11. August 2020

Kolumne

Corona als Suchtmittelkonsumepidemie?

Dr. Karsten Strauß ist Arzt, Suchttherapeut, Dozent und Autor mit fast 40 Jahren Erfahrung in der Suchtmedizin. In dieser Kolumne erklärt er, warum wir zum Suchtmittelkonsum während der Corona-Pandemie noch keine erschreckenden Daten haben können, der gesteigerte Konsum aber trotzdem jetzt schon real ist.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Freund von Fakten

Ich bin ein Freund von Fakten. Deshalb tue ich mich mit Zahlen so schwer. Man misst ihnen „Objektivität“ bei, dabei sind sie so ziemlich das Manipulierbarste, das man sich denken kann. Und damit meine ich noch nicht einmal die üblichen Statistiken. Jeder Buchhalter, am besten Bilanzbuchhalter, kann Ihnen erklären, wie man mit Erhebung, Verwertung, in-Beziehung-setzen, Interpretation und auch dem Weglassen ganz erstaunliche Resultate erzielt.

Alkohol in Corona-Zeiten

Zum Alkohol in Corona-Zeiten gibt es tatsächlich ein paar Zahlen. Sie sind unterschiedlichen Ursprungs, eigentlich nicht miteinander vergleichbar, ich zwänge sie dennoch in eine Beziehung.

Da sind zunächst einmal Daten aus dem Ärzteblatt1 und dem Spiegel2, die nahelegen, dass der Alkoholkonsum in Deutschland seit Beginn der Corona-Zeit um mehr als ein Drittel gestiegen ist. Das ist viel. Erklärungen, weshalb das so ist, werden natürlich auch angeführt: „Risikofaktoren für eine Vermehrung des Konsums waren zum Beispiel der Wechsel des Arbeitsstatus, etwa ins Homeoffice, ein hohes gefühltes Stressniveau und Zweifel daran, dass die Krise gut gemanagt wird“, sagt Anne Koopmann vom ZI in Mannheim. Menschen mit einem hohen Stresslevel und geringerem sozialen Status gaben demnach eher an, in der Krise mehr Alkohol zu trinken. Menschen in systemrelevanten Berufen, die weiter arbeiten konnten, tranken den Angaben zufolge dagegen eher weniger oder behielten ihren Konsum bei.

„… Die Coronakrise ist für viele Menschen auch eine emotionale Krise: Sowohl gesundheitsbezogene als auch finanzielle Sorgen und Ängste sind für viele Menschen sehr präsent. Alkohol ist ein Mechanismus, eine kurzfristige Linderung dieser Sorgen zu erleben“, erklärte Koopmann. Das könnte auch erklären, warum der Konsum bei Menschen mit einem niedrigeren sozialen Status ausgeprägter war: „Hier mehren sich die Sorgen und es gibt weniger Kompensationsmöglichkeiten.“ 

Bereits bestehende Alkoholprobleme werden sichtbar

Auch Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen berichten der Deutschen Presseagentur zufolge von deutlich mehr Interessenten: „Die Frequenz bei den Anrufen und bei den schriftlichen Anfragen, dem sogenannten Erste-Hilfe-Button, hat deutlich zugenommen“, sagt Peter K. von den Anonymen Alkoholikern. Die Coronakrise habe bereits bestehende Alkoholprobleme vieler Menschen sichtbar gemacht.2

Ärzteblatt und Spiegel beziehen sich auf eine Online-Umfrage des ZI Mannheim. Schaut man beim Statistischen Bundesamt nach den Einnahmen aus den verschiedenen Steuern, findet man bei den Alkoholsteuern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine Minderung für März und April um 2,9 bzw. 10,3 Prozent, im Mai hingegen eine Steigerung um 4,1 Prozent. Die Biersteuereinnahmen verzeichneten einen durchgehenden Einbruch: März minus 0,7%, April minus 27% und Mai minus 60,6%. 3

Aktuelle Umsätze verschiedener psychotroper Medikamente mit Abhängigkeitspotenzial (vor allem Benzodiazepine, Z-Substanzen, Pregabalin, Ritalin, Opioide u.ä.) liegen derzeit noch nicht vor.

Suchtmittelkonsum verspricht „Normalität“

Zeiten, in denen Unsicherheit herrscht, gar Angst vor Zukunft oder sogar das eigene Überleben, sind in den westlichen Industrieländern regelmäßig erhebliche und ungewohnte Belastungssituationen. In solchen Situationen wird Entlastung, ein Stück Sicherheit und Zuverlässigkeit gesucht, etwas, das man kennt und einem „Normalität“ verspricht. Neben den sozialen Systemen sind dies auch gerne Konsumgewohnheiten von Substanzen, die ihre zuverlässige Wirksamkeit bewiesen haben. In Deutschland gehören dazu in erster Linie Tabak und Alkohol, aber auch in kaum wahrgenommenem, aber erheblichem Umfang Kokain, Amphetamine und selbstverständlich Medikamente.

Nur wenige „Neueinsteiger“

Ich schätze, ähnlich wie der oben erwähnte Bericht der Deutschen Presseagentur, dass es relativ wenige „Neueinsteiger“ gibt. Vielmehr scheinen sich Konsumgewohnheiten langsam zu steigern, je länger Unsicherheitsgefühl, Angst und auch negative wirtschaftliche Folgen anhalten. Das wird oft unterschätzt: Wer seinen Job verliert, leidet mehr als doppelt so stark wie ein Mensch, der seinen Partner verliert.4

Wir steuern Richtung Abhängigkeitserkrankung

Meiner Auffassung nach sind wir gerade in einer Phase, in der sich der Konsum der verschiedenen potenziell abhängig machenden Substanzen nach und nach, aber substanziell bei einer Anzahl von Menschen erhöht und in Richtung Abhängigkeitserkrankung entwickelt. Das ist m.E. bei Alkohol und Nikotin der Fall (u.U. lange Latenzzeit). Bei Medikamenten (Benzodiazepinen u.a.) dauert die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung in der Regel nicht so lange, bei Kokain geht’s ziemlich schnell.

Keine drastischen Auswirkungen für Massen, sondern für einzelne Schicksale

Dabei handelt es sich nicht um einen massiv ansteigenden Suchtmittelkosum in den breiten Teilen der Bevölkerung, sondern es betriftt nur manche wenige, deren Konsum jedoch krankhafte Dimensionen erreichen wird. Ich denke deshalb nicht, dass wir innerhalb der nächsten Wochen und wenigen Monate die Auswirkungen drastisch vor Augen geführt bekommen werden.

Aber ich bin mir sicher, sie werden kommen, sich entwickeln, so lange wie möglich unter den Teppich gekehrt werden, aber Schaden anrichten, oft großen Schaden – persönlichen, gesundheitlichen, sozialen und meist auch juristischen. Und manchmal wird die Krankheit in chronischem Siechtum und frühem Tod enden.

Dr. Karsten Strauß war lange Zeit als Chefarzt der Reha-Klinik Agethorst (Entzug und Reha polyvalent abhängiger Menschen) tätig. Heute ist er u. a. als Dozent für Akupunktur und Suchtakupunktur sowie autogenes Training im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Kliniken tätig.  Zuletzt ist auch sein neues Buch „Suchtkrank: Bis alles zerbricht?“ erschienen, das sowohl den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen eine erste Hilfe bietet als auch den behandelnden Ärzten unerwartete Denkanstöße offenbart. 

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