23. April 2021

Triage in Pandemiezeiten – Alter und sozialer Status dürfen keine Rolle spielen

Die Corona-Pandemie hat noch einmal an Fahrt aufgenommen – die Intensivstationen sind am Limit. Droht uns eine Triage, bei der aufgrund eingeschränkter Ressourcen nicht jeder Patient die optimale medizinische Behandlung bekommen kann? 1

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Maria Weiß

Harte Triage konnte in Deutschland bisher umgangen werden

Die Covid-19-Pandemie stellt eine Herausforderung für das gesamte Gesundheitssystem dar. Sie bestätigt aber auch die hohe Leistungsfähigkeit des deutschen Systems, betonte Prof. Dr. Christian Schulze von der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Jena. Um eine „harte“ Triage, bei der man den Tod einzelner Patienten in Kauf nimmt, um anderen bessere Überlebenschancen zu bieten, ist man bisher herumgekommen. Auch das „italienische Triage-Modell“, nach dem nicht möglichst viele Menschen, sondern möglichst viele Lebensjahre gerettet werden sollen und Ältere deshalb auf der Strecke bleiben, wird in Deutschland nicht praktiziert.

Eine „weiche“ Triage mit einer möglicherweise suboptimalen Versorgung durch Verlegen oder Verschieben anderer medizinischer Eingriffe wird seit Beginn der Pandemie zum Teil auch bei uns praktiziert.

Priorisierung bei Intensivbetten nach Erfolgsaussicht der Behandlung

Auf Notaufnahmen wird die Dringlichkeit einer medizinischen Versorgung nach dem „Manchester Triage System“ oder „Emergency Severity Index“ in verschiedene Kategorien eingeteilt. Engpässe gibt es zurzeit vor allem bei den Intensivbetten. Eine Priorisierung erfolgt hier nicht nach Alter oder sozialem Status – es zählt allein die Aussicht auf Erfolg einer Intensivbehandlung und ggf. auch der Patientenwille bzw. die Patientenverfügung.

Weniger Patienten in der Notaufnahme

Ein weiteres Problem kommt hinzu: Aus Angst vor Ansteckung scheinen sich viele Menschen trotz ihrer Symptome nicht im Krankenhaus vorzustellen. So ist der Besuch einer Notaufnahme aufgrund eines akuten Koronarsyndroms (ACS) oder eines Myokardinfarkts im ersten Lockdown 2020 deutlich zurückgegangen – in Jena waren es 10 % weniger Infarkte im Vergleich zum Vorjahr und die Zahl der Selbstvorstellung in der Notaufnahme mit Brustschmerzen sank von 12 auf 3 %.

Die Zeitspanne von der Erstvorstellung bis zur Untersuchung im Katheterlabor hat etwas zugenommen – nicht zuletzt aufgrund der bei NSTEMI und ACS durchgeführten Corona-Tests. Trotzdem ist die Mortalität von Herzinfarkt-Patienten während des Lockdowns nicht angestiegen. Dies gilt aber nur für die Patienten, die das Krankenhaus erreichen, sagte Prof. Schulze. Über das Schicksal der anderen Menschen, die trotz ihrer Symptome den Weg ins Krankenhaus scheuen, gibt keine Statistik Auskunft.

  1. 127. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 17. – 20. April 2021 (virtuell); 22.04.2021.

Bildquelle: © gettyImages/Tempura

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