24. Juni 2020

Covid-19 in der Gastroenterologie

Chronisch kranke Patienten sind oft falsch informiert

Chronisch kranke Patienten informieren sich in der Regel über Freunde, Familie und Medien über SARS-CoV-2. Das führt zu Unsicherheit, dem Absetzen von Medikamenten und ausfallenden Vorsorgeuntersuchungen. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) hat sich auf ihrer Pressekonferenz vom 23.06.2020 zu den möglichen Folgen der Covid-19-Pandemie geäußert. 1

Lesedauer: 2 Minuten

Selten differenziert zwischen Infektionsrisiko und schwerem Verlauf

Prof. Dr. med. Andreas Stallmach, Direktor der Klinik für Innere Medizin IV am Uniklinikum Jena, machte darauf aufmerksam, dass viele chronisch kranke Patienten von Freunden und Familie Fehlinformationen über ihr Risiko in der Covid-19-Pandemie bekommen. Dabei werde auch selten klar differenziert zwischen dem Risiko, sich zu infizieren und dem Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden.

Fehlinformierte Patienten setzen Medikamente ab

Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder Lebererkrankungen (vor und nach Transplantation) haben häufiger Sorgen, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Sie verlassen deshalb weniger oft das Haus, bitten um „Krankschreibungen“, um sich nicht auf der Arbeitsstelle zu infizieren, und haben Sorgen, sich in der Arztpraxis oder im Krankenhaus anzustecken. Krankheitsspezifische Informationen von Fachgesellschaften oder Selbsthilfeorganisationen werden allerdings vergleichsweise selten genutzt.2

Patienten mit immunsuppressiven Therapien (auch zum Beispiel Chemotherapien) reduzieren teilweise aus Unkenntnis ihre Medikation oder setzen diese aus oder verschieben Behandlungstermine, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Biologika-Therapie könnte sogar vorteilhaft sein

Prof. Stallmach unterstreicht, dass 80 Prozent der Infektionen als sehr milde oder leichte Erkrankungen ablaufen. Zudem sei das Risiko für einen schweren Verlauf der Infektion interessanterweise gerade bei Patienten mit einer Biologika-Therapie nicht erhöht. Ein Grund dafür könnte sein, dass im späteren Verlauf nicht mehr die Virusinfektion, sondern die Inflammation, im schlimmsten Fall also der Zytokinsturm, die Komplikationen bestimmt. Die aktuellen Daten zum Nutzen von Dexamethason unterstützen diese Überlegungen.

Zudem gelte es, die in Studien berichtete, erhöhte Sterblichkeit von immunsupprimierten Patienten einzuordnen. Die Studien, auf deren Ergebnisse diese Risiko-Einschätzungen beruhen, stammen aus Großbritannien und Italien, die von SARS-CoV-2 deutlich stärker betroffen sind als Deutschland. Hierzulande stünden genug Intensivbetten zur Verfügung, um eine optimale Versorgung zu gewährleisten, sodass die Zahlen möglicherweise nicht auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind.

20000 Vorsorgeuntersuchungen verschoben

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) warnte jüngst vor den „stillen Toten“ im Rahmen der Sars-CoV-2-Pandemie. Hier handelt es sich um Patienten, die nicht an Covid-19 versterben, sondern Patienten mit anderen Erkrankungen, die unerkannt und damit unbehandelt bleiben. Viele Patienten scheuen sich aus Angst vor einer Infektion mit Covid-19, ärztliche Einrichtungen aufzusuchen, um Behandlungen, aber auch Vorsorgeuntersuchungen vorzunehmen. Nach Schätzungen der DGVS wurden etwa 20000 gastroenterologische Vorsorgeuntersuchungen wegen der Pandemie verschoben.

Prof. Stallmacher plädiert dafür, dass Patienten sich an adäquater, professioneller Stelle über ihre Risiken informieren, zum Beispiel bei ihren behandelnden Ärzten und entsprechenden Fachgesellschaften. Die Schutzkonzepte in den Praxen seien mittlerweile so gut etabliert und ausgereift, dass der Arztbesuch zur Vorsorge oder Verlaufskontrolle ein äußerst geringes Infektionsrisiko darstelle.

  1. Pressekonferenz der Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten vom 23.06.2020
  2. P. Reuken et al. Between Fear and Courage: Attitudes, Beliefs, and Behavior of Liver Transplantation Recipients and Waiting List Candidates during the COVID-19 Pandemic. Am J Transplant, 2020 Jun.

Bildquelle: © Getty Images/ ArtMarie

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