22. Januar 2021

Darmflora könnte Schweregrad einer Covid-19-Erkrankung beeinflussen

Auch wenn Covid-19 primär die Atemwege betrifft, sind häufig auch Darmzellen infiziert. Es scheint zudem zu Veränderungen des Mikrobioms zu kommen, die nach den Ergebnissen einer Beobachtungsstudie mit dem Schweregrad der Erkrankung assoziiert sind.1,2

Lesedauer: 2,5 Minuten

Mikrobiom und Krankheitsverlauf

Eine überschießende Immunantwort auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 spielt nach jetzigen Erkenntnissen eine wichtige Rolle bei der Ausprägung von Covid-19-Verläufen. Daher erscheint es plausibel, dass der Darm als wichtiges immunologisches Organ und das darin enthaltende Mikrobiom in irgendeiner Form Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen könnte.

Dieser These sind chinesische Wissenschaftler von der Chinesischen Universität in Hongkong nachgegangen. Dazu untersuchten sie Stuhlproben von 87 stationären und 13 rekonvaleszenten Covid-19-Patienten. Bei 41 Patienten wurden mehrere Stuhlproben untersucht und bei 27 konnte man auch spätere Proben bis zu 30 Tage nach dem ersten negativen PCR-Abstrich auswerten. In den Proben wurde die enthaltene DNA sequenziert, was Aufschluss über die Art und relative Häufigkeit der Darmbakterien gibt. Als Kontrolle dienten 78 Stuhlproben von Gesunden aus der Zeit vor der Pandemie.

Deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung der Darmkeime

Es zeigten sich deutliche Unterschiede im Mikrobiom zwischen Covid-19-Patienten und den Kontrollen. Einige davon waren auf den Einfluss von Antibiotika zurückzuführen, die gerade am Anfang der Pandemie noch häufig eingesetzt wurden. Aber auch im Mikrobiom der Covid-19-Patienten ohne Antibiotikatherapie ließen sich deutlich Unterschiede erkennen.

Den Forschern fiel bei den SARS-CoV-2-Infizierten im Vergleich zu den Gesunden eine höhere Anzahl von Ruminococcus gnavus, Ruminococcus torques und Bacteroides dorei-Arten auf – Bifidobacterium adolescentis, Faecalibacterium prausnitzii und Eubacterium rectale waren dagegen reduziert. Nach Berücksichtigung des Antibiotkaeffektes zeigte sich bei den Covid-19-Patienten eine Anreicherung von Sutterella wadsworthensis und Bacteroides caccae sowie eine Verminderung von Adlercreutzia equolifaciens, Dorea formicigenerans und Clostridium leptum.

Bestimmte Veränderungen mit schweren Verläufen assoziiert

Unabhängig von der Antibiotikagabe und dem Alter war eine geringe Anzahl von F. prausnitzii und Bifidobacterium bifidum mit einem schweren Verlauf assoziiert. Auch Proben, die erst am Ende oder nach der Infektion abgenommen wurden, wiesen noch eine geringere Konzentration dieser Keime auf. Die Veränderungen der Darmflora korrelierten teilweise auch mit anderen Parametern, die einen schweren Verlauf anzeigen. Dazu gehören Entzündungsparameter wie CXCL8, CXCL10, IL-10 und TNF-alpha oder auch Laborwerte von CRP, LDH und Leberenzyme.

Aus den Ergebnissen lassen sich einige Hypothesen ableiten. So spekulieren die Autoren, dass die Veränderungen des Darmmikrobioms kausal zu schweren Covid-19-Verläufen beitragen könnten und möglicherweise auch für persistierende Covid-19-Verläufe (Long-Covid) verantwortlich sind. Auch therapeutische Ansätze zur Besserung der Covid-Symptome könnten sich in Zukunft ergeben.  

Für die meisten vom Media Science Centre befragte Experten ist es aber für solche Spekulationen noch viel zu früh. Auch wenn die Ergebnisse interessant sind, ließen sich aus der reinen Beobachtungsstudie noch keine kausalen Zusammenhänge ableiten.

Auch sei es keine neue Erkenntnis, dass schwere Erkrankungen genauso wie Krankenhausaufenthalte und psychischer Stress häufig mit einer Veränderung des Darmmikrobioms einhergehen. Denkbar wäre auch, dass Risikofaktoren, die zu einer erhöhten Anfälligkeit für schwere Covid-19-Verläufe führen (wie z.B. Adipositas oder Diabetes) schon per se mit einem veränderten Darmmikrobiom einhergehen.

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