20. August 2021

Delta: Ernüchternde Daten aus Israel, aber Vorteil für Moderna?

Welche Folgen hat die Delta-Variante für die Wirksamkeit der bereits verabreichten Impfstoffe? Ein aktueller Überblick mit neuen Real-World-Daten.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Durch das Aufkommen der in Indien entdeckten Delta-Variante von SARS-CoV-2 sehen Expertinnen und Experten die Erfolge in der Pandemie gefährdet. Mittlerweile häufen sich die Fallzahlen über Impfdurchbrüche, besonders in Israel, wo die Bevölkerung besonders früh mit dem Biontech-Vakzin geimpft wurde.

Die Lage in Israel 1

In Israel sind derzeit 78% der Menschen ab 12 Jahren durchgeimpft. Zum aktuellen Stand verzeichnet das Land 650 neue Fälle pro Millionen Einwohner pro Tag und erreicht damit Werte wie zuletzt Ende Januar. Mehr als die Hälfte dieser Fälle traten bei komplett Geimpften auf. Die Fälle verdoppeln sich seit Beginn des Sommers alle 7-10 Tage. Nachdem Mitte Juni die Maskenpflicht in Israel aufgehoben wurde, trat sie Ende Juli aufgrund der steigenden Zahlen wieder in Kraft, zusammen anderen Beschränkungen im öffentlichen Leben und dem Einreisestop für Touristen.

Erhebung ließ erste Zweifel am dauerhaften Schutz aufkommen…

Ein Preprint berechnete, dass Personen, die im Januar geimpft wurden, im Juni und Juli ein mehr als doppelt so hohes Risiko für eine Durchbruchsinfektion hatten als diejenigen, die im April geimpft wurden. Beeinflusst wird das Ergebnis wahrscheinlich durch die Impfreihenfolge, denn Senioren, die eine schlechtere Immunantwort aufweisen, wurden als erste geimpft.2

… und wurde dafür kritisiert

Erhoben wurden die Zahlen vom Gertner Insitut, dem israelischen Pendant zum Robert-Koch-Institut. Experten der israelischen Regierung kritisierten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Ende Juli, dass die Daten keinen Rückschluss auf schwere Erkrankungen zulassen würden und schlichtweg falsch seien.3 Eine weitere Einordnung der Ergebnisse finden Sie im Spiegel.

Zahl der schwer Ekrankten steigt wieder

Derzeit befinden sich 599 Patientinnen und Patienten mit einer schweren Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus, ein Wert wie er zuletzt im März berichtet wurde, und ein Anstieg von etwa 30% über wenige Tage. Mehr als die Hälfte dieser Personen ist doppelt geimpft. Von den durchgeimpften und schwer Erkrankten ist die überwiegende Mehrheit älter als 60 Jahre.

Booster ab 40 Jahren

Ab sofort werden auch Booster-Impfungen an alle über 40 Jahren verabreicht, die vor mindestens 5 Monaten geimpft wurden. Mehrere Expertenteams hätten die Empfehlung für die Ausweitung der Impfkampagne gegeben, teilte das Gesundheitsministerium am späten Donnerstagabend mit. Dabei sei unter anderem auch empfohlen worden, Schwangere, Lehrer, Arbeitskräfte im Gesundheitswesen sowie Menschen mit Behinderungen und Pflegekräfte ein drittes Mal zu impfen. Eine Millionen Israelis haben das Angebot für die dritte Impfung bereits wahrgenommen.4

  • In einer mittlerweile im New England Journal of Medicine publizierten Studie stellt die Behörde Public Health England Real-World-Daten zur Verfügung über 4272 Personen, die sich trotz Impfung mit der Delta-Variante angesteckt hatten, im Vergleich zu 14.837 Menschen, die trotz Impfung mit Alpha infiziert waren.

    Um die Effektivität der Impfung zu ermitteln, untersuchte das Forscherteam alle Menschen, die zwischen dem 26. Oktober 2020 und dem 16. Mai 2021 aufgrund von entsprechenden Symptomen einen PCR-Test auf Covid-19 durchführten. Dabei wurde der Impfstatus derjenigen Personen mit einem positiven Testergebnis verglichen mit dem Status der negativ Getesteten.

    Comirnaty konnte bei vollständig Immunisierten in 88,0% eine symptomatische Erkrankung mit der Delta-Variante verhindern, nach der ersten Impfung jedoch nur bei 30,7%. Ähnliche Ergebnisse berichtet auch die schottische Behörde.5

    In einem Preprint, mit mittlerweile 14.019 symptomatisch Erkrankten mit der Delta-Variante zeigte die Behörde, dass nach der 2. Dosis mit Comirnaty ein 95% Schutz gegen eine Hospitalisierung besteht, nach der 1. Dosis bereits zu 83%.6

Moderna: Erste Hinweise auf mögliche Überlegenheit

Mittlerweile gibt es nun auch für das Moderna-Vakzin erste Real-World-Daten aus Minnesota (USA). 25.000 Geimpfte wurden mit 25.000 Ungeimpften mit ähnlichen demographischen Eigenschaften verglichen. Erst in der zweiten Hälfte des Beobachtungszeitraums, der sich insgesamt von Februar Januar bis Juli 2021 erstreckte, fasste die Delta-Variante in Minnesota Fuß und vermehrte ihren Anteil an Infektionen von 0,7% im Mai auf 70% im Juli. Im Juli wiederrum konnte das Moderna-Vakzin das individuelle Infektionsrisiko um 76% senken, das Biontech-Vakzin nur um 42%.
Im gesamten Studienzeitraum senkte Moderna das Infektionsrisiko um 86%, Biontech um 76%, das Risiko für eine Hospitalisierung sank um 92% bzw. 85%.7

Taufrische Daten aus Oxford bestätigen Tendenz

Neue Daten kommen von der Oxford University. Laut einer Studie sind 2 Impfstoffdosen nach wie vor der wirksamste Weg, um sich gegen die Delta-Variante zu schützen. Sowohl die Impfung mit dem Vakzin von Pfizer/BioNTech als auch mit dem von AstraZeneca schützen vor Infektionen; die Wirksamkeit sei jedoch niedriger als bei Alpha.8

Die Forscher analysierten mehr als 2,5 Millionen Nasen- und Rachenabstriche von 384.543 Menschen ab 18 Jahren. Die Proben wurden zwischen dem 1. Dezember 2020 und dem 16. Mai 2021 entnommen. Hinzu kamen 811.624 Tests von 358.983 Menschen zwischen dem 17. Mai 2021 und dem 1. August 2021.

Im letzten Zeitraum war Delta die Hauptvariante. 21 Tage nach einer Einzeldosis der Impfstoffe von AstraZeneca, BioNTech/Pfizer oder Moderna verringerten sich die Raten an Neuinfektionen um 43%, 58% bzw. 75 %. Und 14 Tage nach der 2. Dosis von AstraZeneca oder BioNTech/Pfizer waren sie um 67% bzw. 82% niedriger als bei Ungeimpften.

Zum Vergleich: Die EMA gibt, basierend auf Zulassungsstudien, als Wirksamkeit für AstraZeneca 59,5%, für BioNTech/Pfizer 95% und für Moderna 94,1% an. Alle diese Daten wurden allerdings erhoben, bevor Delta zu zirkulieren begann.

Bei Delta-Infektionen, die nach 2 Dosen auftraten, hatten Patienten eine ähnliche virale Belastung wie ungeimpfte Personen. Bei der Alpha-Variante waren dagegen die Spitzenwerte der Viruslast bei Geimpften deutlich niedriger.

  • Zusammen mit den britischen Real-World-Daten zu Biontech wurden auch Ergebnisse für den Schutz durch Vaxzevria veröffentlicht. Das Vakzin hatte laut dieser Erhebung eine Effektivität von 67% nach der 2. Dosis, nach der 1. Dosis ebenfalls nur zu knapp 31%. Vor einer Hospitalisation schützte Vaxzevria laut dem bereits erwähnte Preprint in 86% nach der 2. Dosis und in 76% nach der 1. Dosis. 9

  • Janssen bzw. Johnson&Johnson haben als letzte ihre in-vitro-Daten zur Wirksamkeit ihres Vakzins gegen die Delta-Variante veröffentlicht. Auch hier wurde das Serum von 8 Teilnehmenden untersucht. Die neutralisierende Antikörperaktivität war für die Delta-Variante um das 1,6-Fache abgeschwächt im Vergleich zum Wildtyp.10

    In einer folgenden Laborstudie testeten Forscher Seren von Genesenen und Geimpften auf ihre Fähigkeit, die Bindung verschiedener Laborviren, die entsprechende Spike-Proteinen der SARS-CoV-2-Varianten trugen, an künstliche ACE2-Rezeptoren zu verhindern. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse können Sie hier lesen.

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