginn, die Leistung von 424 Schülerinnen und Schülern aus 4 Schulen in Rheinland-Pfalz der Klassenstufen sieben bis neun. Als Vergleich zog das Forschungsteam Ergebnisse aus den Jahren 2002 und 2012 heran.

Zur Messung der Intelligenz nutzten die Forschenden den Berliner Intelligenzstrukturtest für Jugendliche.2 Dieser umfasst die Bearbeitungsgeschwindigkeit, Merkfähigkeit, Verarbeitungskapazität, den Einfallsreichtum und die Fähigkeit im Umgang mit numerischem, verbalem und figuralem Material. Aus diesen Teilbereichen wird ein Wert für die Allgemeine Intelligenz ermittelt.

Keine Fortsetzung eines längeren Intelligenz-Abwärtstrends

In der Studie wurde zunächst die Intelligenztest-Leistung von Gruppen von je 104 im Hinblick auf Geschlecht, Klassen-Typ (reguläre Klassen und Hochbegabtenklassen), Klassenstufe und Alter vergleichbaren Schülerinnen und Schülern zwischen 2002 und 2020 verglichen. Während der ermittelte Mittelwert der Allgemeinen Intelligenz für 2002 noch bei rund 112 IQ-Punkten lag, betrug der Wert 2020 nur etwa 105.

Eine weitere Analyse zeigte, dass die Stichprobe aus dem Jahr 2012 höhere Werte erzielte, als die beiden anderen Gruppen (2002 und 2020). Laut Studie deute das darauf hin, dass der zuvor beobachtete Unterschied nicht die Fortsetzung eines längeren Abwärtstrends sei.

Rückstand in 10 Monaten nicht aufgeholt

Zehn Monate nach der ersten Testung in 2020 und somit 16 Monate nach Beginn der Pandemie, testeten die Forschenden die Schülerinnen und Schüler erneut. Sie erreichten in diesem Zeitraum einen durchschnittlichen Zuwachs der Allgemeinen Intelligenz von knapp 8 IQ-Punkten. Das entspricht einem erwartbaren Zuwachs.3,4

Der zuvor beobachtete Rückstand im Vergleich zu den Vorjahren konnte somit nicht aufgeholt werden. Wahrgenommener Stress stand dabei in keinem signifikanten Zusammenhang mit der Leistung im Intelligenztest.

Nachteilige Auswirkungen besonders in ersten Pandemie-Monaten

Laut der Studie liefern die Ergebnisse Hinweise dafür, dass die Pandemie und die daraus resultierenden Probleme im Bildungsbereich die Intelligenz-Entwicklung von Schülerinnen und Schülern beeinträchtigt haben könnte. Nachteilige Auswirkungen seien demnach vor allem in den ersten Monaten der Pandemie aufgetreten.

Stimmen von Fachleuten

Prof. Dr. Detlef Rost, Professor für Psychologie am Center for Mental Health Education, School of Psychology, Southwest University Chongqing, China

„Die Studie bestätigt, was schon lange bekannt ist (z. B. in Stelzl et al.5): Ein Jahr Schule bringt einen Intelligenzzuwachs, der ungefähr 5 IQ-Punkten entspricht. Im Zusammenhang der G8-G9 Diskussion bedeutet das z. B. plakativ gesagt, dass das fehlende Schuljahr und der damit verbundene Intelligenzzuwachs unsere Schüler dümmer macht. Die Studie bringt in dieser Hinsicht also keine neuen Einsichten, ist aber dennoch interessant.“

„Trotz komplexer statistischer Parallelisierung ist die Interpretation nicht eindeutig. Es wurde versucht, mittels komplexer statistischer Verfahren die Stichproben vergleichbar zu machen. Damit sind aber potenzielle Kohorteneffekte nicht kontrolliert worden. Das betrifft z. B. Veränderungen im Curriculum, in schulischen Anforderungen, bei der Handy-/Notebooknutzung, in der Unterrichtsmethodik, in der Klassenzusammensetzung. Man kann den Autoren zugutehalten, dass sie selbst diverse möglich Störfaktoren diskutieren.“

„Die Ergebnisse stimmen mit dem überein, was man bereits weiß: Die Dauer des Schulbesuchs wirkt sich positiv auf die Intelligenz aus. Zu Pandemiezeiten erhielten die Schüler weniger Klassenunterricht. Andere Probleme kamen hinzu, wie z. B. Online-Unterricht. Was letztlich für welche Veränderung verantwortlich ist, kann die Studie nicht klären.“

Wie repräsentativ ist die Studie hinsichtlich Stichprobengröße und -zusammensetzung?

„Überhaupt keine Repräsentativität: 2020 beziehungsweise 2012 wurden Klassen aus 4 Schulen in Rheinland-Pfalz, darunter Spezialklassen für Hochbegabte/Hochleistende, die es so in anderen Bundesländern nur selten oder gar nicht gibt, untersucht. Auch die größere Normierungsstichprobe des Intelligenztests (2002) war selbst zur damaligen Zeit nicht für deutsche Schüler repräsentativ, z. B. waren dort Hochintelligente stark überrepräsentiert. Die Stichproben sind für die komplexe statistische Auswertung ziemlich klein, insbesondere bei der längsschnittlichen Auswertung. Das schränkt die Belastbarkeit der Befunde deutlich ein.“

Wie sind die Veränderung der Leistung in dem Intelligenztest zwischen 2020 und 2021 zu bewerten?

„Test-Retest-Effekte sind eine einfache und naheliegende Erklärung. Wenn ein Intelligenztest zweimal bearbeitet wird, stellen sich i. d. R. immer Wiederholungseffekte ein. Erst Veränderungen, die darüber hinaus gehen, sind darüber hinaus inhaltlich interpretierbar.“

„Es liegen bereits diverse Studien zum Effekt der Schulbesuchsdauer auf die Intelligenz aus verschiedenen Ländern vor, die zeigen, dass der Unterricht eine nachhaltige Intelligenzförderung bewirkt.6 Bei fachkundig ausgewerteten Intelligenztests ist der unvermeidliche Messfehler klein und bekannt und kann bei der Interpretation der Befunde berücksichtigt werden. Der in der Studie verwendete Intelligenztest ist von guter Qualität.“

Prof. Dr. Eva Stumpf, Direktorin des Instituts für Pädagogische Psychologie „Rosa und David Katz“, Universität Rostock

„Durch Vergleiche mit Daten aus anderen Stichproben, mit demselben Intelligenztest versucht das Autorenteam, Hinweise für Einflüsse der pandemiebedingten irregulären Beschulung auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler zu ermitteln. Jede Studie, die hierzu für einen Erkenntniszuwachs geeignete Daten analysiert, ist zu begrüßen, wenngleich die Ergebnisse zurückhaltend interpretiert werden müssen.“

Flynn-Effekte

„Wie etliche Studien zeigen, verändern sich die mittleren Intelligenztestwerte in der Population über verschiedene Kohorten hinweg: Spätestens seit den 1980er Jahren wurden in zahlreichen internationalen Studien Intelligenzzuwächse über Kohorten hinweg berichtet: Jüngere Kohorten erzielten höhere Mittelwerte in den IQ-Tests als vorherige Kohorten. Dieser Effekt wird nach einem der ersten Wissenschaftler, die diesen beschrieben haben, positiver ,Flynn-Effekt‘ genannt und wird auf durchschnittlich etwa 3 IQ-Punkte pro Jahrzehnt beziffert.“7

„Seit etwa 2004 wurden allerdings einige Studien publiziert, die negative Flynn-Effekte bestätigen. Inzwischen sind negative Flynn-Effekte in neueren Studien aus verschiedenen Ländern bestätigt – auch aus Deutschland.8–11 Eine mögliche Interpretation liefern Ergebnisse einer umfangreichen Metaanalyse mit Daten aus deutschsprachigen Ländern. Sie sprechen beispielsweise für einen (schwachen) umgekehrt U-förmigen Verlauf des Flynn-Effekts über die Zeit. Diese zeigen, dass die mittleren Testwerte nach 1977 anstiegen und nach einem Plateau Mitte der 1990er Jahre wieder absanken.“12

„Insgesamt lässt sich die Befundlage zu Flynn-Effekten noch nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild bündeln. Expertinnen und Experten erwarten u. a. für Europa und die USA weitere negative Flynn-Effekte in den nächsten Jahrzehnten.“13

Zur Studie

„Die Ergebnisse des Vergleichs aus den Stichproben von 2002, 2012 und 2020 zeigen niedrigere IQ-Mittelwerte in der Stichprobe 2020 im Vergleich zu 2002 und 2012, wobei die Stichprobe 2012 höhere Werte erzielte als die beiden anderen. Die Ergebnisse beschreiben damit einen umgekehrt U-förmigen Verlauf. Damit ist das Verlaufsmuster weitgehend mit den oben erläuterten Befunden zu Flynn-Effekten kongruent, allerdings bei Breit et al. mit deutlich späterem Wendepunkt.“

„Gleichwohl ist anzunehmen, dass die pandemiebedingten Beeinträchtigungen in der Beschulung sich auch auf die Intelligenzentwicklung ausgewirkt haben. Die Größe der Unterschiede in den Intelligenzmittelwerten bei dieser Studie wären meines Erachtens als Folge mehrerer Einflüsse und Unterschiede zu erklären. Bis zu 7 IQ-Punkte niedrigere Mittelwerte der Stichprobe 2020 beispielsweise in den verbalen Denkfähigkeiten im Vergleich zu 2012 könnten nur anteilig durch einen negativen Flynn-Effekt erklärt werden. Die unter üblichen Bedingungen zu erwartenden Beschulungseffekte waren im Schuljahr 2019/2020 infolge der Beeinträchtigungen der Beschulung höchstwahrscheinlich schwächer ausgeprägt. Und es muss davon ausgegangen werden, dass die Pandemie weitaus mehr Einflussfaktoren für die intellektuelle Entwicklung beeinträchtigt hat. Auch im familiären Umfeld waren die Voraussetzungen durch einen Anstieg familiärer Konflikte sowie Symptomen von Stress, Angst und Depressivität beeinträchtigt.“14

„Nicht auszuschließen ist darüber hinaus, dass die von Breit et al. aufgezeigten Unterschiede in den Intelligenzmittelwerten der verschiedenen Kohorten teilweise auch auf Unterschiede in den Stichproben zurückzuführen sind, wie etwa sozioökonomischer Status, Migrationsstatus, Muttersprache.15 Die Erhebung in Stichprobe 2020 fand zudem kurz nach den Sommerferien statt, was möglicherweise etwas niedrigere IQ-Testwerte begünstigte.“16

„Zu den Ergebnissen der Analyse 2 (intraindividuelle Intelligenzzuwächse von 2020 bis 2021) bleibt festzuhalten, dass meines Erachtens deutliche ‚Aufholeffekte‘ nicht zu erwarten gewesen wären, insbesondere nicht unter den noch anhaltenden Bedingungen der Pandemie.“

„Stärken der Studie liegen im differenzierten Profil des verwendeten Intelligenztests, in der Parallelisierung der Stichproben nach den vorhandenen Variablen sowie in der Relativierung der Ergebnisse aus Analyse 2 an zu erwartenden Retesteffekten.“

„Mangels der Möglichkeit, Fragestellungen wie Einflüsse von Beschulung oder einer Pandemie auf die Intelligenzentwicklung experimentell zu untersuchen, können die beschriebenen Ergebnisse nur mit Bezug auf einen breiteren Forschungsstand gedeutet werden.“

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