09. Oktober 2020

Covid-19: Wer soll zuerst geimpft werden?

In einer aktuellen Stellungnahme erklären Vertreter der Gesellschaft für Virologie, welche Bevölkerungsgruppen zuerst gegen Sars-CoV-2 geimpft werden sollten. Dabei zeigen sie viele offene Fragen und Schwierigkeiten auf.1

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Artikel besteht aus Auszügen der Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie vom 08.10.2020.1

Zu Beginn hohe Nachfrage

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Fragen, die nach der Zulassung der ersten Covid-19 Impfstoffe für Deutschland beantwortet werden muss, ist, wem die Impfung zuerst angeboten werden sollte. Es ist davon auszugehen, dass der Bedarf an Impfstoffdosen zumindest in den ersten Monaten das Angebot übersteigen wird.

Priorisierung zugunsten der Senkung der Todesfälle

Das oberste Ziel bei der Einführung einer Impfung muss die Reduktion von Covid-19-bedingten Todesfällen und schweren klinischen Erkrankungen sein. Um dies bei einer begrenzten Anzahl an verfügbaren Impfdosen zu erreichen, gilt es bei der Priorisierung von bestimmten Personen- oder Berufsgruppen vielfältige Aspekte der Epidemiologie der Sars-CoV-2 Pandemie, der Wirksamkeit und Wirkweise der Impfstoffe in verschiedenen Alters- und Risikogruppen und der Praktikabilität bei der Durchführung der Impfungen zu berücksichtigen.

Vier Priorisierungsgruppen

In Deutschland hat die Ständige Impfkommission (STIKO) den gesetzlichen Auftrag, auf der Basis der Zulassung des Impfstoffs Empfehlungen auszusprechen. Das Vorgehen, mit der die STIKO die Evidenz-basierte Nutzen-Risiko-Abwägung bei der Covid-19-Impfung umsetzen und auch ethische Aspekte bei ihrer Empfehlung zur Priorisierung berücksichtigen wird, ist in einer kürzlich erschienen Stellungnahme beschrieben. Darüber hinaus finden sich im nationalen Pandemieplan, vier Priorisierungsgruppen, die es für SARS-CoV-2 zu definieren gilt:

  1. Personen, die von einer Impfung besonders stark profitieren (z. B. ältere Bevölkerungsgruppen)
  2. Personen, die häufig Kontakt zu besonders vulnerablen Personen haben (z. B. medizinisches Personal in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern)
  3. Personen, die einen besonders großen Einfluss auf die Viruszirkulation haben (z. B. Altersgruppen mit besonders hohen Infektionsraten wie gegenwärtig die 20-39 jährigen)
  4. Personen, die zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit oder der staatlichen Infrastruktur erforderlich sind

Priorisierung sollte abhängig von der Wirkweise erfolgen

Da derzeit eine Vielzahl verschiedener Impfstoffklassen auf Verträglichkeit und Wirksamkeit überprüft werden und sich die Wirkweise von Impfstoff zu Impfstoff unterscheiden kann, ist eine differenzierte Betrachtungsweise erforderlich. Je nachdem, auf welchem Weg zukünftige Covid-19 Impfstoffe zum Schutz führen, könnten sich auch deren optimale Anwendungsbereiche unterscheiden. Die bevorzugte Impfung von Personengruppen, die einen besonders großen Einfluss auf die Viruszirkulation haben, macht nur Sinn, wenn die Impfung die weitere Ausbreitung effizient verhindert und nicht nur den Schweregrad der Infektion mindert.

Was ist mit den „Superspreadern“?

Bei der aktuellen Pandemie ist es außerdem schwierig, diese Personengruppe zu definieren, da ein beträchtlicher Teil der Infektionen auf „Superspreader“ zurückzuführen sein könnte, welche im Vorfeld nicht identifiziert werden können. Eine aktuelle, aber noch nicht wissenschaftlich begutachtete Computermodellierung zum größtmöglichen Nutzen begrenzt verfügbarer COVID-19 Impfstoffe kommt zu dem Ergebnis, dass eine solche Priorisierung nur dann vorteilhaft ist, wenn ausreichend Dosen eines sehr wirksamen Impfstoffes zur Verfügung stehen, um einen großen Anteil der entsprechenden Personengruppen zu impfen. Unter allen anderen Modellierungsannahmen war die direkte Impfung der vulnerablen Personengruppen von größerem Nutzen.

Wirksamkeit bei vulnerablen Gruppen

Ein hohes Lebensalter ist bei der SARS-CoV-2 Infektion der häufigste und vermutlich wichtigste bisher bekannte Risikofaktor für intensiv-pflichtige oder tödliche Krankheitsverläufe. Aber auch andere Erkrankungen in allen Lebensaltersbereichen können das Risiko für schwere Verläufe erhöhen. Daher ist es wichtig die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe gerade auch bei älteren Personen und weiteren Risikogruppen zu überprüfen.

Bei geringer Wirksamkeit der Impfung in Risikogruppen (z.B. Hochbetagte) mag es effizienter sein, anstelle der besonders gefährdeten Personengruppen nahe Kontaktpersonen, wie betreuende Angehörige oder Pflegepersonal zu impfen, so dass diese als Überträger der Erkrankung ausscheiden. Auch hier ist Voraussetzung, dass die Impfung die SARS-CoV-2 Infektion und nicht nur die Krankheitssymptome verhindert. Für die Impfung im Rahmen einer solchen Kokon-Strategie kommt insbesondere auch medizinisches Personal in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser in Betracht.

In der kompletten Stellungnahme gehen die Autoren der Gesellschaft für Virologie auf die Gefahr unerwünschter Wirkungen sowie logistische Herausforderungen bei der Verteilung ein.
Zur kompletten Stellungnahme >>

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