02. Juli 2021

Astrazeneca-Vakzin: Spätes Boostern und 3. Impfdosis erhöhen Schutz

Eine Verzögerung der 2. Dosis des Astrazeneca-Vakzins auf einen Abstand von 6 bis 11,5 Monate zur 1. Impfung ruft durchschnittlich höhere Titer von SARS-spezifischen Antikörpern hervor als das Boostern im üblichen 12-Wochen-Zeitraum.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Für die SARS-CoV-2-Vakzine von AstraZeneca wird in der Fachinformation ein Abstand von 4 bis 12 Wochen zwischen der 1. und der 2. Immunisierung empfohlen. Nun ergeben Weiterführungen von zulassungsrelevanten Untersuchungen und Substudien: eine Verzögerung der 2. Dosis auf einen Abstand von 6 bis 11,5 Monate zur 1. Impfung ruft durchschnittlich höhere Titer von SARS-spezifischen Antikörpern hervor als das Boostern im üblichen 12-Wochen-Zeitraum. Die Möglichkeit, die 2. Impfung auch nach fast einem Jahr noch mit guter Effektivität vornehmen zu können, erhöht die Flexibilität beim Impfen. Eine 3. Immunisierung hat auf B-Zell- und T-Zellantworten einen weiteren Verstärkungseffekt.1

Hintergrund

Herstellungsengpässe bei SARS-CoV-2-Impfstoffen oder logistische Probleme bei der Verteilung können bewirken, dass erstmals Geimpfte nicht im empfohlenen Zeitraum ihre 2. Dosis erhalten. Für die Gesundheitspolitik stellt sich die Frage, welche Folgen eine Verzögerung des Boosterns auf erwünschte und unerwünschte Effekte der Impfung haben kann und ob bei Verzögerungen eventuell Handlungsbedarf besteht. Für die AstraZeneca-Vakzine ChAdOx1 nCoV-19 ist ein Forscherteam, das bereits an den Zulassungsstudien beteiligt war, diesen Fragen nachgegangen.

Design

  • Studienformen: Die Studien COV001 und COV002 sind noch laufende, einfach verblindete, randomisierte und kontrollierte klinische Untersuchungen in Großbritannien, in denen Teilnehmer ChAdOx1 nCoV-19 (5×1010 virale Partikel) erhalten oder eine ACWY-Meningokokken-Vakzine (MenACWY) als Kontrolle.

Subgruppen:

  • Ein Teil der Teilnehmer hat eine 1. Boosterimpfung erhalten, wobei die Abstände zur 1. Impfung variieren.
  • Ein weiterer Teil ist im Rahmen einer Substudie ein 3. Mal geimpft worden (2. Booster).
  • Humorale Immunantworten: IgG-Antikörper gegen das trimere SARS-CoV-2-Spikeprotein des Wildtypvirus (Victoria/01/2020) und der Varianten (Alpha [B.1.1.7], Beta [B.1.351] und Delta [B.1.617.2]) wurden mit Hilfe eines standardisierten ELISA bestimmt.
  • Zelluläre Immunantworten: Spezifische T-Zellantworten wurden mit Hilfe des ex-vivo- IFN-γ ELISpot nachgewiesen.

Hauptergebnisse

  • Von 321 Teilnehmern mit Intervallen von 8-12, 15-25 oder 44-45 Wochen zwischen 1. und 2. Impfung lagen Daten zur Verträglichkeit vor und von 261 Personen zur Immunogenität. 90 Probanden hatten eine 3. Impfdosis als Spätauffrischung erhalten.
  • Die IgG-Antikörpertiter waren bei längeren Intervallen zwischen 1. und 2. Impfung höher: nämlich 923 ELISA-Einheiten (EU) im Intervall 8-12 Wochen, 1860 EU im Intervall 15-25 Wochen und 3738 EU im Intervall 44-45 Wochen, jeweils 28 Tage nach 2. Dosis (p < 0,001).
  • Die Titer gegen die Spikeproteine aller 4 untersuchten Varianten waren nach der 2. Impfung signifikant höher als nach der 1.
  • 28 Tage nach einer 3. Impfdosis waren die IgG-Antikörpertiter mit durchschnittlich 3746 EU signifikant höher als nach der 2. Impfung mit durchschnittlich 1792 EU.
  • Unerwünschte Reaktionen waren nach einer späten 2. Dosis oder einer 3. Impfung geringer als nach der 1. Dosis. Die T-Zellantwort wurde durch Boosterimpfungen deutlich verstärkt, durch einen 2. Booster noch einmal mehr als durch den ersten.

Klinische Bedeutung

Ein Intervall von bis zu 45 Wochen zwischen 1. und 2. Impfung mit der SARS-CoV-2-Vakzine von AstraZeneca bewirkt höhere Antikörpertiter als ein Boost bis zur 12. Woche nach der 1. Impfdosis. Eine 3. Impfung verstärkt die Immunantwort weiter, so dass sich Befürchtungen, wiederholte Impfungen mit der Vakzine könnten Antikörper gegen den Vektor induzieren und damit die Schutzeffekte vermindern, bislang nicht zu realisieren scheinen.

Die Publikation ist ein Preprint in der Lancet-Zeitschriftengruppe und hat noch keinen Reviewprozess durchlaufen.1

Vergleiche der humoralen Immunantworten auf die Delta-Variante zwischen der mRNA-Vakzine von BioNTech/Pfizer und dem AstraZeneca-Impfstoff hatten stärkere Antikörperreaktionen auf den BioNTech/Pfizer-Impfstoff ergeben als auf die AstraZeneca-Vakzine.2, 3

Finanzierung: öffentliche Mittel und Hersteller.

  1. Flaxman A, Marchevsky N, Jenkin D, et al.:Tolerability and Immunogenicity After a Late Second Dose or a Third Dose of ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222). Lancet Preprint https://ssrn.com/abstract=3873839 / http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.3873839
  2. Wall EC, Wu M, Harvey R, et al.: Neutralising antibody activity against SARS-CoV-2 VOCs B.1.617.2 and B.1.351 by BNT162b2 vaccination. Lancet 2021; 397: 2331-3.
  3. Wall EC, Wu M, Harvey R, et al.: AZD1222-induced neutralising antibody activity against SARS-CoV-2 Delta VOC. Lancet 2021; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)01462-8

Bildquelle: © Getty Images/solarseven

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