27. August 2021

Teil 1

Was Forschende über Long-Covid wissen: Symptome, Häufigkeit, Risikofaktoren und Therapien

In einer Übersichtsarbeit im British Medical Journal (BMJ), die in diesem Beitrag zusammengefasst wird, sind die wichtigsten Symptome, mögliche Krankheitsmechanismen, Risikofaktoren und Therapieansätze zusammengefasst. 1

Lesedauer: 4 Minuten

Autorin: Ute Eppinger, Redaktion: Sebastian Schmidt

Wer unter Long-Covid leidet, zeigt meist anhaltende Symptome noch Wochen nach einer akuten Corona-Infektion, dazu gehören Atemnot und dauerhafte Erschöpfung. Auch neurologische und psychische Symptome können auftreten. Der Geruchsverlust, den viele während der akuten Erkrankung haben, kann monatelang andauern.

Wie Long-Covid diagnostiziert wird und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, regelt nun auch eine S1-Leitlinie, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. (DGP) entstanden ist. Ein Expertenteam stellte die rund 70 Seiten starke Leitlinie jetzt auf einer Online-Pressekonferenz vor (hier ein gesonderter Bericht von Medscape).

Die bisherigen Forschungsergebnisse legen nahe, dass ein erheblicher Anteil der Personen, die an Covid-19 erkrankt sind, Long-Covid entwickeln können: Die gemeldeten Inzidenz- und Sterblichkeitsraten von Covid-19 variieren von Land zu Land – was die Bestimmung der Zahl der Patienten, die Long-Covid entwickeln, erschwert.

So zeigen internationale Studien verschiedene Inzidenzraten für Long-Covid mit unterschiedlichen Zeitpunkten der Nachuntersuchung bei hospitalisiert Behandelten:

  • Eine chinesische Kohortenstudie kommt zu dem Ergebnis, dass 76% der Patienten und Patientinnen nach 6 Monaten noch unter Symptomen leiden.
  • In einer britischen Studie wird berichtet, dass 32,6% der erkrankten Personen nach 2 Monaten noch Symptome aufweisen.
  • Italienische Geriater berichten hingegen, dass im selben Zeitraum noch 87% der Patienten und Patientinnen Symptome zeigten.
  • Eine internationale Kohortenstudie zeigt, dass 96% der Erkrankten noch 3 Monaten nach ihrer Diagnose Symptome haben.
  • Bei Patienten und Patientinnen, die besonders viele Long-Covid-Symptome aufwiesen, dauerten diese in einigen Fällen auch noch über 7 Monate an.
  • Das britische Office for National Statistics (ONS) schätzt, dass die 5-Wochen-Prävalenz für jegliche Long-Covid-Symptome unter Befragten, die zwischen dem 22. April und dem 14. Dezember 2020 positiv auf Covid-19 getestet worden waren, 22,1% betrug, die 12-Wochen-Prävalenz 9,9%.
  • Ein wissenschaftliches Team der Uni Köln und des King’s College London geht davon aus, dass jede zehnte an Covid-19 erkrankte Person von Langzeit-Symptomen betroffen ist.

Definition von Long-Covid

Das SARS-CoV-2-Virus kann über den ACE2-Rezeptor in die Zellen mehrerer Organe eindringen. Sobald diese Zellen befallen sind, kann das Virus eine Vielzahl von Schäden verursachen, die letztlich zu zahlreichen anhaltenden Symptomen führen. Langzeit-Symptome nach Covid-19 wurden über das gesamte Spektrum der Krankheitsschwere hinweg beobachtet. Den Begriff Long-Covid prägte ein Professor für Infektionskrankheiten, der am 5. Mai 2020 in der Zeitschrift BMJ Opinion über seine Erfahrungen mit einer 7-wöchigen „Achterbahnfahrt des Unwohlseins” nach Covid-19 berichtet hatte.

Der Begriff Long-Covid wurde dann vor allem durch die zunehmende Verwendung des Hashtags #Long-Covid auf Twitter populär. Dies und die wachsende Zahl der seither veröffentlichten Artikel und Studien beschrieben ein Syndrom, das viele Wochen nach der akuten Infektion anhalten kann. Inzwischen ist Long-Covid ein anerkannter Begriff in der wissenschaftlichen Literatur. Die NICE-Leitlinien und die CDC definieren Long-Covid-Erkrankte als Personen mit Symptomen, die mehr als 4 Wochen nach der Erstinfektion anhalten.

Risikofaktoren für die Entwicklung von Long-Covid

Während die Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf, Krankenhauseinweisung und Tod bekannt sind, weiß man über die Risikofaktoren für die Entwicklung von Long-Covid noch deutlich weniger. In einer Studie wurden 274 nicht hospitalisierte Personen mit Covid-19 im Zeitraum 2 bis 3 Wochen nach ihrem positiven Test befragt.

Dabei erwies sich das Alter als wichtiger Risikofaktor (p =0,01), wobei die Altersgruppe ≥50 Jahre und die Anzahl der Vorerkrankungen (p=0,003) die höchsten OR aufwiesen. Je mehr Vorerkrankungen, umso höher das Risiko für Long-Covid. Dabei waren Bluthochdruck, Fettleibigkeit, eine psychiatrische Erkrankung oder eine immunsuppressive Erkrankung mit der größten Wahrscheinlichkeit verbunden, nicht zu gesunden.

In einer Querschnittsstudie wurde ein Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der akuten Covid-19-Infektion und den Manifestationen nach Abklingen der Infektion festgestellt. Das nicht unerwartete Ergebnis: Wer akut schwer erkrankt, hat oft auch schwerere Symptome von Long-Covid. Eine Kohortenstudie bestätigte dieses Ergebnis, wobei Erkrankte mit mehr als 5 Symptomen während ihrer Covid-19-Infektion und solche, die deswegen ins Krankenhaus mussten, laut einer Studie auch Long-Covid Symptome entwickelten.

Medikamente, Sauerstoff und Atemtherapien

Antihistaminika sind als mögliches Mittel zur Behandlung von Covid-19 in Betracht gezogen worden; eine Studie liefert Hinweise, dass Histamin-1-Antagonisten in der Lage sein könnten, das Eindringen von SARS-CoV-2 in ACE2-exprimierende Zellen zu bremsen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Therapie mit Antihistaminika zur Behandlung von Long-Covid bewähren wird.

Auch Antidepressiva stehen zur Therapie bei Long-Covid in der Diskussion. Die Einnahme von Antidepressiva wurde in einer Studie mit einem verringerten Risiko für Intubation und Tod bei Covid-19 in Verbindung gebracht. Eine Metaanalyse über die Behandlung von schweren depressiven Störungen mit Antidepressiva hat gezeigt, dass die Einnahme von Antidepressiva, einschließlich SSRI und selektiven SSRI, zu einer Verringerung der peripheren Entzündungsmarker führt, was bei Long-Covid möglicherweise von Vorteil sein könnte.

Derzeit laufen klinische Studien zur Wirksamkeit von hyperbarem Sauerstoff, zur Wirksamkeit des Leukotrien-Antagonisten Montelukast und zur Wirksamkeit von Pirfenidon, einem antifibrotischen und entzündungshemmenden Mittel. In einer Studie wird auch die Wirksamkeit von Atem- und Gesangsübungen bei Long-Covid untersucht. Geprüft wird ein möglicher therapeutischer Nutzen des Nahrungsergänzungsmittels Nikotinamid-Ribosid. Man vermutet, dass das Mittel kognitive Symptome und Müdigkeit durch die Modulation der pro-inflammatorischen Reaktion reduziert.

Zu den häufigsten Symptomen gehören Fatigue, Dyspnoe und kardiovaskuläre Anzeichen. Die Übersichtsarbeit im BMJ zeigt dazu mögliche Krankheitsmechanismen und Behandlungsoptionen auf. Jetzt mehr lesen >>

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