20. November 2020

Covid-19: Der aktuelle Stand in Europa

Österreich befindet sich im Lockdown, in der Schweiz ist das nur beim Kanton Genf der Fall. Madrid, Südtirol und Venetien setzen auf neue Strategien, während sich in Belgien der „Knuffelcontact“ bewährt hat.

Mit Material der Deutschen Presseagentur.

Österreich: Lockdown bis zum Nikolaustag

Das öffentliche Leben läuft in Österreich auf Sparflamme: seit Dienstag gilt ein Lockdown, Häuser und Wohnungen dürfen nur aus gutem Grund verlassen werden. Bis zum 6. Dezember gelten für die neun Millionen Einwohner strikte Ausgangsbeschränkungen. Wie zu Beginn der Pandemie im Frühjahr ist das Verlassen von Haus und Wohnung nur in Ausnahmefällen erlaubt, etwa zum Einkaufen, für Arztbesuche oder zum Spazierengehen und Joggen. Geschäfte und Dienstleister bleiben zu – bis auf Supermärkte, Drogerien, Apotheken und Banken.
Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) reagierte damit auf die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen. Kliniken und Intensivstationen müssen immer mehr Covid-Kranke aufnehmen. Kommende Woche erreicht die Auslastung der Kliniken nach den Prognosen einen Spitzenwert.

Schweiz: Lockdown bisher nur im Kanton Genf

Trotz noch höherer Infektionszahlen als in Österreich sieht es in der Schweiz ganz anders aus. Dort gibt es bislang nur regional große Einschränkungen. Im Lockdown ist etwa der Kanton Genf. Landesweit wurden Ende Oktober bislang nur Clubs und Tanzlokale geschossen und es wurde eine Sperrstunde für Restaurants und Bars ab 23.00 Uhr eingeführt. Im Kanton Wallis sind Restaurants inzwischen auch geschlossen.
Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin meldete am Dienstag, dass die 876 zertifizierten und anerkannten Intensivbetten, die normalerweise zur Behandlung Erwachsener zur Verfügung stehen, aktuell praktisch vollständig belegt sind. Eine Überlastung liege jedoch nicht vor. Viele Patienten aus besonders betroffenen Regionen mussten aufgrund mangelnder lokaler Kapazitäten in andere Kantone verlegt werden. Das bedeutet für manche Patienten eine Verlegung in eine andere Sprachregion und somit eine zusätzliche Belastung.

Schweden: Tegnell empfiehlt Masken weiterhin nicht

Für die Menschen in Schweden bringt der Freitag eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen. Schwedens Regierung hatte vor einigen Tagen angekündigt, dass wegen gestiegener Corona-Infektionszahlen der Verkauf von Alkohol in Gaststätten nach 22.00 Uhr verboten wird. Bars und Kneipen müssen eine halbe Stunde später zudem schließen. Das Verbot soll am Freitag in Kraft treten und bis Ende Februar andauern.
Im ersten Halbjahr 2020 waren rund zehn Prozent der Sterbefälle in Schweden auf Covid-19 zurückzuführen. Damit war die Krankheit die dritthäufigste Todesursache, hieß es am Dienstag in einer Mitteilung der Obersten Sozialbehörde des Landes. In diesem Zeitraum waren rund 51 500 Menschen in Schweden gestorben, 14 000 davon an Herz- und Kreislauferkrankungen, 11 600 an Tumoren und 5500 an Covid-19.
Nachdem die Zahlen im Sommer deutlich zurückgegangen waren, sind sie nun im Herbst wieder angestiegen. Staatsepidemiologe Anders Tegnell, der zwar seine abweichenden Einschätzungen der Vergangenheit eingeräumt hat, finde es dennoch „sehr gefährlich zu glauben, dass Masken grundsätzlich helfen“.1

Belgien: Dem „Tsunami“ nur knapp entkommen

Belgien atmet auf, das Land hat die Corona-Kehrtwende geschafft. Im Oktober noch waren die Infektionszahlen so sehr explodiert, dass man Belgien in den Top 3 der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Länder in Europa wiederfand. Über 20 000 Neuinfektionen wurden in der letzten Oktoberwoche an manchen Tagen registriert, etwa so viele wie derzeit in Deutschland. Dabei hat Belgien nur 11,5 Millionen Einwohner, Deutschland dagegen 83 Millionen.
Die Nerven lagen blank. Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke warnte vor einem „Tsunami“, es drohe der Kontrollverlust. Die Regierung zog die Notbremse: Nach der Gastronomie mussten auch fast alle Geschäfte außer Supermärkte schließen, das Homeoffice wurde verpflichtend eingeführt. Kontakte wurden stark eingeschränkt, Mitglieder eines Haushaltes durften, ohne Abstandsregeln einhalten zu müssen, nur noch eine einzige Person treffen, den sogenannten „Knuffelcontact“.
Die Strategie zeigte Wirkung. Die registrierten Fallzahlen in den letzten Tagen waren deutlich niedriger: Im Schnitt waren es in der vergangenen Woche landesweit täglich 4800 Neuinfektionen.
Auch die Zahl der Toten mit nachgewiesener Corona-Infektion ist in Belgien rückläufig. Dennoch führt das Land auch hier eine traurige Statistik an: Laut der US-Universität Johns Hopkins (JHU) verzeichnete Belgien im weltweiten Vergleich die meisten Corona-Toten pro 100 000 Einwohner.

  • In Italien sind im Anti-Corona-Kampf ein Massentest in Südtirol und ein Versuch mit einem Schnelltest für zu Hause in Venetien angelaufen. Zum Auftakt der kostenlosen Massenuntersuchung in Südtirol bildeten sich lange Schlangen vor vielen Teststationen, wie Medien am Freitag berichteten. Die kleine Alpen-Provinz mit gut einer halben Million Menschen möchte bis zum Sonntag bei rund zwei Drittel der Bürger einen Abstrich machen. Der Antigen-Schnelltest ist freiwillig.

    Die Autonome Provinz gehört in Italien wegen der hohen Corona-Zahlen zu den Roten Zonen mit besonders strengen Ausgangsbeschränkungen. Die Menschen sollen ihre Häuser nur verlassen, wenn sie etwa zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen müssen. Am Donnerstag hatten die Behörden dort rund 700 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden registriert. 

    In der Region Venetien startete Anfang der Woche der Probelauf mit den Do-It-Yourself-Tests. Die Test-Tüten enthalten ein Stäbchen, das in die Nase gesteckt wird, und ein Kontroll-Röhrchen für die Probe. Regionalpräsident Luca Zaia hatte die Funktionsweise in einem Video vorgeführt. Die Region will zunächst rund 5000 der Antigen-Test-Kits ausgeben.

    Die Studie soll einen Monat laufen. Parallel werden in dieser Phase an denselben Menschen klassische Abstriche vorgenommen, die im Labor untersucht werden. Im Anschluss soll der Eigentest dem nationalen Gesundheitsinstitut ISS zur Zulassung vorgelegt werden. Das Produkt könnte dann für wenige Euro etwa in Apotheken verkauft werden.

  • Das tschechische Parlament hat einer Verlängerung des Notstands aufgrund der Corona-Pandemie nur bis zum 12. Dezember zugestimmt.

    Der Notstand gilt im stark von der Corona-Krise betroffenen Tschechien bereits seit dem 5. Oktober. Er ermöglicht es der Regierung, die Bürgerrechte einzuschränken und Krisenmaßnahmen ohne Zustimmung des Parlaments zu treffen. Derzeit gilt eine weitgehende Maskenpflicht im Freien und in Innenräumen. Restaurants und die meisten Geschäfte mit Ausnahme derjenigen für den täglichen Bedarf sind geschlossen. Die Opposition kritisierte, dass kleine Betriebe und Selbstständige unverhältnismäßig stark belastet werden.

    Nach Angaben der EU-Gesundheitsagentur ECDC verzeichnete Tschechien binnen 14 Tagen 24,5 Corona-Todesfälle je 100 000 Einwohner. Das war der höchste Wert unter allen EU-Mitgliedstaaten. Die Kurve der Neuansteckungen flachte sich indes zuletzt ab. Am Mittwoch kamen 5515 neue Fälle hinzu, wie aus Behördendaten hervorging.

  • In den Niederlanden werden die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie vorsichtig wieder gelockert. Von Donnerstag an dürfen Theater, Museen, Kinos und Bibliotheken wieder öffnen, wie Ministerpräsident Mark Rutte am Dienstagabend in Den Haag ankündigte. Kneipen, Cafés und Restaurants bleiben jedoch geschlossen. Künftig darf man in dem 17-Millionen-Einwohner-Land wieder drei Gäste zu Hause empfangen – bisher waren es zwei.

    Die Niederlande hatten Mitte Oktober einen Teil-Lockdown verhängt. Die Regeln wurden dann vor zwei Wochen verschärft. Trotz der Erleichterungen geht die Regierung davon aus, dass der Teil-Lockdown erst in der zweiten Januar-Hälfte nächsten Jahres aufgehoben werden kann. Bis dahin wird auch von Auslandsreisen dringend abgeraten.

    Wie die Niederländer die Feiertage verbringen dürfen, ist noch undeutlich. Große Familienfeiern zum traditionellen Nikolausfest werden noch nicht möglich sein. Die Regierung will auf jeden Fall verhindern, dass durch große Familienfeiern im Dezember eine dritte Welle über das Land rollt.

  1. Spiegel: Das Schwedische Scheitern. 18.11.2020

Titelbild: © Getty Images/domin_domin

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