16. April 2020

Covidcon Global – Live-Expertenkonferenz

Prof. Kekulé: „In Deutschland gibt es Licht am Ende des Tunnels“

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Alexander S. Kekulé
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Alexander S. Kekulé

Die aktuelle Entwicklung der Corona-Epidemie in Deutschland sieht Professor Alexander Kekulé vorsichtig optimistisch. Der renommierte Virologe nahm letzten Samstag an einer von coliquio veranstalteten Live-Videokonferenz mit internationalen Experten teil. Erfahren Sie hier seinen Rat an alle Ärzte sowie seinen Appell an die Politik.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Keine Alternative zum Lockdown

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Alexander S. Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum der Martin-Luther Universität Halle /Saale, nennt die in Deutschland getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie als definitiv adäquat. „Wir haben keine andere Wahl als den mehr oder weniger vollständigen Lockdown“, erklärt der Virologe.  

Was die weitere Entwicklung angeht, zeigt sich Prof. Kekulé optimistisch. Aus seiner Sicht ist eine schrittweise Lockerung der Einschränkungen bald möglich, sofern folgende Kriterien erfüllt sind:

  • Die Zahl neuer Fälle sollte auf ein derart niedriges Niveau sinken, dass Kontakte wieder genau nachverfolgt und Betroffene entsprechend unter Quarantäne gestellt werden können.  
  • Die Kapazitäten der Kliniken und der Intensivstationen müssen den zu erwartenden Anstieg der Fallzahlen nach einer Lockerung bewältigen können, um einen Anstieg der Mortalitätsrate zu vermeiden.
  • Die Beschränkungen sollten zuerst für junge Leute gelockert werden, da die Infektion bei ihnen in der Regel milder verläuft.

Klassischer Impfstoff als Favorit

Bezüglich der Entwicklung eines Impfstoffs erklärte Prof. Kekulé: Allen solle bewusst sein, dass eine Impfung in der jetzigen Situation insbesondere darauf abziele, die Pandemie zu stoppen. Dafür bräuchte es keinen „perfekten Impfstoff“. Vielmehr reiche es, wenn etwa 60 – 70 Prozent der Bevölkerung geschützt seien. Wichtig sei jetzt, dass der Impfstoff so schnell wie möglich verfügbar sei und dessen Sicherheit im Rahmen von Phase-3-Studien bestätigt wurde. Aus diesem Grund favorisiert der Virologe derzeit die klassische Herstellung eines Impfstoffs auf Basis von viralen Proteinen.

Die Idee, den Tuberkulose-Impfstoff BCG im Kampf gegen Covid-19 einzusetzen, hält Prof. Kekulé zwar für einen interessanten Ansatz. So wüsste man aus Studien in Afrika, dass das Vakzin die Immunantwort nicht nur gegen Bakterien, sondern auch gegen Viren und Parasiten verstärken kann. Da aber bisher keine Studiendaten zur Schutzwirkung vor SARS-CoV-2 vorlägen, sei man von einer klinischen Anwendung des Impfstoffs noch weit entfernt.

„Paket“ aus verschiedenen Therapieansätzen zukünftig verfügbar

Bei der Frage nach möglichen Therapieoptionen wird es nach Aussage von Prof. Kekulé nicht eine einzelne Behandlungsstrategie geben. „Wir werden bald ein Paket aus verschiedenen Behandlungsansätzen haben, das mit Sicherheit dazu beitragen kann, die Rate an Todesfällen zu reduzieren“, so sein Fazit.

Kein Beweis für eine Korrelation zwischen Virus-Subtypen und Schweregrad

Prof. Kekulé zufolge gibt es derzeit keinen Hinweis dafür, dass in verschiedenen Ländern unterschiedliche genetische Varianten von SARS-CoV-2 existieren. Entsprechend fehlten auch Beweise, dass der Schweregrad einer Covid-19-Erkrankung auf unterschiedliche Subtypen zurückzuführen ist.

Zytokin-Sturm“ ist keine Frage des Alters

Ein häufiger Effekt von Infektionen durch Viren, die nicht perfekt an ihren Wirt angepasst sind, ist der sogenannte „Zytokin-Sturm“, erklärt Prof. Kekulé. Diese Überreaktion des Immunsystems ist für kritische Verläufe von Virusinfektionen verantwortlich. Da sie völlig unabhängig vom Alter des Betroffenen auftrete, könne dies möglicherweise eine Erklärung sein, weshalb in manchen Fällen auch jüngere Patienten schwer an Covid-19 erkranken. Die hohe Sterblichkeitsrate von älteren Covid-19-Patienten sei damit jedoch nicht zu erklären. Hier nennt Prof. Kekulé vor allem Vorerkrankungen als Gründe.

Coronavirus wird mutieren – aber weniger als Influenza

Auch Coronaviren können mutieren, erklärt der Experte. Entsprechend sei zu erwarten, dass sie sich nach ihrer „Wanderung“ von der Südhalbkugel zurück zur Nordhalbkugel und sie dann, wenn wieder hier in Deutschland Herbst ist, in genetischer veränderter Form auftreten. Dies würde dann eine neue Impfung unter Umständen nötig machen. Auf der anderen Seite sei allerdings auch bekannt, so die gute Nachricht, dass Coronaviren nach ihrer Anpassung an den Wirt üblicherweise weniger gefährlich sind, also zu weniger schweren Krankheitsverläufen führen. Deshalb mutmaßt der Virologe, dass nach dem Erreichen einer Herdenimmunität, möglicherweise keine Impfung mehr notwendig sein wird.

Prof. Kekulés Appell an Ärzte und Entscheider

„Verknüpfen Sie Ihr Wissen und Ihre Erfahrung“, diese Worte richtet der Virologe zum Abschluss der Konferenz an alle Ärzte. Hinsichtlich der vielen derzeit neu beforschten Behandlungsansätze weltweit, wünsche er sich mehr kohärente Maßnahmen wie etwa solche internationalen Live-Konferenzen. Dennoch sieht er derzeit weniger die Ärzte als vielmehr die Entscheider im öffentlichen Gesundheitswesen in der Verantwortung. Diese müssten jetzt sicherstellen, dass der Lockdown so lange wie nötig beibehalten wird, um die Belastung von Kliniken möglichst weiter niedrig zu halten. Auf der anderen Seite gelte es aber auch stets über alle Möglichkeiten der Lockerung nachzudenken, da der jetzige Zustand nicht dauerhaft beizubehalten sei.

Die gesamte Live-Onlinekonferenz mit allen Experten aus China, Südkorea, Italien, Indien, USA und Deutschland können Sie sich hier ansehen.

Bildquelle: Wikipedia

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653