05. Juni 2020

SARS-CoV-2 in Badegewässern – wie bedenklich ist das?

In den meisten Bundesländern dürfen im Zuge der allgemeinen Lockerungen nun auch die Frei- und Hallenbäder wieder öffnen. Wie groß ist hierbei jedoch die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken?

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling

Ansteckungsmöglichkeit über das Wasser nicht endgültig geklärt

Gebadet wird entweder in offiziellen Frei- und Hallenbädern, Naturbädern oder in Meeren, Seen und Flüssen. Überall dort kann SARS-CoV-2 theoretisch über infizierte Badegäste ins Wasser gelangen. Der Hauptübertragungsweg des Virus ist jedoch die direkte Übertragung über virushaltige Tröpfchen, Untersuchungen weisen auch auf Aerosole als Übertragungsweg hin.1
Der Infektiologe Prof. Dr. Johannes Bogner vom Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität, sieht in den Aerosolen und deren Verbreitungswegen die Hauptgefahr einer Ansteckung über der Wasseroberfläche.2

  • Quelle: Deutsche Presseagentur; Stand: 05.06.2020

    Baden-Württemberg: Freibäder dürfen unter Auflagen ab dem 6. Juni öffnen.

    Bayern: Freibäder und Schwimmbadanlagen im Freien dürfen ab dem 8. Juni öffnen.

    Berlin: Freibäder können öffnen.

    Brandenburg: Freibäder können wieder öffnen.

    Bremen: Die ersten Freibäder können öffnen, ab 15. Juni sollen Freibäder bei Vorlage eines Hygienekonzeptes generell geöffnet werden.

    Hamburg: Freibäder dürfen unter Auflagen wieder öffnen.

    Hessen: Kurse und Vereinstraining in Schwimmbädern sind bereits wieder möglich. Für die Allgemeinheit ist der Zeitpunkt für eine Wiedereröffnung der Freibäder noch unklar.

    Mecklenburg-Vorpommern: Freibäder dürfen wieder öffnen, Hallen- und Spaßbäder ab dem 8. Juni wieder eingeschränkt

    Niedersachsen: Freibäder dürfen wieder öffnen. Hallenbäder könnten am 8. Juni folgen

    Nordrhein-Westfalen: Freibäder dürfen öffnen, der Mindestabstand gilt auch in den Schwimmbecken.

    Rheinland-Pflalz: Freibäder dürfen wieder öffnen, für sonstige Schwimmbäder ist das erst ab dem 10. Juni vorgesehen.

    Saarland: Freibäder dürfen am 8. Juni wieder öffnen.

    Sachsen: Freibäder dürfen öffnen, sofern sie ein genehmigtes Hygienekonzept haben. Ab dem 6. Juni können auch Hallenbäder öffnen, wenn die Kommunen deren Hygienekonzept genehmigt haben.

    Sachsen-Anhalt: Freibäder dürfen wieder öffnen. Auch Hallenbäder dürfen öffnen, wenn Abstandsregeln und Hygieneanforderungen erfüllt werden.

    Schleswig-Holstein: Freibäder können vom 8. Juni an wieder öffnen.

    Thüringen: Freibäder können öffnen.

Ob über das Wasser tatsächlich eine Ansteckung möglich ist, ist noch nicht geklärt. Nach Angaben der WHO gibt es hierfür bisher keine Indizien.
SARS-CoV-2 ähnelt in seiner Morphologie und chemischen Struktur anderen Coronaviren, bei denen Wasser kein relevanter Übertragungsweg ist.3 In einer Stellungnahme des Umweltbundesamtes wird daher das Ansteckungsrisiko durch Badewasser als „äußerst gering“ eingeschätzt.

Auch das amerikanische Center for Disease Control and Prevention sieht keine Hinweise darauf, dass sich das Corona-Virus über das Wasser von Schwimmbädern auf den Menschen überträgt, sofern die üblichen Maßnahmen zur Wasseraufbereitung und Abstandshaltung getroffen sind. Außerdem ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit wegen der Verdünnungseffekte in großen Wassermengen gering.4

Vorkehrungen in konventionellen Frei- und Hallenbädern

Neben Verdünnungseffekten ist die Ansteckunsgefahr in konventionellen Frei- und Hallenbädern durch Wasseraufbereitungsmaßnahmen sehr unwahrscheinlich. Nach § 37 des Infektionsschutzgesetzes müssen Betreiber von Schwimmbädern unabhängig von der Covid-19-Pandemie eine gute Wasserqualität gewährleisten, um die menschliche Gesundheit durch Krankheitserreger nicht zu gefährden.

Abb. 1: Informationen zur Ansteckungsgefahr über Badegewässer in der Übersicht

Das Wasser wird durch eine Filteranlage und Flockungsmittel von Mikroorganismen und Verschmutzungen befreit. Einige Betreiber setzten zusätzlich zur Filteranlage Aktivkohle, Ozon oder UV-Strahlen ein. Anschließend werden über eine chemische Desinfektion, meist mit Chlor, verbliebene Mikroorganismen abgetötet und inaktiviert. Über die Beckenhydraulik wird das saubere Wasser verteilt. Zudem erfolgt pro Badegast ein Austausch von mindestens 30 Liter Beckenwasser gegen Frischwasser, um Stoffe zu beseitigen, die durch die Aufbereitung nicht entfernt werden konnten. Diese Prozesse werden vom Beckenbetreiber und den Gesundheitsämtern überwacht.5

Naturbäder:Grundsätzlich höheres Risiko

Naturbäder bilden eine Ausnahme, da hier das Wasser nicht mit chemischen Mitteln desinfiziert wird. Potenzielle Krankheitserreger können somit länger überleben. Die Reinigung erfolgt nur biologisch und mechanisch, etwa durch Pflanzen, Kies oder Mikroorganismen. Grundsätzlich müssen Naturbadbetreiber auf ein mögliches Risiko durch Krankheitserreger hinweisen. Mit Blick auf Sars-CoV-2 lässt sich jedoch auch hier von einem geringen Risiko sprechen, da die Virusreste durch die Wassermenge stark verdünnt werden.4,6

Meere, Seen und Teiche: Je größer, desto sicherer?

Laut einer spanischen Übersichtsstudie gibt es keine Daten zur Persistenz von SARS-CoV-2 in Meerwasser. Dennoch ist die Viruslast bei großen Gewässern durch den Verfüngungseffekt reduziert. Das im Wasser gelöste Salz trägt zur Inaktivierung bei. Die Überlebensrate von SARS-CoV-2 müsste demnach im Süßwasser von Flüssen, Seen und Teichen höher sein. Von daher sind vermutlich  kleine, natürliche Teiche die am wenigsten ratsame Badeumgebung.7
Laut dem Umweltbundesamt führen die generell steigenden Wassertemperaturen und die erhöhte Sonneneinstrahlung im Sommer jedoch zu einer noch stärkeren Inaktivierung möglicherweise in das Wasser eingetragener Viren.8

Da das Virus mit dem Stuhl ausgeschieden werden kann, kann es theoretisch auch über Abwasserleitungen in natürliche Gewässer gelangen. Nach ersten Untersuchungen sind jedoch nur bei etwa 2-10 % aller Covid-19-Patienten Durchfallerkrankungen aufgetreten. Hierbei wurden nur in Einzelfällen geringe Konzentrationen infektiöser Coronaviren nachgewiesen.

Als behülltes Virus ist SARS-CoV-2 im Abwasser zudem nicht für längere Zeit überlebensfähig, im Gegensatz etwa zu unbehüllten Noroviren. Hinzu kommen – neben den üblichen Wasseraufbereitungstechniken – Verdünnungseffekte bereits im Rohabwasser. Insgesamt sind daher auch in natürlichen Gewässern keine relevanten Viruskonzentrationen zu erwarten.4

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Tröpfcheninfektion auch im Schwimmbad die größte Gefahr

Auch wenn eine direkte Virenübertragung über das Badewasser als sehr unwahrscheinlich angesehen werden kann, besteht in Schwimmbädern – wie an allen hochfrequentierten Orten – die Gefahr einer direkten Übertragung per Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch.9 Daher müssen sich Besucher von Schwimmbädern sowohl in Warteschlangen, auf Liegewiesen und im Wasser selbst an die gebotenen Abstandsregeln halten. Das Personal ist zudem angewiesen, regelmäßige Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen im Becken- und Sanitärbereich durchzuführen, um potenzielle Krankheitserreger zu reduzieren.6

Zudem mahnt das Umweltbundesamt Menschen mit Atemwegsinfekten oder Durchfall davor, baden zu gehen, um andere nicht unnötig zu gefährden. Dies gelte unabhängig davon, um welchen potenziellen Krankheitserreger es sich im Einzelnen handle.8

DLRG-Sprecher Achim Wiese warnt vor einem Folgeproblem: Wegen coronabedingter Einlassbeschränkungen in den Bädern, könnten vermehrt Menschen auf unbewachte Badestellen ausweisen. Wiese appelliert daher, nur dort zu baden, wo es eine Aufsicht gibt. Eltern forderte er auf, im Wasser nah bei ihren Kindern zu bleiben, solange diese nicht sicher schwimmen können.10

1. SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit 2019 (Covid-19). Übertragungswege. RKI; Stand 29.05.2020.
2. Beez, Achim: Corona: Sind Bayerns Badeseen und Freibäder gefährlich? LMU-Professor redet Klartext. 04.06.2020.
3. Water, sanitation, hygiene, and waste management for the COVID-19 virus: interim guidance. World Health Organization; 23.04.2020.
4. Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Badegewässer. Umweltbundesamt; 27.3.2020.
5. Schwimm- und Badebecken. Umweltbundesamt. 30.07.2019.
6. Coronavirus SARS-CoV-2- und Besuch in Schwimm- oder Badebecken beiziehungsweise Schwimm- und Badeteichen. Stellungnahme des Umweltbundesamtes. 12.03.2020.
7. Allende et al.: Informe sobre transmisión del SARS-CoV-2 en playas y piscinas. 05.05.2020.
8. Coronavirus: Darf ich im Sommer baden gehen? dpa; 14.05.2020.
9. Coronaviren und Umwelt. FAQ Umweltbundesamt; 05.05.2020.
10. DLRG befürchtet mehr Badetote – auch wegen Corona. dpa; 05.06.2020.

Titelbild: © Getty Images/wmaster890

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