27. Mai 2021

Experten zur Coronavariante aus Indien

Seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie wurden 3 besorgniserregende Varianten (variants of concern, VOC) des Virus nachgewiesen: B.1.1.7 (Großbritannien), B.1.351 (Brasilien) und P.1 (Südamerika). Derzeit breitet sich die indische Mutation B.1.617 als 4. VOC aus – in Großbritannien vor allem deren Untervariante B.1.617.2.

Lesedauer: 5 Minuten

Autor: Michael van den Heuvel.

Bei einem Pressebriefing des Science Media Center Germany diskutierten internationale Experten mögliche Folgen dieser Entwicklung für die Pandemiekontrolle 1.

Weltweite Verbreitung in kürzester Zeit

B.1.617 wurde erstmals Anfang Oktober 2020 im indischen Bundesstaat Maharashtra nachgewiesen, damals ohne dass Virologen der Mutation viel Beachtung geschenkt hätten. Sie sollten sich täuschen: Ab Januar 2021 breitete sich B.1.617 immer stärker aus, und bis Mitte April 2021 fanden indische Ärzte die Variante bei etwa 60% aller COVID-19-Patienten dort, Tendenz steigend.

Gesundheitsbehörden aus Großbritannien (22. Februar 2021), Deutschland (1. März 2021), aus den USA (23. Februar 2021), aus Singapur (26. Februar 2021) und aus weiteren Ländern entdeckten die Mutation ebenfalls in Abstrichen in ihren Heimatregionen. Für die Weltgesundheitsorganisation WHO war das Grund genug, B.1.617 im Mai 2021 schließlich als „variant of concern“ einzustufen.

Laut Robert Koch-Institut (RKI) besteht B.1.617 aus den Untervarianten B.1.617.1, B.1.617.2 und B.1.617.3. „Sie haben Mutationen an den Positionen 452 und 681 des Spike-Proteins gemein“, erklärt Prof. Dr. Richard Neher von der Universität Basel. Beide Mutationen veränderten das Spike-Protein, mit dem das Virus in menschliche Zellen eindringe. „Aber ansonsten sind sie ziemlich unterschiedlich“, so der Experte.

Leichtere Übertragbarkeit – doch Daten fehlen

Es gebe „Hinweise, dass einige der Mutationen dieser Variante ihre Übertragbarkeit erhöhen könnten, beispielsweise über eine Verstärkung der Bindung an die menschlichen Zellen“, schreibt das RKI. Epidemiologische Daten deuteten darauf hin, dass die Untervariante B.1.617.2 eine erhöhte Übertragbarkeit aufweise, die B.1.1.7 gleichkomme.

„Die zuerst in Indien entdeckte Variante des Coronavirus könnte bis zu 80% leichter übertragbar sein als die bislang vorherrschende britische Variante“, vermutet Prof. Dr. Neil Ferguson vom Imperial College London. „Derzeit gibt es aber noch keine belastbaren Daten.“ Ferguson ergänzt: „Wir wissen nur, dass die auch als B.1.617.2 bezeichnete Variante einen Vorteil hat, der zwischen 20 und 80% liegen könnte.“ Der Experte hält es „nicht für sicher, ob sich die Mutante als dominant durchsetzen wird“, dies sei aber „recht wahrscheinlich“.

„Es gibt aber große Unterschiede zwischen der Situation Ende 2020 und der aktuellen Situation“, sagt Ferguson. Damals hatte die „britische Variante“ für zahlreiche Infektionen gesorgt. „Mittlerweile ist fast die halbe Bevölkerung geimpft, und wir sehen niedrigere Fallzahlen“, so der Experte weiter. Und Impfungen machten – trotz offener Fragen – einen „substanziellen Unterschied“ bei der Übertragung. Doch wie wirksam sind Vakzine?

Beeinflussen indische Varianten den Erfolg von Impfungen?

Eine Analyse der britischen Sequenzierungsdaten zeigt, dass sich bei Neuinfektionen B.1.617.2 um 13% schneller ausbreitet als die zuvor dominierende Variante B.1.1.7. Als Vermutung steht im Raum, dass es zu einer Immunevasion kommt. Immerhin haben 50% aller Bürger Großbritanniens mindestens eine Impfdosis erhalten.

Laut Prof. Dr. Tom Wenseleers von der Catholic University of Leuven, Belgien, gibt es aber aus der Praxis kaum Anhaltspunkte, dass ein Immune Escape die Wirkung von Impfstoffen abschwächt.

Vorläufige Daten ab Mitte Mai aus Bolton, einem Hotspot im Nordwesten Englands, zeigen, dass die meisten Menschen, die mit COVID-19 aufgrund von B.1.617.2 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, nicht geimpft waren. Nur 5 von 18 Krankenhauspatienten, die positiv auf die Variante getestet wurden, hatten eine Impfstoffdosis erhalten und nur 1 Patient hatte beide Dosen bekommen.

Forscher frühen derzeit auch Labortests durch, um zu prüfen, wie gut Antikörper verschiedene virale Varianten neutralisieren. Eine in Nature Medicine veröffentlichte Studie legt nahe, dass solche Untersuchungen den realen Immunschutz „in hohem Maße vorhersagen“, wie Dami A. Collier von der University of Cambridge und Kollegen schreiben.

Prof. Dr. Nathaniel Landau und sein Forscherteam von der New York University haben verschiedene Laborexperimente durchgeführt. Sie wollten herausfinden, ob Antikörper von Genesenen und mit Moderna oder BioNTech-Geimpften an mutierte Virusproteine binden. In einem Preprint berichten sie, dass die Wirksamkeit gegen B.1.617 und B.1.617.2 zwar geringer ausfalle als gegen den Wildtyp. Dennoch sei mit einer Schutzwirkung zu rechnen, so ihr Fazit.

„Wir sehen, dass Antikörper gegen B.1.617.2 weniger effektiv sind“, bestätigt auch Prof. Dr. Ravindra Gupta vom Cambridge Institute for Therapeutic Immunology and Infectious Diseases. „Der Effekt ist aber schwächer als etwa bei der brasilianischen Variante.“

Neue Daten von Public Health England geben teilweise Entwarnung

Gelten diese Erkenntnisse auch unter „Real World“-Bedingungen? Eine von Public Health England veröffentlichte Studie gibt zumindest Entwarnung hinsichtlich der stark zirkulierenden VOC B.1.617.2.

Die Analyse umfasst Daten für alle Altersgruppen ab dem 5. April bis zum 16. Mai 2021. 1.054 Personen, bei denen nach einer SARS-CoV-2-Infektion durch genomische Sequenzierung bestätigt wurde, dass sie die Variante B.1.617.2 haben.

  • Der BioNTech/Pfizer-Impfstoff war 2 Wochen nach der 2. Dosis zu rund 88% gegen symptomatische Erkrankungen aufgrund von B.1.617.2 wirksam, verglichen mit einer Wirksamkeit von 93% gegen die Variante B.1.1.7.
  • 2 Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs waren zu 60% gegen symptomatische Erkrankungen aufgrund von B.1.617.2 wirksam, verglichen mit 66% Wirksamkeit gegen die Variante B.1.1.7.
  • Für das Oxford-Vakzin geben die Forscher 2 Wochen nach der 2. Dosis rund 60% als Schutzwirkung gegen B.1.617.2 an, verglichen mit 66% gegen B.1.1.7.
  • Die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und AstraZeneca waren 3 Wochen nach der 1. Dosis zu 33% gegen symptomatische Erkrankungen durch B.1.617.2 wirksam, verglichen mit etwa 50% bei der B.1.1.7-Variante. Angaben zu 1. Dosis des Oxford-Vakzins machen die Forscher hier nicht.

„Wir sehen wenig überraschend, dass eine Dosis einen geringeren Schutz bietet“, kommentiert Gupta. „Das heißt: In der aktuellen Situation ist der vollständige Impfschutz wichtiger denn je.“ Aber selbst bei komplett geimpften Mitarbeitern im indischen Gesundheitswesen habe man Reinfektionen gesehen, wenn auch mit sehr schwachem Verlauf.

Wie bei anderen Varianten werde ein noch höheres Maß an Wirksamkeit gegen schwere klinische Endpunkte wie Krankenhausaufenthalt und Tod erwartet, schreibt Public Health England. Derzeit gebe es nicht genügend Fälle und zu kurze Zeiträume zur Nachbeobachtung, um dies abschließend zu klären.

Unklare Prognosen für Deutschland

Wie geht es nun weiter? „Prognosen für Deutschland sind schwierig“, sagt Gupta. „Eine Rolle werden u.a. die weiteren Impfquoten und künftige Lockerungen von Maßnahmen zur Pandemiekontrolle spielen.“ Der Experte ergänzt: „Obwohl uns noch etliche Daten zu B.1.617 fehlen, ist klar, dass die Variante in nächster Zeit große Bedeutung haben wird.“ Bleibt als gute Nachricht: Impfstoffe ließen sich bei Bedarf rasch anpassen, erklärt Gupta.

Dieser Artikel erschien im Original bei Medscape.de am 27.05.2021.

  1. SMC: Eigenschaften und Verbreitung der SARS-CoV-2-Variante B.1.617.2, 25. Mai 2021

Bildquelle: © Getty Images/kovop58

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