06. Mai 2022

Antikörper-Therapie in der Hausarztpraxis: Worauf Ärzte achten sollten

Für eine zeitnahe und effektive Behandlung von Patientinnen und -patienten mit einem Risiko für schwere Covid-19-Verläufe sei die Gabe der Antikörper durch Hausärzte unabdingbar, berichten Allgemeinmediziner vom Universitätsklinikum Tübingen und erklären, welche entsprechenden Schutzmaßnahmen eingehalten werden sollten.1-3

Lesedauer: 3,5 Minuten

Autor: Dr. med. Thomas Kron

Eine kleine Fallserie

Zwei der Patientinnen und Patienten waren den Autoren zufolge ungeimpft, fünf erhielten eine medikamentöse Immunsuppression, und ein Patient galt aufgrund einer Trisomie-21 als gefährdet, schweres Covid-19 zu entwickeln. 

Alle Patientinnen und Patienten seien im Januar bzw. im Februar 2022 ambulant erfolgreich mit Sotrovimab behandelt, zwei von ihnen bei Hausbesuchen. Keiner habe hospitalisiert werden müssen, so die Allgemeinmediziner. Bei allen symptomatischen Patientinnen und Patienten sei innerhalb kurzer Zeit eine deutliche Symptomlinderung eingetreten. Spätestens ab dem dritten Tag nach Therapie-Beginn seien alle „weitestgehend symptomfrei“ gewesen, heißt es im Artikel. 

Frühe Intervention bringt den größtmöglichen Nutzen 

Zum Hintergrund: Neutralisierende monoklonale Antikörper (mAK) gegen SARS-CoV-2 reduzieren bei Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren die Schwere des Verlaufs von Covid-19. Damit die Antikörper wirksam seien, müssten sie frühzeitig zu Infektionsbeginn verabreicht werden, schreiben Böbel und Kollegen. Im Stadium der viralen Erkrankung seien Hausärzte die ersten Ansprechpartner der Patienten. Antikörper gegen SARS-CoV-2 seien bislang jedoch nur selten in Hausarzt-Praxen eingesetzt worden.

Indikationsstellung für Antikörper gegen SARS-CoV-2

In den aktuellen Leitlinien werde für Covid-19-Patientinnen und -Patienten mit Risikofaktoren für schweres Covid-19 der Einsatz antiviraler Therapeutika in der Frühphase der Erkrankung empfohlen, erklären die Autoren weiter. Die Leitlinien sprächen sich zudem klar für eine ambulante Gabe dieser Therapeutika aus. 

Empfohlen werde, bei Risiko-Patientinnen und -Patienten mit vollständiger Impfserie und ohne zu erwartende Einschränkungen der Impfreaktion vor der mAK-Therapie den Impftiter zu bestimmen. Dies sei im ambulanten Bereich oft wegen langer Laborlaufzeiten schwierig umsetzbar.  

Bei sieben Patientinnen und Patienten der aktuellen Fallserie sei die Frage nach dem Impftiter allerdings nur einmal relevant gewesen: Der 3-fach mit mRNA-Vakzinen geimpfte Trisomie-21-Patient hätte nach den Empfehlungen der RKI-Fachgruppe COVRIIN formal eine Antikörper-Bestimmung benötigt. Im Beratungsgespräch mit dem Beratungsnetzwerk STAKOB/DGI sei entschieden worden, hierauf zu verzichten, um nicht das Zeitintervall für eine Antikörper-Therapie zu überschreiten.

Antikörper bei verschiedenen Virusvarianten

Bei der Wahl der mAK für die Therapie oder Prophylaxe seien den Autoren zufolge die aktuelle epidemiologische Lage und die Wirksamkeit gegen die einzelnen Virusvarianten zu berücksichtigen. Zum Zeitpunkt der Fallserie im Januar/Februar 2022 sei in Deutschland die Virusvariante Omikron BA.1 vorherrschend gewesen, gegen die Sotrovimab gut zu wirken scheine. Gegen die sich inzwischen ausbreitende Omikron-Variante BA.2 könne der Antikörper jedoch schwächer wirksam sein. 

Geeignete Praxisräume

Für ein zeitnahe und effektive Behandlung von gefährdeten Covid-19-Patientinnen und -Patienten sei die Gabe der Antikörper durch Hausärzte unabdingbar, so Böbel und seine Mitautoren. „Da die Patienten, die zur Infusion von mAK in die Praxis kommen, immer an Covid-19 erkrankt sind und immer infektiös sind, ist die Einhaltung entsprechender Schutzmaßnahmen sicherzustellen“, geben die Autoren zu bedenken. 

Deshalb dürften keine anderen Patientinnen und Patienten zum Zeitpunkt der Therapie in der Praxis sein. Die Praxisräume sollten für die Antikörper-Therapie geeignet sein. Wichtig sei insbesondere die Möglichkeit einer guten Belüftung, heißt es in der Veröffentlichung. Außerdem seien nicht benötigte Gegenstände aus dem Behandlungsraum zu entfernen. Darüber hinaus habe das Team, das die Infusion betreue, konsequent geeignete Schutzbekleidung zu tragen. Alle Hygienemaßnahmen müssten in einem Hygieneplan festgehalten werden.

Therapie in einer Corona-Schwerpunktpraxis

Bei der Praxis von Böbel handelt es sich dem Beitrag zufolge um eine „durchschnittliche Hausarztpraxis (ein Facharzt für Allgemeinmedizin, eine angestellte Fachärztin für Allgemeinmedizin, sechs MFA, eine Auszubildende) mit breitem Versorgungsprofil“. Die Räumlichkeiten hätten eine Grundfläche von 140 Quadratmetern. 

Seit April 2020 sei die Praxis eine Corona-Schwerpunkt-Praxis. Dadurch sei das gesamte Team den Umgang mit infektiösen Patienten, das An- und Ablegen der Schutzkleidung und die Arbeit unter Schutzkleidung bereits gewohnt. Im Vorfeld der 1. Infusion habe das Praxisteam außerdem an einem Training mit einem Patientensimulator (CAE Healthcare®) teilgenommen, um die Abläufe, Prozesse, Schutzmaßnahmen und mögliche Zwischenfälle einzuüben. Dies habe wesentlich dazu beigetragen, Ängste im Team abzubauen und sichere Abläufe zu schaffen. 

Ein Fazit der Tübinger Ärztinnen und Ärzte: „Unter Erfüllung der hygienischen, apparativen und personellen Voraussetzungen ist die Gabe von mAK in der Praxis sicher und gut durchführbar.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis erschienen.

  1. Böbel M et al. Neutralisierende monoklonale Antikörper bei COVID-19: eine Fallserie aus der Hausarztpraxis. Dtsch Med Wochenschr. 2022, 147(09): 558-563
  2. Robert-Koch-Institut, Aktuelle Hinweise zur Therapie von COVID-19
  3. Deutsche Gesellschaft für Infektiologie e.V. Infektiologie-Beratungsnetzwerk von DGI und STAKOB
Bild: © gettyImages/FatCamera (Symbolbild mit Fotomodell)

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