07. August 2020

SARS-CoV-2

Ansteckungsgefahr in Zügen: Preprint-Studie liefert erste Hinweise

Mit der Urlaubszeit und der Rückkehr zu Dienstreisen stellen sich viele die Frage, wie sicher das Zugfahren in Zeiten von Covid-19 ist. Eine Task Force unter Leitung des Internationalen Eisenbahnverbands hat sich diesem Thema gewidmet und Erkenntnisse gesammelt. Dr. Christian Gravert, Leitender Arzt der Deutschen Bahn AG, fasst im folgenden Beitrag wesentliche Ergebnisse der Preprint-Studie zusammen. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag wird vertreten von Dr. Christian Gravert, Leitender Arzt und Hygienesachverständiger der Deutschen Bahn AG.

Zugfahren ist nicht nur hinsichtlich der Unfälle das sicherste Verkehrsmittel, auch die Infektionsgefährdung für SARS-CoV-2 liegt nicht höher als bei Flugzeugen oder dem Individualverkehr. In Deutschland und Österreich wurden bislang keine Infektionen auf Bahnreisen identifiziert.

Das RKI hat im Epidemiologischen Bulletin 29/2020 die Ergebnisse einer informellen Arbeitsgruppe zu Covid-19 im Flugverkehr veröffentlicht. Zum Reisen mit dem Zug haben wir in gleicher Weise unter der Leitung des Internationalen Eisenbahnverbands UIC in einer Task Force die weltweiten Erfahrungen gesammelt und geeignete Maßnahmen abgeleitet. Die internationale Literatur zu Infektionsgefährdungen in Verkehrsmitteln wurde gesichtet und in einem wissenschaftlichen Paper zu den medizinischen, technischen und betrieblichen Aspekten des Bahnverkehrs ausgewertet1. Dabei zeigte sich eine bemerkenswert niedrige Zahl an Infektionen in Zügen.

Keine Fallhäufungen in Zügen

Bereits seit Anfang März gab es Instrumente für das Erkennen von Corona-Fällen in Zügen. Neben einem DB-eigenen Onlinetool auf ihrer Kundenwebseite für Reisende, die befürchteten, sich im Zug infiziert zu haben, wurde von staatlicher Seite die Nutzung von „Aussteigekarten Schienenverkehr“ bei Infektionsverdacht angeordnet, zunächst auf internationalen Zügen und wenig später auch national. Trotz dieser Instrumente zeigten sich keine Infektionen auf Zügen. In Österreich ergab eine gezielte Nachverfolgung von fast 4700 nachgewiesenen Infektionsfällen ebenfalls keine Fallhäufungen durch die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Was ist anders in Zügen und Flugzeugen im Vergleich zu Kreuzfahrtschiffen?

Die Beobachtungen, dass es in Flugzeugen und Zügen trotz der großen Nähe der Reisenden zueinander kaum Infektionen mit SARS-CoV-2 gibt, steht in Kontrast zu den Infektionsclustern auf Kreuzfahrt- und militärischen Schiffen.

  • Es gibt keine gemeinsamen sozialen Aktivitäten wie Shows, Essen an Buffets und Sport, und die Ventilation in Zügen und Flugzeugen unterscheidet sich von denen auf Schiffen.
  • Neben einem möglichst hohen Außenluftanteil reduzieren deutliche Luftbewegungen und eine möglichst gleichmäßig im Raum verteilte Luftzufuhr das Ansteckungsrisiko. Die Luft in einem ICE verläuft wie im Flugzeug im Wesentlichen vertikal (d.h. von der Decke zum Boden), und kaum horizontal, was eine direkte Verteilung des Virus im Wagen durch den Luftstrom wenig wahrscheinlich macht.
  • Die Züge haben eine hohe Luftwechselrate pro Fahrgast: Ein vollständiger Luftaustausch mit Frischluft in einem ICE 4-Wagen findet alle siebeneinhalb Minuten statt. Das sind in etwa die gleichen Luftwechselraten wie im Flugzeug, sie liegen deutlich über den Luftwechselraten in den meisten Gebäuden.

Keine virendichten HEPA-Filter in Zügen vorhanden

In Flugzeugen gibt es virendichte HEPA-Filter. Diese sind technisch bislang in Zügen und Bussen nicht einsetzbar. Während beim Flugzeug im Flug keimfreie Außenluft aufgenommen werden kann, die keine Belastung für solch feine Filter darstellt, müssen die Filteranlagen der Züge in großen Mengen eine Außenluft mit Pollen und Staub bewältigen.

Trotzdem besteht nach den Erkenntnissen aus der Literatur und den Beobachtungen der vergangenen Monate kein erhöhtes Infektionsrisiko. Die Viren sind an Tröpfchen oder Aerosol gebunden. Durch Vermischung der Raumluft mit viel Außenluft, Verwirbelung und lange Wege durch die Klimaanlagen verlieren die Viren die sie umgebende Feuchtigkeit und damit ihre Infektiosität. Um die bisherigen Erkenntnisse zu vertiefen, läuft aktuell ein Forschungsprojekt mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), in dem mit Simulationsrechnungen und 1:1-Versuchen, im Labor und am Originalfahrzeug, Basiswissen über die Aerosolausbreitung in Schienenfahrzeugen geschaffen wird.

Maskentragepflicht und Begrenzungen von Reservierungen

Ein dritter Schutzfaktor ist das Minimieren der Atemluftemissionen von potentiell Infizierten durch die Maskentragepflicht. Das Bedecken von Mund und Nase scheint das Infektionsrisiko im öffentlichen Raum und in Zügen deutlich zu reduzieren. Mit steigenden Fahrgastzahlen lässt sich die Abstandsregel von 1,5 Metern in den Zügen nicht immer zuverlässig einhalten.

Eine verbesserte Auslastungssteuerung soll die Reisenden aber möglichst gleichmäßig verteilen. In den Buchungsportalen werden die Zahl der Reservierungen begrenzt, damit genügend Platz im gesamten Zug zur Verfügung steht. Zur besseren Orientierung wurde in der Fahrplanauskunft eine neue Auslastungsinformation eingeführt. Dabei werden Reiseverbindungen mit einer voraussichtlichen Auslastung von mehr als der Hälfte der Sitzplatzkapazität speziell gekennzeichnet. Für Verbindungen mit voraussichtlich sehr hoher Auslastung wird die Ticketbuchung eingeschränkt.

DB-Mitarbeiter nicht überdurchschnittlich häufig an Covid-19 erkrankt

Ein Hinweis auf die geringen Ansteckungsgefahren in Zügen kann auch die Erkrankungsrate unserer eigenen Mitarbeiter sein. Die Zahl der DB-Mitarbeiter mit Covid-19-Erkrankungen, bezogen auf die Grundgesamtheit ihrer Gruppe innerhalb der Bahn, liegt im Zugbegleitdienst unter dem alterskorrigierten bundesdeutschen Anteil von Covid-19-Fällen, obgleich diese Mitarbeitergruppe während der gesamten Pandemiephase auf den Zügen unterwegs war und damit auch mit infizierten Reisenden in Kontakt gekommen sein könnte.

Weitere Studien mit Charité Research Organisation

Um diese rückblickende Analyse auch prospektiv zu untermauern, untersucht die DB zusammen mit dem Team der Charité Research Organisation (CRO) in einer wissenschaftlichen Studie die Verbreitung des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 im Fernverkehr (DRKS 00022359). Dafür werden zufällig ausgewählte Mitarbeitende der Bereiche Bordservice (z.B. Zugbegleiter), Triebfahrzeugführer sowie Instandhaltung in insgesamt drei Testreihen im Abstand von jeweils vier Monaten auf SARS-CoV-2-Viren und entsprechende Antikörper untersucht. Der erste Durchlauf mit über 1000 Teilnehmern in der ersten Juli-Woche ergab bei Mitarbeitenden im Bordservice mit direktem Kontakt zu Reisenden keine häufigeren SARS-CoV-2-Antikörper im Blut (ELISA IgG Euroimmun) als bei den anderen getesteten Mitarbeitergruppen.

  • Dr. Christian Gravert ist Arzt für Allgemein- und Arbeitsmedizin.
    Er ist als Leitender Arzt der Deutschen Bahn AG für die medizinischen Themen im Unternehmen verantwortlich, von den ärztlichen Untersuchungen für Bahnmitarbeiter über die Pandemieplanung bis zur gesundheitlichen Sicherheit von Trinkwasser und Klimaanlagen.

  1. Gravert et al: Preliminary Implications of COVID-19 on Long- Distance Traffic of Deutsche Bahn; Researchgate Juni 2020, preprint-Server

Bildquelle: © gettymages/Tzido

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