10. November 2021

STIKO: Unter 30-Jährige nur mit Biontech impfen

Die STIKO aktualisiert ihre COVID-19-Impfempfehlung. Nun empfiehlt sie, Personen unter 30 Jahren ausschließlich mit dem Impfstoff Comirnaty zu impfen. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Sebastian Schmidt

Auf Grundlage neuer Sicherheitsdaten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) und weiterer internationaler Daten hat die STIKO ihre COVID-19-Impfempfehlung aktualisiert und empfiehlt, Personen unter 30 Jahren ausschließlich mit dem Impfstoff Comirnaty zu impfen. Diese Empfehlung gilt sowohl für die Grundimmunisierung als auch für mögliche Auffrischimpfungen. Auch wenn zuvor ein anderer Impfstoff verwendet wurde, sollen die weiteren Impfungen mit Comirnaty erfolgen.

Wenngleich bezüglich der Impfung von Schwangeren keine vergleichenden Sicherheitsdaten für Comirnaty und Spikevax vorliegen, empfiehlt die STIKO, dass Schwangeren unabhängig vom Alter bei einer COVID-19-Impfung Comirnaty angeboten werden soll.

Seit Einführung der COVID-19-Impfung mit den mRNA-Impfstoffen Comirnaty (BioNTech/Pfizer) und Spikevax (Moderna) ist bekannt, dass nach Verabreichung dieser Impfstoffe in seltenen Fällen Herzmuskel- und/oder Herzbeutelentzündungen (Myokarditis und Perikarditis) bei jüngeren Personen auftreten. Aktuelle Meldeanalysen zeigen, dass Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen bei Jungen und jungen Männern sowie bei Mädchen und jungen Frauen unter 30 Jahren nach der Impfung mit Spikevax häufiger beobachtet wurden als nach der Impfung mit Comirnaty. Für Menschen ab 30 Jahren besteht nach der Impfung mit Spikevax kein erhöhtes Risiko für eine Herzmuskelentzündung und Herzbeutelentzündung.  

Nach den bisher vorliegenden Sicherheitsberichten ist der akute Verlauf von impfstoffbedingten Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen überwiegend mild. Das PEI beobachtet die Datenlage fortlaufend und informiert in seinen Sicherheitsberichten über alle in Deutschland gemeldeten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen nach COVID-19-Impfung.

Kardiologe Zeiher: „Vorteil einer Impfung ist unbestreitbar“

Prof. Dr. Andreas Zeiher, Distinguished Professor of Cardiology, Universitätsklinikum Frankfurt, kommentiert die Möglichkeit einer Myokarditis nach Impfung so: „Als einzige Risikoparameter wurden bisher ein Alter zwischen 16 und 29 Jahren und dazu das männliche Geschlecht identifiziert. Die Gründe dafür sind unklar, die Daten bestätigen sich aber in allen Studien sehr einheitlich. In der Mevorach-Studie zeigt sich bei 16- bis 19-jährigen Männern eine Inzidenz von 1 auf 6 637 Geimpften, während in der gleichen Altersgruppe dies lediglich bei 1 von 99 583 jungen Frauen der Fall war. In der Gesamtpopulation ist die Inzidenz 1 auf 26 000 bei Männern und 1 auf 218 000 bei Frauen nach der zweiten Dosis. Damit ist auch erklärbar, dass in der Zulassungsstudie, die rund 15 000 Geimpfte umfasste, kein Signal für eine erhöhte Myokarditis-Inzidenz gesehen wurde. Grundsätzlich bleibt aber festzuhalten und wird auch in der Studie von Witberg et al. sehr gut dokumentiert, dass die Verläufe der Myokarditen auch bei jungen Patienten exzellent sind und sich fast alle in ihrer Herzfunktion komplett erholen.“ 2 3

„Insgesamt bleibt festzuhalten: Peri- und Myokarditis sind seltene, aber nach mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 vermehrt vorkommende Nebenwirkungen mit einer excess rate von etwa 2,7 auf 100 000 Geimpfte (mit Bevorzugung junger Männer), aber immer noch 4- bis 10-mal niedriger in der Häufigkeit als die Myokarditis, die im Zuge einer COVID-19-Erkrankung beobachtet wird. 4 Angesichts der Tatsache, dass das Virus endemisch werden wird, ist der Vorteil einer Impfung auch was eine Myokarditis angeht unbestreitbar. Zu Kindern im Alter unter 16 Jahren gibt es bisher allerdings keinerlei valide und zahlenmäßig aussagekräftige Daten.“

Klasseneffekt wahrscheinlich, aber unbelegt

Dr. Sabine Keiser, die Chefärztin der Klinik für Kinder und Jugendliche sowie Prof. Dr. Georg Sabin, Senior Medical Advisor der Klinik für Kardiologie & Angiologie und Prof. Dr. Huan N. Nguyen, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin/Gastroenterologie an den Städtischen Klinikgen Mönchengladbach, kommentieren die Frage, wieso die Myokarditisfälle häufiger nach einer Moderna- als einer Biontech-Impfung auftreten: „Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Klasseneffekt. Der Unterschied zwischen Moderna- und Biontech-Impfstoffen könnte an der applizierten mRNA-Impfstoff-Menge (30 Mikrogramm bei Biontech im Vergleich zu 100 bei Moderna) liegen und somit an der Menge der im Körper produzierten Spike-Proteine. Einen Beweis dafür gibt es bislang aber nicht.“

Zu der Frage, wie es zu erklären ist, dass dies häufiger nach der zweiten Impfung passiert, meinen die Ärzte: „Dass es häufiger nach der zweiten Impfung passiert, erklärt sich aus dem möglichen Pathomechanismus. Daher ist die generelle Empfehlung für eine dritte Impfung für alle Altersgruppen mit Vorsicht zu beobachten. Eine Booster-Impfung für Risikopatienten (Immunsupprimierte oder älter als 60 Jahre) ist sinnvoll, weil bei ihnen kein hyperaktives Immunsystem besteht.“

Leopoldina-Präsident Haug für Impfpflicht bestimmter Gruppen

Der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Gerald Haug, hält eine Impfpflicht für bestimmte Gruppen für eine Möglichkeit der Politik im Kampf gegen Corona. In einem Vorwort zu einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme zu antiviralen Medikamenten schreibt Gerald Haug, «Impfpflichten für Multiplikatorengruppen» seien eine Möglichkeit, «unsere Instrumente für die Eindämmung der Pandemie zu verbessern». Zu diesen Gruppen könne man Pflegepersonal, Lehrer und andere Berufsgruppen mit viel Kontakt zu anderen Menschen zählen, teilte die Leopoldina auf Anfrage mit.

  1. Pressemitteilung der STIKO zur COVID-19-Impfung mit mRNA-Impfstoff bei Personen unter 30 Jahren; 10.11.2021
  2. Mevorach D et al. (2021): Myocarditis after BNT162b2 mRNA Vaccine against Covid-19 in Israel. NEJM. DOI: 10.1056/NEJMoa2109730.
  3. Witberg G et al. (2021): Myocarditis after Covid-19 Vaccination in a Large Health Care Organization. NEJM: DOI: 10.1056/NEJMoa2110737.
  4. Barda N et al. (2021): Safety of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine in a Nationwide Setting. NEJM. DOI: 10.1056/NEJMoa2110475.
  5. dpa: 10.11.2021

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