01. September 2020

CovidCon Global

Covid-19: 7 aktuelle Fragen & Antworten

Wann wird ein Impfstoff zur Verfügung stehen? Wie spezifisch sind die aktuellen PCR-Tests? Und welche Therapien haben sich als effektiv erwiesen? Diese und weitere Fragen haben internationale Experten in unserer Video-Konferenz am vergangenen Samstag beantwortet.

Dauer: 2:06:20

7 ausgewählte Fragen & Antworten der Experten

Wir haben einige Fragen, die während der Sendung an die Experten gestellt wurden, hier für Sie zusammengestellt.

Wann wird eine Impfung zur Verfügung stehen?

  • Prof. Dr. Klaus Cichutek (Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Langen): Die an einer Impfstoffentwicklung beteiligten Unternehmen haben bekannt gegeben, Daten und Ergebnisse frühzeitig an die regulatorischen Behörden, wie die EMA oder die FDA, weiterzuleiten. Diese Daten werden in einem sogenannten „rolling review“ überprüft, was eine Weile dauern kann. Wenn die Ergebnisse der Phase-3-Studien eine Effektivität zeigen, wird es zu einer weltweiten Zulassung bis Ende dieses Jahres oder zu Beginn des kommenden Jahres kommen. Ich möchte jedoch betonen, dass dies nicht der Beginn einer Massenvakzinierung sein wird.

    Wir sind in der Situation, dass die Phase-3-Studien zur Effektivität und Sicherheit mit großen Probandenzahlen, bis zu 40.000 Personen, durchgeführt werden. Wir werden sehen, ob hier aussagekräftige Daten erhoben werden können.

Wie spezifisch sind die PCR-Tests? Und wie ist das aktuelle Verhältnis zwischen der Anzahl der durchgeführten Tests und der Anzahl der positiv getesteten Personen?  

  • Dr. med. Dieter Hoffmann, Leiter des diagnostischen Labors, Institut für Virologie, TU München: In den letzten Wochen und Monaten wird bei uns besonders viel getestet. So können sich zum Beispiel in unserer Klinik (Anm. der Red.: Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München) alle Urlaubsrückkehrer kostenlos testen lassen – unabhängig davon, ob sie aus einem Risikogebiet oder aus einer risikoarmen Region außerhalb Deutschlands kommen. Dies führt zu einer großen Anzahl an Tests mit sehr wenigen positiv getesteten Fällen.  

    Mehr zum Thema lesen Sie auch in unserem Beitrag “Sinn und Unsinn von Massentests” >> 

    Aus meiner Erfahrung wird dieses Verhältnis aber auch von der Spezifität der jeweiligen Testmethode beeinflusst. Bei den PCR-Tests konnten wir in letzter Zeit eine spürbare Verbesserung der Spezifizität erreichen. Diese schwankt jedoch vom Labor zum Labor und hängt nicht zuletzt auch von den verwendeten Tests ab. Aktuell würde ich sagen, dass die in unserem Labor durchgeführten Tests zu nahezu 100 Prozent spezifisch sind. Wenn der Test also positiv ausfällt, dann ist der Patient auch infiziert.

    Gerade am Anfang der Pandemie hatten wir noch viele unspezifische Ergebnisse, die nicht immer korrekt interpretiert werden konnten. Dies hat sowohl viel Ärger als auch erneute Tests verursacht. Heute bedeutet bei uns ein positiver PCR-Test auch das Vorhandensein des Virus. Es kann natürlich sein, dass der Patient Symptome bereits überstanden und die Infektion überwunden hat. In solchen Fällen sind weitere Tests nötig, um festzustellen, ob die Viruslast noch zunimmt oder bereits auf dem absteigenden Ast ist. Dazu muss man sagen, dass die Zeit der ansteigenden Viruslast sehr kurz ist, deswegen sehen wir meistens Fälle, die eine Infektion bereits durchgemacht haben.  

Derzeit gibt es einige Fallberichte über eine mögliche Reinfektion mit SARS-CoV-2. Wie bewerten Sie diese Fälle?

  • Dr. med. Dieter Hoffmann, Leiter des diagnostischen Labors, Institut für Virologie, TU München: Ich denke, diese Fälle sind noch sehr selten, und es ist sehr wichtig, sie weiterzuverfolgen, um die Frage zu klären, ob es sich auch wirklich um das gleiche Virus handelt, das nach einiger Zeit erneut festgestellt werden konnte.  

    Wir haben auch einige Fälle gesehen, in denen das ursprüngliche Virus später entdeckt wurde. In der Zwischenzeit war die Viruslast möglicherweise niedrig und ging dann wieder hoch oder die Proben wurden auf eine bessere Art und Weise entnommen. Ich denke, dass eine echte Reinfektion sehr selten ist. Von anderen Coronaviren wissen wir jedoch, dass dies passieren kann. Deshalb gehe ich davon aus, dass es im Verlauf der Pandemie solche Fälle geben wird. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das allerdings noch eine Ausnahme – vorausgesetzt, dass die bisher medial breit aufgerollten Fälle auch wirklich als eine Reinfektion bestätigt werden. 

Dexamethason: Wann ist der beste Zeitpunkt für den Beginn einer Therapie?

  • PD Dr. Christoph D. Spinner, Infektiologie, Klinikum rechts der Isar der TU München: Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Zwar scheint die Anwendung von Dexamethason nach 10 Tagen mit Symptomen mehr Vorteile zu bringen, aber nicht alle derzeit vorliegenden Daten bestätigen dies eindeutig. Uns liegen bisher nur vorläufige Ergebnisse der Genesungsstudien vor, weitere Ergebnisse müssen wir jetzt noch abwarten. Aber nach meiner persönlichen Auffassung sollte man Dexamethason erst in späteren Krankheitsstadien einsetzen.

Wird es in Zukunft Covid-19-Therapien geben, die ähnlich wie die heutigen HIV-Programme eine echte Alternative zur Impfung darstellen? 

  • PD Dr. Christoph D. Spinner, Infektiologie, Klinikum rechts der Isar der TU München: Zwar kann ich nicht in die Zukunft schauen. Wenn ich aber eine Vermutung anstellen müsste: Ich denke, dass es viele Parallelen zwischen HIV und Covid-19 gibt und wir von bekannten Schritten zur Kontrolle einer HIV-Infektion einiges auch für die Behandlung von Covid-19 lernen können.

    Die größte Herausforderung bei Covid-19 besteht darin, dass die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten im Moment nicht sehr befriedigend sind. Zwar lässt sich die Krankheit etwas zurückhalten und die Sterblichkeitsrate etwas verringern. Aber bisher gibt es keinen Ansatz, mit dem sich Krankheit ganz aufhalten oder gar verhindern lässt.

    Ein Impfstoff ist derzeit der einzige Weg, um Übertragungsketten zu durchbrechen. Auf der anderen Seite gibt es noch viel mehr Medikamente, die untersucht und bewertet werden müssen. Die jetzigen Behandlungsoptionen mit Remdesivir und Dexamethason sind ein erster Schritt. Dennoch gibt es viele Regionen auf der Welt, wo dies nicht ausreicht, um die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Was können wir als Ärzte für die psychische Gesundheit von Covid-19-Patienten tun? Gibt es da so etwas wie einen Goldstandard?

  • Prof. Dr. Gianluca Serafini, Professor für Psychiatrie, Universität Genua: Warnsignale sind Angst, Frust oder akute Belastungsreaktionen. Ich denke, wir müssen Patienten die bereits vulnerabel sind, z.B. aufgrund von Depressionen und Suizidversuchen in der Vergangenheit, verstärkt beobachten. Diese Patienten könnten Suizidgedanken haben. Solche Patienten habe ich in der Klinik regelmäßig gesehen. Ich denke es ist wichtig, suizidales Verhalten und andere negative Folgen in besonders dafür anfälligen Patientengruppen zu verhindern. Die Langzeitfolgen sind im Moment noch unbekannt.

Wie sehr sind Dritte-Welt-Länder von den Lockdowns der westlichen Welt betroffen? Sind hier Kollateralschäden zu befürchten?

  • Dr. Meg Doherty, Weltgesundheitsorganisation (WHO): Ein wichtiger Punkt sind die stark zurückgefahrenen weltweiten Versorgungsketten, etwa von Medikamenten, Diagnosematerial und medizinischer Ausrüstung in die angesprochenen Länder. Daher lässt sich zweifellos ein Einfluss der weltweiten Lockdowns auf Dritte-Welt-Länder und solche mit niedrigen Einkommen feststellen. Wenn dieser Zustand nun für eine längere Zeit fortbestehen würde – Versorgungsengpässe und daraus resultierende Schwierigkeiten, essenzielle Gesundheitsleistungen durchzuführen – würde dies zwangsläufig zu unnötigen Todesfällen führen.

    Allerdings entschärft sich die Situation aktuell im Zuge der Grenzöffnungen und der Wiederherstellung von Transportsystemen und anderer Versorgungsketten wieder, was hoffentlich zu einem guten Status Quo führt.

    Mit Blick auf die Suche nach einem Impfstoff, neuen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zeigt sich noch eine zweite Sache, die uns Sorgen bereitet: Länder mit geringen oder mittlerem Einkommen drohen hier bei der Versorgungssicherung auf der Strecke zu bleiben.
    Wir haben bereits Länder mit sehr hohem Einkommen erlebt, die sich Teile eines potenziellen Impfstoffes gesichert haben. Solidarität lautet hier allerdings unser Leitspruch. Das bedeutet, dass alle bedürftigen Länder Zugriff darauf haben sollten – nach dem Motto: Welches Land unterliegt dem höchsten Risiko und wer profitiert am meisten von den Entwicklungen?

    Wir hoffen natürlich, dass sich künftig eine gerechte Verteilung durchsetzen wird. Länder mit sehr hohem Einkommen, wie Deutschland und Frankreich, arbeiten schon jetzt daran, dass kein Land mit niedrigem Einkommen beim Zugriff auf Impfstoffe und Therapeutika zurückgelassen wird.

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