29. April 2021

Expertenstatements

Neue Daten zur SARS-CoV-2-Variante B.1.617 in Indien

Die SARS-CoV-2-Variante B.1.617, die sich derzeit stark in Indien verbreitet, kann durch Blutseren von genesenen COVID-19-Patienenten und Blutseren von Geimpften neutralisiert werden. Diese Analyse haben indische Forschende in einer noch nicht begutachteten Vorabpublikation auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf Material des Science Media Center Deutschland.

Zugespitze Lage in Indien

Seit Tagen wird international beobachtet, wie eine zweite SARS-CoV-2-Infektionswelle Indien überrollt und das dortige Gesundheitssystem über seine Grenzen hinaus belastet. Im Zuge dieser Infektionswelle identifizierten Forschende die neue Virusvariante B.1.617, die sich neben anderen Virusvarianten wie B.1.1.7 stark verbreitet.

Diese Variante besitzt Mutationen an drei strukturell wichtigen Stellen (L452R, E484Q und P681R), die womöglich die Eigenschaften des Virus beeinflussen können. Sie führen zu einem Austausch von Aminosäuren in der Proteinsequenz des Spike-Proteins, das sich an der Oberfläche des Virus befindet und die Bindung des Virus an die menschliche Zelle ermöglicht. Inwiefern diese Veränderungen tatsächlich zu einem Entkommen der Immunantwort oder zu einer leichteren Übertragung des Virus beitragen, ist noch nicht geklärt.

In der Studie verglichen die Forschenden die neutralisierende Wirkung von Blutseren gegen B.1.617, B.1.1.7 und die Virusvariante B1, die zu Beginn der Pandemie stark zirkulierte. Alle drei Varianten konnten mit den Blutseren von COVID-19-Genesenen und Blutseren von geimpften Personen, die mit dem indischen Totimpfstoff Covaxin immunisiert worden waren, neutralisiert werden.

Allerdings war die Neutralisationswirkung gegen B.1.617 etwas schwächer als gegen die beiden anderen Varianten, was auf ein partielles Entkommen der Immunantwort hinweisen könnte.

Einordnung durch Experten

Prof. Dr. Leif-Erik Sander,
Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin

„Die Ausbreitung der B.1.617 Variante ist vor allem aufgrund der hohen Inzidenzen und der Überlastung des indischen Gesundheitssystems besorgniserregend. Es bleibt abzuwarten, ob die Variante einen ähnlichen Vorteil in der Verbreitung hat, wie die B.1.1.7 Variante. Die Mutationen im Spikeprotein scheinen keine deutliche Abschwächung der Antikörperneutralisation zu verursachen, sodass ich nicht erwarte, dass der Impfschutz durch diese Virusvariante gefährdet ist.“

„Einige Mutationen im Erbgut dieser Variante liegen an den gleichen Positionen wie in dem von B.1.1.7 beziehungsweise in B.1.351 und P1. Allerdings sind die Veränderungen in den Aminosäuren, also den Bausteinen des Spikeproteins, nicht identisch. Das könnte auch erklären, warum die Antikörperneutralisation nicht so stark reduziert ist, wie bei B.1.351.“

Dr. Andreas Bergthaler,
Leiter der Forschungsgruppe Virale Pathogenese und antivirale Immunantworten, Forschungsinstitut für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM), Wien, Österreich

„Zurzeit fehlen harte Daten, dass B.1.617 ein verändertes Verhalten wie erhöhte Infektiosität, geänderten Krankheitsverlauf oder auch immune escape im Vergleich zur Normvariante aufweist. Dazu benötigt es detaillierte epidemiologische Daten von größeren Kohorten und weitere Tests im Labor.

Der erwähnte Preprint deutet darauf hin, dass Impfseren nach Impfung mit dem indischen Totimpfstoff Covaxin (BBV152) kaum einen Abfall an Neutralisation gegenüber B.1.617 aufweisen, das heißt, die Wirkung weiterhin gegeben ist. Gleichzeitig sind die Daten in diesem Preprint sehr spärlich und schließen keine in Europa gebräuchlichen Impfstoffe ein.“

„Ich wäre bezüglich der Vergleichbarkeit mit anderen bekannten Varianten anhand der bisher bekannten Daten vorsichtig. Zum Beispiel wissen wir, dass die Mutation E484K in einer ganzen Reihe an Studien mit immune escape in Verbindung gebracht wird, wie etwa der 6 bis 10-fachen Neutralisationsreduktion nach einer BioNTech-Impfung bei B.1.1.7+E484K im Vergleich zu B.1.1.7.2 B.1.617 weist aber an dieser Stelle eine andere Mutation auf (E484Q), zu der noch kaum Daten vorliegen. Auch sind die vielen anderen Mutationen in B.1.617 und Ihre Kombination noch wenig erforscht.“

„Mir scheint es zum jetzigen Zeitpunkt unklar, inwieweit geänderte Eigenschaften von B.1.617 die Haupttreiber sind für die derzeitige katastrophale zweite Welle in Indien. Das sollte man nicht ausschließen, aber gleichzeitig gibt es verschiedene Umstände wie Öffnungsmaßnahmen inklusive Massenveranstaltungen und ein überfordertes Gesundheitssystem, die sicherlich auch einen größeren Einfluss haben als die Mutationen. All dies ist auch reflektiert in der bisherigen Einordnung von B.1.617 als ‚Variant of Interest‘ (VOI) und nicht ‚Variant of Concern‘ (VOC).“

Prof. Dr. Carlos A. Guzman,
Leiter der Abteilung Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig

„Wenn es sich bestätigt, sind die Daten aus dieser Veröffentlichung äußerst ermutigend. Sie deuten darauf hin, dass es keine Immunflucht gibt. Die Variante B.1.617 wird von Antikörpern neutralisiert, die bei Personen vorhanden sind, die nach Infektionen mit dem ursprünglichen Virus und in Europa zirkulierenden Varianten genesen sind oder von den Antikörpern, die durch COVID-19-Impfstoffe stimuliert werden.

Es bleibt zu prüfen, ob diese Variante eine erhöhte Infektiösität und/oder eine erhöhte Virulenz beziehungsweise krankheitserregendes Potenzial aufweist. Es ist auch wichtig zu berücksichtigen, dass die Situation in Indien nicht direkt auf Europa übertragen werden kann, da es kritische Unterschiede in den demografischen und Umweltparametern gibt, die sich auf Schlüsselindikatoren auswirken können.“

  1. Yadav PD et al. Neutralization of variant under investigation B.1.617 with sera of BBV152 vaccinees. bioRxiv 2021. DOI: 10.1101/2021.04.23.441101.
  2. Collier DA et al. Sensitivity of SARS-CoV-2 B.1.1.7 to mRNA vaccine-elicited antibodies. Nature 2021. DOI: 10.1038/s41586-021-03412-7.

Bildquelle: © Getty Images/4X-image

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