12. Januar 2022

„Aufgabe der Humanmedizin“

Bundesärztekammer kritisiert neue Impfverordnung für impfende Apotheker

Das Impfpräventionsstärkungsgesetz und die dazugehörige Impfverordnung sind in Kraft getreten. Die Folge: Auch Apotheker können SARS-CoV-2-Schutzimpfungen durchführen. Die Bundesärztekammer (BÄK) kritisiert den Inhalt des Gesetzes. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Autor: Christian Beneker, Redaktionelle Bearbeitung: Sebastian Schmidt

Am 12. Dezember 2021 ist das Impfpräventionsstärkungsgesetz in Kraft getreten. Damit können auch Apotheker SARS-CoV-2-Schutzimpfungen durchführen. Eine weitere Voraussetzung: Eine neue Impfverordnung zu COVID-19. Diese sind am 11. Januar 2022 in Kraft getreten ist. Schon zuvor durften Apotheker in mobilen Impfteams gegen das Coronavirus impfen. Darauf wies die die niedersächsische Apothekerkammer hin.

Die Bundesärztekammer (BÄK) hat das Impfpräventionsstärkungsgesetz scharf kritisiert, ebenso mehrere Landesärztekammern. Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Niedersächsische Ärztekammer (ÄKN), monierte: „Es kann doch nicht länger sein, dass aktuell nur etwa ein Drittel aller Ärztinnen und Ärzte – diejenigen mit eigener Praxis – impfen dürfen, aber zukünftig ausnahmslos alle Apotheker, Tierärzte und Zahnärzte.“ 3

Mit Inkrafttreten des Impfpräventionsstärkungsgesetzes Mitte Dezember dürften Apotheker nach Paragraf 20b des Infektionsschutzgesetzes bereits Corona-Schutzimpfungen als Mitglied eines mobilen Impfteams an Personen ab 18 Jahren durchführen, erklärt eine Sprecherin der Niedersächsischen Apothekerkammer gegenüber Medscape. Aber die Apotheker müssen zuvor bei ihrer Kammer eine entsprechende Schulung absolviert haben.

Neben Apothekern dürfen auch Zahn- und Tierärzte beim Impfen gegen Covid-19 helfen, wenn sie entsprechend geschult wurden. Die Regelung gelte ab sofort, hieß es.

Coronavirus-Impfverordnung regelt Bezahlung und Meldepflichten

Allerdings waren die Impfungen in den Apotheken vor Ort wegen der „noch nicht angepassten Modalitäten in der Coronavirus-Impfverordnung“ vor der nun in Kraft getretenen Verordnung verboten, so die Sprecherin der niedersächsischen Apothekerkammer. Die Bundesapothekerkammer werde in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer (BÄK) ein Mustercurriculum für die Schulungen erarbeiten, hieß es.

In der Verordnung werde unter anderem die Bezahlung der Impfungen durch Apotheker geregelt, sagte Dr. Ursula Sellerberg, Sprecherin der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V., zu Medscape.

Auch die Meldepflichten werden in der Verordnung geregelt. So müssen impfende Apotheker auch an der Impfsurveillance teilnehmen und die Anzahl der durchgeführten Schutzimpfungen jeden Abend dem Robert-Koch-Institut (RKI) melden. Hierzu müsse laut Sellerberg noch eine entsprechende Schnittstelle an das RKI programmiert werden. Erst mit Inkrafttreten der Coronavirus-Verordnung ist das neue Gesetz rechtskräftig.

Jeder 2. Apothekenleiter will impfen

Das Interesse der Apotheker ist offenbar groß. „Die ABDA hat eine Umfrage gemacht, an der sich 4.000 Apothekeninhabern von bundesweit 14.000 beteiligt haben“, berichtet Sellerberg. „Von diesen Inhabern hat die Hälfte Interesse bekundet, sie möchte in ihrer Apotheke impfen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Man kann also davon ausgehen, dass die Hälfte aller Apotheken das Impfen zumindest in Betracht zieht.“

Das zeigt auch die Zahl der Apotheken, in denen derzeit gegen Grippe geimpft wird. Nach Zahlen der ABDA sind dies bundesweit etwa 2600 geschulte Apothekerinnen und Apotheker in rund 1000 Apotheken im Land. „Die Apotheker wollen den Ärzten niemanden wegnehmen“, betont Sellerberg. „Es geht darum, durch impfende Apotheker auch Menschen zu erreichen, die vielleicht gar keinen Hausarzt oder nur wenig Zeit haben.“

Ärztekammern lehnen Impfungen durch Apotheker ab

Dessen ungeachtet betont die BÄK in ihrer Stellungnahme zum Gesetz – besonders in Bezug auf die Patientensicherheit: „Die Durchführung von Impfungen ist eine originäre Aufgabe der Humanmedizin.“ Eine Schulung der Apotheker reiche nicht aus, um Impfkomplikationen zu beherrschen. 

Allerdings kann die BÄK sich vorstellen, dass die Apotheker bei Engpässen in Impfteams oder Impfzentren „im Rahmen der ärztlichen Delegation“ beim Impfen unterstützen. Darüber hinaus erkennt die BÄK keinen Mangel an Impfenden. Der gegenwärtige „Impfstau“ sei Resultat von Lieferengpässen und Impfstoffmangel, so die BÄK.

Auch aus den Landesärztekammern kommt Kritik. Dr. Martina Wenker zum Beispiel, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN), kritisiert die Entscheidung, auch Apotheker das Impfen zu erlauben. Stattdessen sollte das Bundesgesundheitsministerium besser allen Humanmedizinern wie Krankenhausärztinnen und -ärzten sowie Ärzten im Ruhestand erlauben, „eigenständig als Impfleistungserbringer tätig“ zu werden, um das Impftempo zu erhöhen, statt Apotheker einzusetzen. „Wir Ärztinnen und Ärzte haben das Impfen und die Übernahme der Impfverantwortung gelernt“, so Wenker. „Mehr als 4.500 Ärztinnen und Ärzte sind beispielweise im Freiwilligenregister der Ärztekammer Niedersachsen registriert und könnten die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen bei der Impfkampagne unterstützen.“

Sellerberg dagegen sieht keine Probleme. „Die Apotheker sind geschult und werden im Zweifelsfall, wenn sie einen anaphylaktischen Zwischenfall entdecken, sofort den Notarzt informieren“, sagt Sellerberg. „Genau das würden Arztpraxen auch tun. Von daher ist die Kritik der Bundesärztekammer aus unserer Sicht nicht sachgerecht.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

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