09. Juli 2021

Fußball-EM 2021

Wenn das Stadion zum Infektionsherd wird

Halbfinale der Fußball-EM In England: Tausende Fans fieberten bei den spielen in Wembley zuletzt mit. 60.000 Zuschauer haben UEFA und englische Regierung trotz der weit verbreiteten Delta-Variante und trotz enger Tribünen im Stadion zugelassen.

Lesedauer: 3,5 Minuten


Fernsehbilder zeigen: Die wenigsten trugen Maske

Welche Gefahr von den zu 3 Vierteln gefüllten Stadion trotz Abstandsregeln und Maskenpflicht ausgehen kann, zeigt jetzt eine schottische Untersuchung vorheriger EM-Veranstaltungen. Fast 2000 schottische Fans könnten danach bei Fußballspielen und anderen Veranstaltungen der Fußball-Europameisterschaft mit COVID-19 angesteckt worden sein.

Das geht aus einem Bericht der englischen Zeitung „The Guardian“ hervor, der sich auf die schottische Gesundheitsbehörde Public Health Scotland (PHS) beruft. Schlechte Aussichten für die Fans bei den beiden noch ausstehenden Begegnungen in London.

Knapp 2000 schottische Fans infiziert

Mit den Zahlen aus Schottland liegen erstmals handfestere Belege für die Corona-Gefahr des Wettbewerbs vor: Die PHS-Analyse ergab, dass 1991 Personen, die später positiv getestet wurden, während ihrer Infektionsphase zwischen dem 11. und 28. Juni an einer oder mehrerer EM-Veranstaltungen teilgenommen haben. Fast 3 Viertel von ihnen sind zwischen 20 und 39 Jahre alt. Die meisten sind Männer.

2 Drittel jener Fans hatten sich entgegen offizieller Empfehlungen auf den Weg nach London gemacht, darunter 397 am 18. Juni zum Spiel Schottland gegen England ins Londoner Wembley-Stadion.

Die übrigen Fans dürften in der englischen Hauptstadt Pubs und Public Viewings besucht haben. Die Gefährdung ist nachvollziehbar, wenn man an die Zuschauerränge und Kneipen denkt, wo sich begeisterte Fans in den Armen liegen.

Auch die Europäische Gesundheitsbehörde ECDC zählte 2500 Corona-Infektionen im Zusammenhang mit der Europameisterschaft. So seien laut Deutscher Presseagentur (dpa) zum Beispiel in Finnland 436 Fälle im Zusammenhang mit der EM registriert worden.

Offenbar waren viele Fans zum Spiel ihrer Mannschaft nach St. Petersburg gereist. Sie könnten sich aber auch auf Fanmeilen oder in Fußballkneipen infiziert haben. Vereinzelte Infektionen im Zusammenhang mit der EM wurden auch aus Holland, Kroatien, Schweden, Dänemark und Frankreich gemeldet. Allerdings noch keine aus Deutschland.

Lauterbach: UEFA ist für den Tod von Fans verantwortlich

Werden die Halbfinals und das Finale am 11. Juli nun wirken, wie vorherige Super-Spreader-Ereignisse, etwa das Match zwischen Bergamo und Valencia im Februar 2020 in Mailand? Tausende von Fans sollen damals das Virus in und um Bergamo verbreitet und die Region zu einem Hotspot des Krankheitsgeschehens gemacht haben.

In Deutschland wurde die englische Praxis der zahlreichen in den Stadien zugelassenen Zuschauer scharf kritisiert. Die UEFA sei für den Tod von vielen Menschen verantwortlich, twitterte der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach schon vor dem Achtelfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen England. Im Londoner Wembley-Stadion waren 45.000 Fans zugelassen. Damit war das Stadion halb gefüllt.

Kein Wunder, dass nun die Kritik an der britischen Regierung und an der UEFA angesichts von 60.000 zugelassenen Fans im letzten Halbfinale und dem Finale immer lauter wurde. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte bei der Bundespressekonferenz bereits am 1. Juli:  „Ich halte diese Position der UEFA für absolut verantwortungslos.“

Hygienekonzepte haben „schlecht funktioniert“

Auch aus Brüssel kommen ausgesprochen kritische Töne. Der Grünen-Europa-Abgeordnete Sven Giegold sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Es ist kein gutes Zeichen für die Demokratie, wenn Regierungen vor einem durch Korruption gekennzeichneten Fußballverband kuschen.“

Peter Liese, CDU-Gesundheitsexperte der europäischen Konservativen, sagte mit Blick auf Finnland: „Es ist mittlerweile leider bewiesen, dass die EURO 2020 ein Pandemietreiber ist.“ In Finnland sei die 7-Tage-Inzidenz nach dem Match Finnland gegen Belgien in St. Petersburg von 8,4 auf 20,7 angestiegen. Die Hygiene-Konzepte der UEFA hätten „schlecht funktioniert.“.

Die UEFA indessen verteidigte ihre Strategie, in der Endrunde der EM viele Zuschauer zuzulassen. „Wir sehen keinen großen Anstieg von Fallzahlen in den Austragungsstädten der EURO 2020 oder in den meisten Ländern der teilnehmenden Nationen”, sagte der leitende medizinische Verantwortliche der EM Dr. Zoran Bahijarevic. Dr. Daniel Koch, medizinischer Berater der EM, erklärte in einem Interview.zu der Infektionsgefahr bei den Spielen der Endrunde: „Es ist eine kontrollierte Umgebung, in der die UEFA und die Organisatoren vor Ort sich viel Mühe gegeben haben, um die Umstände sicherer zu machen.“

,,Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.”

Titelbild: © GettyImages/ffikretow

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