27. August 2021

Teil 3

Was Forschende über Long-Covid wissen: Symptome, Häufigkeit, Risikofaktoren und Therapien

Zu den Symptomen von Long-Covid gehören Kognitionsstörungen, olfaktorische und gustatorische Funktionsstörungen und weitere häufig gemeldete Manifestationen. Die Übersichtsarbeit im BMJ zeigt dazu mögliche Krankheitsmechanismen und Behandlungsoptionen auf. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Neurologische Symptome: Kognitionsstörungen und psychische Gesundheit

Erkrankte Personen, die mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, zeigen eine Reihe von Beschwerden. Darunter Enzephalopathie, kognitive Beeinträchtigungen, zerebrovaskuläre Ereignisse, Krampfanfälle, hypoxische Hirnverletzungen, Schwindel, dysexekutives Syndrom und psychiatrische Zustände. Neurologische Symptome im Zusammenhang mit Covid-19 sind häufig und vielfältig. Wobei nicht bekannt ist, wer am stärksten von kognitiven Beschwerden betroffen ist und wie lange sie andauern; Patienten und Patientinnen jedenfalls berichten in einer Publikation im Zusammenhang mit Long-Covid über „Brain Fog“ (Gehirnnebel) als häufiges Symptom.

Mögliche Krankheitsmechanismen: Coronaviren, einschließlich SARS-CoV-2,  können laut einer Studie das zentrale Nervensystem (ZNS) über hämatogene oder neuronale Wege infizieren. Der Eintrittsmechanismus und die anschließende ZNS-Infektion könnten die hohe Inzidenz von Neuroinflammation bei Patienten mit Covid-19 erklären und zu schädlichen Langzeiteffekten führen.

SARS-CoV-2 kann auch die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen, wodurch periphere Zytokine und andere aus dem Blut stammende Substanzen in das ZNS gelangen und die Neuroinflammation weiter vorantreiben können. Thrombo-inflammatorische Mechanismen könnten die Ursache für die erhöhte Prävalenz von Schlaganfällen bei Covid-19 sein, während ein „Brain Fog” auch nach einer PTSD oder nach kritischer Krankheit und Behandlung entstehen kann. Es gibt Hinweise darauf, dass eine direkte, virale Enzephalitis, systemische Entzündungen, periphere Organ-Dysfunktionen und zerebrovaskuläre Veränderungen zur Entwicklung von Long-Covid beitragen können.

Behandlung: Eine Studie zur Gruppentherapie per Videokonferenz zeigt bei Menschen mit früher Psychose während Covid-19 offenbar vielversprechende Ergebnisse. Ein systematischer Review zur Effektivität einer Bewegungstherapie kam zu dem Schluss, dass sich mit Fatigue Erkrankte dadurch weniger erschöpft fühlen, besser schlafen und sich in ihrer Fitness verbessern. Die NICE weist daraufhin, dass die Therapie kognitiver Beeinträchtigungen einen ganzheitlichen Ansatz erfordert und den Patienten erklärt werden sollte, dass sich die meisten Menschen nach einer schweren Erkrankung allmählich von kognitiven Beeinträchtigungen erholen.

Bei einem „Brain Fog“ rät die Mayo Clinic in einer Veröffentlichung zu Stressabbau und Bewältigungsstrategien. Darüber hinaus könnten Medikamente wie Methylphenidat, Donepezil, Modafinil und Memantin in Betracht gezogen werden. Schlafstörungen können nach den einschlägigen Leitlinien für Schlaflosigkeit behandelt werden. Patienten mit psychischen Problemen neben oder als Folge von Long-Covid können nach den einschlägigen Leitlinien für Depressionen, Angstzustände, PTBS, Zwangsstörungen u. a. behandelt werden.

Olfaktorische und gustatorische Funktionsstörungen

Nicht selten bestehen Geruchs- und Geschmacksstörungen nach der Genesung von Covid-19 weiter. Das ONS schätzt die 5-Wochen-Prävalenz von Geruchs- und Geschmacksverlust auf 7,9% bzw. 8,2% aller Personen, die an Covid-19 erkrankt waren. Andere Studien fanden Prävalenzen von Geruchs- und Geschmacksstörungen zwischen 11% und 45,1%.

Mögliche Krankheitsmechanismen: Die Expression des ACE2-Rezeptors auf nicht-neuronalem Gewebe könnte das Eindringen des Virus in olfaktorische Stützzellen, Stammzellen und perivaskuläre Zellen ermöglichen. Die lokale Infektion könnte eine Entzündungsreaktion auslösen und die Funktion der olfaktorischen Sinnesneuronen beeinträchtigen.

Durch die Schädigung der Stützzellen, die für den lokalen Wasser- und Ionenhaushalt verantwortlich sind, könnte SARS-CoV-2 außerdem indirekt die Signalübertragung von den sensorischen Neuronen zum Gehirn verringern, was zu einem Verlust des Geruchssinns beitragen könnte. ACE2-Rezeptoren werden auch auf der Schleimhaut der Mundhöhle, insbesondere auf der Zunge, exprimiert, damit hat das Virus auch hier einen direkten Eintrittswegs in das orale Gewebe, was zu Zellschäden und Funktionsstörungen führen kann.

Andere häufig gemeldete Manifestationen

Studien zeigen, dass bei einigen Patienten und Patientinnen nach Genesung eine akute Nierenschädigung auftritt. Zwar sind die langfristigen Auswirkungen von Covid-19 auf die Nieren nicht vollständig geklärt, doch ergab eine Studie, dass 35% der erkrankten Personen, die an Covid-19 erkrankt waren und stationär behandelt werden mussten, 6 Monate nach ihrer Entlassung noch eine verringerte Nierenfunktion aufwiesen. Beobachtet wurden auch akute, durch SARS-CoV-2 ausgelöste Entzündungen der Bauchspeicheldrüse.

In einer Querschnittsstudie hatten auch 40% der behandelten Personen mit weniger schweren Covid-19-Verläufen 20 Wochen nach der Infektion eine leichte Beeinträchtigung der Bauchspeicheldrüse. Diese Beeinträchtigung ging mit Durchfall, Fieber, Kopfschmerzen und Dyspnoe einher. Diverse Postmortem- und Fallstudien zeigen zudem Auswirkungen von Covid-19 auf Milz, Leber, Magen-Darm-Trakt, Muskeln und Blutgefäße. All diese Organe exprimieren den ACE2-Rezeptor und sind damit anfällig für eine direkte Schädigung durch SARS-CoV-2, aber auch eine indirekte Schädigung durch die systemische Inflammation. Nach einer Covid-19-Infektion wurden auch Veränderungen der Darm-Mikrobiota und eine subakute Thyreoiditis beobachtet.

Derzeit gibt es keine Belege für eine Erholung einer verminderten Nierenfunktion nach Covid-19. Möglicherweise könnten Patienten und Patientinnen mit Nierenfunktionsstörungen nach Covid-19 von einer frühzeitigen und kontinuierlichen Überwachung profitieren.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

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