10. Juni 2020

Covid-19

Übersterblichkeit in Europa

SARS-CoV-2 hat sich in ganz Europa ausgebreitet und seine Spuren hinterlassen. Doch in welchen Ländern war die Sterblichkeit im Vergleich zu den Vorjahren besonders hoch?

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Artikel basiert auf Daten des European Mortality Monitoring Project (EUROMOMO).1 Redaktion: Christoph Renninger

Todesfallzahlen aus 24 Ländern und Regionen

Abb.1 Gesamtzahl der Todesfälle in allen teilnehmenden Ländern

In der EUROMOMO-Datenbank werden Todesfälle aus 24 Ländern und Regionen, darunter Österreich, die Schweiz und Deutschland mit Hessen und Berlin, ausgewertet. Betrachtet man die Fallzahlen der vergangenen Jahre sind saisonale Schwankungen zu erkennen, mit den meisten Todesfällen um den Jahreswechsel und weniger in den Sommermonaten (Abb. 1). Auffällig sind die stark angestiegenen Todesfälle im Winter 2016/2017, in welchem die Influenzawelle besonders gravierend ausgefallen war.

Abb. 2 Gesamttodesfälle nach Altersgruppen

Im laufenden Jahr kommt es ab der Kalenderwoche 12 (16.-22.03.) zu einem enormen Anstieg der Mortalität, mit dem Höhepunkt von fast 90.000 gemeldeten Toten in der Kalenderwoche 14 (30.03.-05.04.). Erst in Kalenderwoche 22 (25.-31.05.) liegen die Zahlen wieder im normalen Bereich, wobei eine Verzögerung bei den Meldungen berücksichtigt werden muss (Abb.1).
Der Anstieg an Todesfällen im Zeitraum der Covid-19-Pandemie tritt bei allen Altersgruppen über 15 Jahren auf. Bei den 15-44-Jährigen ist die Höchstzahl seit Beginn der Datenerhebung 2016 in Kalenderwoche 15 (06.-12.04.) erreicht. Auch in den übrigen Altersgruppen werden im April 2020 so viele Todesfälle wie noch nicht zuvor registriert (Abb.2).

Sterblichkeit deutlich über den erwartbaren Zahlen

Abb.3 Exzessmortalität in allen teilnehmenden Ländern

Die Exzessmortalität (Abweichung der Mortalität von der erwarteten Todesrate) ist in diesem Jahr besonders stark ausgeprägt. Während in den Jahren 2018 und 2019 die Zahlen vor allem in den ersten Wochen des Jahres über den Erwartungen lagen, kommt es in diesem Jahr ab März zu weitaus mehr Todesfällen. In der Hochphase sind es über 35.000 Tote in den 24 europäischen Ländern und Regionen mehr, als im Durchschnitt zu erwarten wären (Abb.3).

Abb. 4 Exzessmortalität in Altersgruppen (kumuliert)

Auch bei der Übersterblichkeit zeigt sich, dass die Altersgruppen über 65 bzw. 85 Jahren im Frühjahr 2020 stark betroffen sind. Zu Jahresbeginn lag die Exzessmortalität noch unter den beiden Vorjahren, nimmt dann aber einen dramatischen Verlauf. Die Todesursachen werden in der Datenbank nicht aufgeführt, ein Zusammenhang mit Covid-19 liegt jedoch nahe (Abb.4).

Welche Länder sind am stärksten betroffen?

Abb. 5 Z-Wert (Maß der Exzessmortalität) in Kalenderwoche 14 2020

Beim Blick auf die Europa-Karte inmitten der SARS-CoV-2-Pandemie zeigt sich eine extreme hohe Exzessmortalität in Italien, Frankreich, Spanien, England, Belgien und den Niederlanden. Stark betroffen sind zudem die Schweiz, Schottland und Wales. Auch in Schweden, das bei den Schutzmaßnahmen einen anderen Weg ging als die meisten europäischen Staaten, weist eine hohe Übersterblichkeit auf, gerade im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarländern (Abb.5).2

In den beiden deutschen Regionen tritt zu keinem Zeitpunkt der Pandemie eine Exzessmortalität auf. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag die Sterblichkeit Mitte April 13% über dem Durchschnitt der Vorjahre, Ende des Monats nur noch leicht darüber.3

Abb. 6 Z-Wert einzelner europäischer Länder im Wochenverlauf

Eine genaue Betrachtung der teilnehmenden europäischen Länder zeigt eine besonders hohe Exzessmortalität in Spanien und England, die um ein Vielfaches höher liegt als in der Vergangenheit. Auch in Frankreich, Italien, Schweden, den Niederlanden und der Schweiz ist der Anstieg der Kurven während der Covid-19-Pandemie deutlich ausgeprägt. In Österreich, Dänemark und Norwegen sind die Todesfallzahlen auch 2020 größtenteils im normalen Bereich (Abb.6).
In Großbritannien, dem europäischen Land mit den meisten Covid-19-assoziierten Todesopfern, weltweit nur von den USA übertroffen, gibt es vielfältige öffentliche Kritik am Kurs von Premierminister Boris Johnson. Dieser hatte zunächst nur wenige Einschränkungen verordnet und auf das Prinzip der Herdenimmunität gesetzt.4 Auch in Schweden wird der gewählte Sonderweg mittlerweile vom Staatsepidemiologen Anders Tegnell kritisch betrachtet. Im Nachhinein hätte er mehr Maßnahmen im Kampf gegen das Virus ergriffen.5

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653