11. Juni 2021

Geruchsverlust durch Covid-19

Jeder 2. ist betroffen – was man bisher dazu weiß und was sich dagegen tun lässt

Bei freier Nase plötzlich auftretende Riechstörungen gelten als frühes Warnzeichen einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus. Falls die Riechfunktion auch nach Monaten gestört sei, könne eine Erholung durch ein Riechtraining gefördert werden, erklärte Prof. Dr. Thomas Hummel, Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Riechen und Schmecken an der Klinik für Hals-, Nasen und Ohrenheilkunde des Universitätsklinikums Dresden auf einer virtuellen Pressekonferenz. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

50 bis 60% aller Covid-19-Patienten betroffen

Riechstörungen sind unabhängig von SARS-CoV-2 keine Seltenheit. „Etwa jeder 20. kann gar nicht riechen, und etwa ein Fünftel der Bevölkerung hat keinen besonders guten Geruchssinn“, sagt Hummel. Bei 50 bis 60% aller Covid-19-Erkrankten sei jedoch zu beobachten, dass es oft schon in den ersten Tagen nach der Infektion zu einer plötzlichen Riechstörung komme. Die Beschwerden stünden meist in keinem Zusammenhang mit Schwellungen der Nasenschleimhaut bzw. mit typischen Symptomen eines Schnupfens.

Zwar erhole sich die Riechfunktion bei den meisten Covid-19-Patientinnen und-Patienten innerhalb von etwa zwei Monaten wieder, berichtet Hummel. „Bei 5 bis 20% der Betroffenen besteht die Riechstörung jedoch länger fort und kann sich über weitere Monate bis vielleicht sogar Jahre hinziehen.“ Von anderen postviralen Riechstörungen wisse man, dass das Riechvermögen bei rund einem Drittel dieser Patienten sogar dauerhaft beeinträchtigt bleibe.

SARS-CoV-2 greift Stütz- und Riechzellen an

Wissenschaftler:innen erklären den Riechverlust so: Das Virus heftet sich nach seinem Eintritt in die Nase an die Riechzellen im Dach der oberen Nasenhöhle und an Stützzellen. Bei diesem Schritt wird der Riechnerv gestört.

Ist die Infektion nur schwach ausgeprägt, verschwinden die Symptome bald – meist innerhalb von Tagen oder Wochen. Bei schwerem Covid-19 sterben Stützzellen ab, was ebenfalls Riechzellen und Basalzellen beeinträchtigt. Stützzellen werden aus basalen Stammzellen nachgebildet, was Zeit kostet. Betroffene leiden längerfristig an diesen Missempfindungen.

„Damit sich eine Riechstörung wieder bessert, müssen sich Riechzellen neu bilden, und ihre Fortsätze zum Gehirn müssen nachwachsen, was Zeit in Anspruch nimmt“, erläuterte Hummel. ER ist auch im Autorenteam der aktuellen S1-Leitlinie „Neurologische Manifestationen bei Covid-19“.

Mit Riechtraining die Genesung beschleunigen

HNO-Ärztinnen und -Ärzte können die Erholung der Riechfunktion durch ein Riechtraining zu Hause untertstützen. „Damit lässt sich die Besserung des Riechvermögens um das Doppelte bis Dreifache beschleunigen“, so der Experte. Patientinnen und Patienten riechen morgens und abends an 4 verschiedenen Düften jeweils eine halbe Minute lang. Sie üben, bis sich ihr Geruchssinn normalisiert hat. Das kann Wochen oder Monate dauern.

Geeignete Düfte, empfahl Hummel, sollten intensiv sein und am besten so wirken, dass der Nervus trigeminus stimuliert werde. Solche Öle rufen ein leichtes Kribbeln und Stechen in der Nase hervor.

Beispielhaft nennt der Experte Rose, Zitrone, Eukalyptus und Gewürznelke. Entsprechende Sets gibt es im Handel. Nach einiger Zeit können diese Öle eventuell durch dezentere Düfte ergänzt bzw. ersetzt werden, wobei man bei einer Gesamtzahl von 4 Düften bleiben sollte.

Subjektive und objektive Tests

Um Riechstörungen möglichst genau auf den Grund zu gehen, empfiehlt Hummel eine HNO-fachärztliche Untersuchung. Behandlern stehen verschiedene subjektive und objektive Riechtestverfahren zur Verfügung. „Oft besteht eine Diskrepanz zwischen dem subjektiven Empfinden und dem, was dann tatsächlich festgestellt werden kann“, berichtet Hummel. „Zudem ist es sinnvoll, den Verlauf der Störung fachärztlich beobachten zu lassen.“

Bei der differentialdiagnostischen Beurteilung ist daran zu denken, dass Riechstörungen auch durch andere Viren, etwa Influenzaviren, oder durch Schädel-Hirn-Verletzungen ausgelöst werden können. Ebenso besteht die Möglichkeit, dass es sich um ein frühes Symptom neurodegenerativer Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Morbus Alzheimer handelt.

Während virale Erkrankungen eher die Riechschleimhaut bzw. den Nervus olfactorius schädigen, sind bei den neurodegenerativen Prozessen insbesondere die Riechzentren im Gehirn betroffen. Deshalb setzt der Riechverlust meist nur schleichend ein.

Auch der Geschmack wird beeinträchtigt

Bei Covid-19 beobachtet man meist nicht nur eine Störung des Riechens, sondern auch Einbußen beim Schmecken. „Allerdings wird Riechen und Schmecken häufig verwechselt“, erklärte Hummel. Viele Menschen können durch verursachte Veränderungen des Feingeschmacks nicht gut von Störungen der gustatorischen Sensitivität unterscheiden.

Der eigentliche Geschmackssinn wird unabhängig vom Riechen über Geschmacksknospen der Zunge vermittelt. Bekanntlich unterscheidet man so die großen Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, bitter und umami (japanisch für schmackhaft oder würzig).

Um das volle Aroma von Speisen oder Getränken wahrzunehmen, braucht man aber auch den olfaktorisch beeinflussten Feingeschmack. Ist er durch eine Corona-Infektion beeinträchtigt, wird das Essen schnell als fade empfunden. Dass Riechtraining trägt auch dazu bei, den Feingeschmack wieder wahrzunehmen.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

Bildquelle: © gettyImages/AIMSTOCK

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