22. Januar 2021

Reinfektion & neue Varianten: Studienlage und Expertenmeinung

Schon früh im Verlauf der Covid-19-Pandemie wurden vereinzelte Fälle wiederholter Infektionen mit SARS-CoV-2 breit berichtet.1 Nach einer überstandenen Infektion ist die Gefahr sich erneut mit dem Virus anzustecken laut aktueller Studien sehr gering. Experten ordnen die Datenlage im Zusammenhang mit den neuen Virusvarianten ein.

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Artikel basiert auf Material des Science Media Center.

Niedriges Reinfektionsrisiko in Studien aus Qatar…

Eine Studie aus Qatar untersuchte 133.266 Probanden mit einem positiven PCR-Test-Ergebnis auf Reinfektion. Sie beschreibt 54 Fälle, die bereits zuvor infiziert waren und erneut symptomatisch an Covid-19 erkrankten. Basierend auf ihren Daten schätzten die Autorinnen und Autoren das Risiko sich nach einer ersten Infektion erneut anzustecken auf 0,02 Prozent.2

… und an britischen Krankenhausmitarbeitern

Eine zweite kontrollierte Kohorten-Studie („SIREN-Studie“) aus dem Vereinigten Königreich an 20.000 Krankenhausmitarbeiterinnen und -mitarbeitern fand mit verschiedenen Falldefinitionen eine größere Anzahl an Reinfektionen. Die Forschenden berechneten anhand ihrer Daten, dass der aus einer ersten SARS-CoV-2-Infektion resultierende Immunschutz das Risiko sich erneut anzustecken um 83 Prozent reduziert.3 Unter den Reinfizierten fanden sich allerdings auch eine größere Anzahl asymptomatischer Infektionen. Bezogen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lediglich symptomatische Reinfektionen in ihre Berechnung ein, reduzierte sich das Risiko erneut zu erkranken um 95 Prozent.

Welche Rolle spielen die neuen Virusvarianten?

Zwei Fälle aus Brasilien werden in noch nicht begutachteten Preprints berichtet, die sich trotz nachweisbarer Antikörper nach vorangegangener Covid-19-Erkrankung erneut infizierten, und zwar mit einer der neuen Virusvarianten.4,5

Prof. Dr. Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen vergleicht die beiden Studien und die Fälle aus Brasilien miteinander. „Reinfektionen mit SARS-CoV-2 wurden schon im Frühjahr berichtet. Es ist aber wichtig, eine Reinfektion klar von einem Wiederanstieg des Virustiters in chronisch Infizierten zu unterscheiden. Nur wenn man die Viren sequenziert und feststellt, dass sich das zweite Virus vom ersten unterscheidet, kann man zweifelsfrei von einer Reinfektion sprechen.
So wurde bei der Studie aus Qatar und den beiden Fallbeschreibungen aus Brasilien vorgegangen, wohingegen die britische SIREN-Studie weniger stringente Kriterien hatte. Bei der SIREN-Studie könnten also auch Fälle von Wiederanstieg des Ursprungsvirus unter den gefundenen Reinfektionen sein, wie sie in Qatar auch tatsächlich gefunden wurden. Dieser Unterschied in der methodischen Stringenz könnte die höhere Inzidenz in der SIREN-Studie erklären. Generell halte ich die Daten für plausibel, aber eine eindeutige Interpretation der SIREN-Daten ist schwierig.“

Die Lage in Manaus

Die aktuelle Entwicklungen in der brasilianischen Stadt Manaus ist besorgniserregend. Dort schnellen die Infektions-, Hospitalisierungs- und Todeszahlen in die Höhe, obwohl bereits im Herbst berichtet wurde, dass etwa 75 Prozent der Bevölkerung laut einer Modellrechnung infiziert wurden.6 Es wird vermutet, dass der erneute Anstieg der Fälle in Manaus trotz einer breiten Bevölkerungsimmunität mit zwei neuen Virusvarianten zusammenhängen könnte, die beide eine Mutation an der Stelle E484 tragen.7

Unabhängig von den Virusvarianten in Südamerika tauchte diese Mutation auch bei der Variante B.1.351 auf, die sich in Südafrika verbreitet. Erste Untersuchungen zeigen, dass Viren mit dieser Mutation das Potenzial haben könnten, den schützenden Effekten von bereits gebildeten Antikörpern gegen SARS-CoV-2 teilweise zu entgehen.8

Natürlich erworbene Immunantwort im Vergleich zur Impfung

Dazu erklärt Dr. Julian Schulze zur Wiesch, leitender Oberarzt Sektion Infektiologie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf: „Die natürlich erworbene SARS-CoV-2-spezifische Antikörper- sowie B- und T-Zell-Immunantwort unterscheidet sich von der durch Impfstoffe induzierten Immunantwort und ist gegen weitere Proteine des SARS-CoV-2-Virus gerichtet, denn insgesamt besteht das Virus aus bis zu 29 einzelnen Proteinen. Dass das Virus in all diesen verschiedenen Proteinen mutiert und der Immunantwort gänzlich entkommt, ist eher unwahrscheinlich.“

„Trotzdem hat sich gezeigt, dass SARS-CoV-2-spezifische Antikörper, die gegen das Spike-Protein besonders effektiv sind, eine Infektion verhindern können, indem das Andocken des Virus an die Zielzellen verhindert wird. Die Impfstoffantwort aller zurzeit zugelassenen Impfstoffe ist auch deswegen nur konzentriert gegen Bestandteile des SARS-CoV-2-Spike-Protein gerichtet. Ob die natürlich erworbene oder Vakzin-induzierte Immunantwort stärker, langlebiger oder qualitativ besser ist, ist im Einzelnen noch nicht bekannt.“

Gerade wurde der erste deutsche Fall bekannt, in dem ein 73-Jähriger mit Vorkerkrankungen nach einer zweiten Infektion mit dem Coronavirus verstarb. An einer neuen Variante des Virus sei er hingegen wahrscheinlich nicht erkrankt.

  1. Science Media Center (2020): Einzelne genesene COVID-19-Patienten positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Rapid Reaction. Stand: 02.03.2020.
  2. Abu-Raddad LJ et al. (2020): Assessment of the risk of SARS-CoV-2 reinfection in an intense re-exposure setting. Clinical Infectious Disease; ciaa1846. DOI: 10.1093/cid/ciaa1846.
  3. Hall V et al. (2021): Do antibody positive healthcare workers have lower SARS-CoV-2 infection rates than antibody negative healthcare workers? Large multi-centre prospective cohort study (the SIREN study), England: June to November 2020. medRxiv. DOI: 10.1101./2021.01.13.21249642.
  4. Vasques Nonaka CK et al. (2021): Genomic Evidence of a Sars-Cov-2 Reinfection Case With E484K Spike Mutation in Brazil. Preprints 2021, 2021010132. DOI: 10.20944/preprints202101.0132.v1.
  5. Resende PC et al. (2021): Spike E484K mutation in the first SARS-CoV-2 reinfection case confirmed in Brazil. Virological.
  6. Buss LF et al. (2021): Three-quarters attack rate of SARS-CoV-2 in the Brazilian Amazon during a largely unmitigated epidemic. Science; 371 (6526): 288-292. DOI: 10.1126/science.abe9728.
  7. Faria NR et al. (2021): Genomic characterisation of an emergent SARS-CoV-2 lineage in Manaus: preliminary findings. Virological.
  8.  Greaney AJ et al. (2021): Comprehensive mapping of mutations to the SARS-CoV-2 receptor-binding domain that affect recognition by polyclonal human serum antibodies. bioRxiv. DOI: 10.1101/2020.12.31.425021.

Bildquelle: © Getty Images/ janiecbros

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