16. Juli 2020

Covid-19

Die große Aerosol-Kontroverse: Experten bleiben uneins

Die kontroverse Diskussion um die luftbasierte Übertragung von SARS-CoV-2 und die damit verbundenen Konsequenzen für die weltweiten Eindämmungsmaßnahmen wurde kürzlich durch zwei Publikationen wieder angefacht, die sich gegenseitig widersprechen. Während Harvard-Ärzte sich gegen eine tragende Rolle von Aerosolen aussprechen, fordern 239 Forscher Gesundheitsbehörden dazu auf, diesen Übertragungsweg offiziell anzuerkennen. 1-3

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

SARS-CoV-2 kann sich in Aerosol-Partikeln über längere Zeiträume in der Luft aufhalten und ist in Laborstudien auch in der Lage, Tiere und Zellkulturen zu infizieren. Diese Befunde konnten bislang jedoch nicht beweisen, dass die aerogene Übertragung des Virus auch beim Menschen eine Rolle spielt und falls dem so ist, in welchem Ausmaß. Eine ausführliche Betrachtung der Evidenz finden Sie im coliquio-Artikel “Covid-19: Sind Aerosole an der Übertragung beteiligt?”

Kontra: Auch ohne Schutzmaßnahmen niedrige Reproduktionszahl

Sollte die aerogene Übertragung einen großen Teil der Ausbreitung ausmachen, so folgern Michael Klompas und Kollegen von der Harvard Medical School, hätte die Ausbreitungszahl vor Einsetzen der Schutzmaßnahmen höher sein müssen.1 Die Reproduktionszahl von SARS-CoV-2 liege ohne diese Maßnahmen bei etwa 2.5. Die Reproduktionszahl von Masern hingegen liegt etwa bei 18. Bedenke man, dass Menschen mit einer Sars-CoV-2-Infektion etwa eine Woche infektiös sind, sei diese Reproduktionszahl sehr klein im Verhältnis zu der Vielzahl an Personen, mit denen man in einer Woche Kontakt hat.

Zudem sei die Ansteckungsrate auch bei Kontaktpersonen gering. Personen im gleichen Haushalt würden sich in 10-40% der Fälle anstecken. Die Gefahr, sich im Vorbeigehen anzustecken, liege hingegen etwa bei 0.6%.

Die Übertragung von Indexpatienten mit noch ausstehendem Test auf medizinisches Personal ohne Schutzkleidung liege mit 3% ebenso in einem niedrigen Bereich. Diejenigen Mitarbeiter, die sich ansteckten, seien jedoch häufig aerosolbildenden Prozeduren ausgesetzt gewesen oder hätten nicht durchgehend Masken getragen.

Doch kein Unterschied zwischen chirurgischem Mundschutz und FFP2-Masken?

Schließlich kritisieren die Autoren die Aussagekraft der kürzlich veröffentlichen Meta-Analyse von Derek Chu und Kollegen, in der N95-Masken (das amerikanische Äquivalent der europäischen FFP2-Masken) als sicherer bezeichnet wurden als Mund-Nasen-Schutzmasken (MNS), was für die Aerosol-Hypothese spräche.2 Allerdings seien die in dieser Analyse verwendeten Studien für eine solche Aussage ungeeignet, da nur in einer von zehn eingeschlossenen Untersuchungen SARS-CoV-2 das Pathogen war. Zudem kam den vier Studien, die N95-Masken direkt mit MNS verglichen haben, zu wenig Gewicht in der Gesamtbewertung zu. Diese Studien zeigten nämlich keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Maskentypen.

Eine luftbasierte Übertragung sei lediglich dann relevant, folgern die Autoren, wenn die Exposition über einen längeren Zeitraum unter schlechter Belüftung geschieht und Aerosole eine relevante Viruslast erreichen.

Ausbreitungsereignisse bei Chorproben, in Restaurants und Büros seien keine zweifelsfreien Belege für die Aerosol-Hypothese, schließlich seien in diesen Fällen Tröpfchen- sowie Schmierinfektionen ebenso wenig ausgeschlossen.

Pro: Hygienekonzepte müssen auch den Luftweg berücksichtigen

Genau hier setzen die 239 Wissenschaftler in ihrem offenen Brief an, der im Fachjournal Clinical Infectious Diseases veröffentlicht wurde. Für sie ist die Ausbreitung des Virus über den Luftweg noch lange nicht ausgeschlossen. Daher seien die etablierten Maßnahmen wie Händewaschen und Social Distancing, die besonders auf Tröpfchen- und Schmierinfektionen ausgelegt sind, nicht ausreichend.

Sie fordern von den weltweiten Gesundheitsbehörden, dass der aerogene Übertragungsweg offiziell anerkannt und an die Bevölkerung kommuniziert wird, damit entsprechende Maßnahmen in die Hygienekonzepte eingearbeitet werden.

Dazu gehört zum Beispiel die Sicherstellung adäquater Belüftung in öffentlichen Einrichtungen, Büros und Altersheimen, der technischen Ausstattung von Belüftungssystemen zur Senkung der Viruslast sowie dem Vermeiden von der Überfüllung in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln. Diese Maßnahmen seien laut den Autoren des offenen Briefs relativ einfach umsetzbar.

Als Reaktion auf diesen Brief hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Empfehlungen überarbeitet und die Möglichkeit der aerogenen Übertragung von SARS-CoV-2 auch abseits aerosolproduzierender, medizinischer Maßnahmen offiziell anerkannt.

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