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Covid-19 in der Praxis

23. Mai 2023

Gestörtes Sexualverhalten wegen post-akuter Covid-19-Enzephalitis?

Erfahren Sie hier im zweiten Teil des Beitrags, was die Ärztinnen und Ärzte bei dem Patienten mit neu aufgetretenem sexuell unangemessenem Verhalten und Katatonie-Symptomen nach einer Covid-19-Erkrankung diagnostizieren und wie sie ihm helfen.1

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Infected Brain
Delirium und Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit post-akutem Covid-19-Syndrom (Foto: Getty Images / Mohammed Haneefa Nizamudeen)

Wegen des Verdachts auf eine post-akute Covid-19-Enzephalitis leiteten die Ärztinnen und Ärzte eine Steroidinfusion ein. Der Patient erhielt eine Infusion von 1 g Methylprednisolon über 3 Tage, gefolgt von einer Nachbehandlung mit 60 mg oralem Prednisolon, wobei die Dosis wöchentlich um 10 mg reduziert wurde.

Am 3. Tag im Krankenhaus konnte der Patient nachts wieder schlafen und hörte auf, in Gegenwart anderer zu masturbieren. Ab Tag 7 bekam er intravenöse Immunglobuline (IVIg) über 3 Tage. Nach einigen Tagen konnte der Patient seine Impulse wieder besser kontrollieren und auch seine Sprache besserte sich. An Tag 22 verabreichten die Ärztinnen und Ärzte aufgrund eines vermuteten Deliriums 2 mg Risperidon. Der Zustand des Patienten besserte sich allmählich, als die Steroiddosis auf 30 mg reduziert war und weiterhin um 5 mg alle 3 Tage gesenkt wurde.

Letzten Endes war die Enthemmung behoben, eine normale Konversation war wieder möglich und die SPECT-Befunde sowie die psychologischen Testergebnisse verbesserten sich: Die MMSE-, MoCA-, FAB- und HDS-R-Werte lagen nun bei 29/30, 29/30, 18/18 bzw. 28/30 Punkten. Der Patient wurde am 52. Tag entlassen. Nach der Entlassung erholte sich der MMSE-Wert auf 30 Punkte und auch die SPECT-Befunde besserten sich.

Hier finden Sie den zeitlichen Verlauf der Symptome und der Behandlung >>

Enzephalitis durch direkte Virus-Infektion des Hirns vermutet

Die Ärztinnen und Ärzte vermuteten eine Enzephalitis aufgrund einer direkten SARS-CoV-2-Infektion des Gehirns. Eine autoimmune paraneoplastische oder postinfektiöse Hirnstammenzephalitis nach Virusabbau konnten sie jedoch auch nicht ausschließen. Die psychiatrische Diagnose lautete organische Katatonie in Verbindung mit einer Post-Covid-19-Enzephalopathie. Die Symptome des Patienten besserten sich unter der Behandlung, sodass sein Zustand schließlich auf das Ausgangsniveau zurückging.

Langzeit-Auswirkungen von Covid-19 auf Gesundheit unterschätzt

Obwohl Covid-19-assoziierte Psychosen bekannt sind, fehlen in Fallberichten klinisch relevante Angaben zur Enzephalopathie, konstatieren die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Falls. Es wurden mehrere Fälle von Erstmanie und Delirium nach Covid-19 verzeichnet, und in systematischen Übersichten stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, dass die Auswirkungen von Covid-19 unterschätzt werden. In dem vorliegenden Fall war eine Steroidpsychose unwahrscheinlich, da die Steroiddosis nach einigen Tagen reduziert wurde.

Klinisches Syndrom mit fluktuierendem Verlauf

Der Patient zeigte katatonische Symptome wie Verleugnung, Gleichgültigkeit, katatonische Körperhaltung und sexuell abweichendes Verhalten. Mittlerweile liegen einige Berichte zu Covid-19-bedingten Delirium-Symptomen bei Menschen ohne bipolare Störung in der Vorgeschichte vor, so die Autorinnen und Autoren. Sie vermuteten in dem vorliegenden Fall ein klinisches Syndrom, das charakterisiert ist durch einen fluktuierenden Verlauf mit katatonischen und manischen Merkmalen. Dabei schränkten sie den Kreis der möglichen Diagnosen auf eine Enzephalopathie im Rahmen eines post-akuten Covid-19-Syndroms mit Manie ein.

Delirium und Enzephalopathie nach Covid-19 bereits bekannt

Patientinnen und Patienten mit Covid-19-bedingtem Delirium entwickeln in der Regel eine Enzephalopathie aufgrund des Zytokinsturms. Dieser Zytokinsturm kann zu Neuroinflammation, Endothelzellaktivierung und Beeinträchtigung der Blut-Hirn-Schranke führen. Dies triggert neuroinflammatorische Prozesse, die zur Aktivierung von Mikroglia und Astrozyten führt und sowohl Zytokinproduktion, oxidativen Stress und Immunzellrekrutierung als auch die Beeinträchtigung der Blut-Hirn-Schranke weiter fördern – ein Teufelskreis.

Erhöhte Interleukin (IL)-6-Werte wurden bereits in Serumproben von Patientinnen und Patienten mit Covid-19 und Delirium nachgewiesen, nicht aber bei Menschen mit Covid-19 ohne Delirium, schreiben die Autorinnen und Autoren. Bei dem vorliegenden Fall stellten sie ebenfalls erhöhte IL-12- und IL-13-Spiegel fest. Die erhöhte Produktion von entzündungsfördernden Zytokinen kann eine systemische Entzündung und Neuroinflammation nach sich ziehen, da bestimmte Immunzellen, Zytokine sowie Antikörper in das Gehirnparenchym wandern, erklären die Autorinnen und Autoren.

Die Covid-19-bedingte Enzephalopathie beeinträchtigt die mikrogliale Signalübertragung, die Aktivierung von Astrozyten und die exzitatorischen neuronalen Synapsen, was dann zu neurogenen Störungen führen kann.

Vorliegender Fall: Steroidtherapie, IVIg und Antipsychotika

Der Patient in diesem Fall erhielt eine Steroidtherapie, eine IVIg-Therapie sowie Antipsychotika. Er sprach gut auf die Behandlung an und erholte sich. Dies deutet darauf hin, dass die für eine bipolare Störung nach Covid-19 typischen psychotischen Symptome mit einem post-akuten Covid-19-Syndrom (PACS) in Verbindung stehen können, hypothetisieren die Autorinnen und Autoren, basierend auf der vorliegenden Literatur.

Enzephalopathie bei Covid-19 oft übersehen

Im Fall des Patienten führte der Krankheitsverlauf zur Diagnose eines PACS mit Psychose im Zusammenhang mit einer post-akuten Covid-19-Enzephalopathie. Überraschenderweise wird die Covid-19-Enzephalitis nicht nur durch direkte Hirnverletzungen verursacht, sondern es kann auch eine autoimmune, paraneoplastische oder postinfektiöse Enzephalitis nach der viralen Clearance auftreten. Es ist bekannt, dass PACS innerhalb von 4–12 Wochen nach Ausbruch von Covid-19 zu Delirium, Hirnnebel und Depression führen kann. Im Gegensatz zum Delirium, welches häufig mit Covid-19 in Verbindung gebracht wird, werde die Enzephalopathie aufgrund fehlender Tests aber oft übersehen, so die Autorinnen und Autoren.

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