19. Februar 2021

Notfallmedizin und Covid -19

Weniger Laienreanimationen in Corona-Zeiten

Mit Beginn der Corona-Maßnahmen hat sich die Rate der primär erfolgreichen Laienreanimationen fast halbiert. Die Intensivierung der telefongestützten Reanimation und eine bessere Aufklärung der Öffentlichkeit könnten dem entgegenwirken, meint der Deutsche Rat für Wiederbelebung (GRC).1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf dem Seminar von Prof. Dr. med. Bernd W. Böttiger, der im Rahmen des Kongresses der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (02.-04.12.2020) vorgestellt wurde. Redaktion: Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin.

Katastrophale Entwicklung

Wir haben uns das Ziel gesetzt, pro Jahr 10.000 Menschen zusätzlich das Leben zu retten. Doch von diesem Vorsatz sei Deutschland weiter entfernt den je, fasst Bernd W. Böttiger, Vorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung die aktuelle Situation zusammen. Ausschlaggebend ist seiner Meinung nach die aktuelle Coronasituation. Viele Menschen unterlassen offenbar die Laienreanimation aus Angst vor einer Infektion.

Telefonreanimation

Daten aus Italien illustrieren das Ausmaß des Problems. Parallel zur Coronawelle, hat sich die Rate der Laienreanimationen von 36 % auf 24 % vermindert2. Die aktuell halbierte Rate der primär erfolgreichen Reanimationen (ROC) ist für den Kölner Intensivmediziner ein alarmierender Befund. Schuld an dieser Entwicklung sei auch die immer noch rudimentäre Einführung der Telefonreanimation. Die telefonischen Anweisungen der Notrufzentrale helfen dem Laien nicht nur, seine Hemmschwelle zu überwinden, sie verbessern auch den Reanimationserfolg.

Mund-zu-Mund ist out

Reanimation bedeutet für viele immer noch Mund-zu-Mund-Beatmung und damit ein hohes Infektionsrisiko. Doch dieser Zug ist längst abgefahren.

Schauen-Rufen-Drücken heißt heute die Devise3. Gemeint ist, dass der Laie, nachdem er den Kreislaufstillstand erkannt hat (schauen), zuerst den Notruf absetzt (rufen) und dann mit einer kontinuierlichen Thoraxkompression beginnt. Die endogene Sauerstoffreserve reicht nach heutigem Kenntnisstand, um eine ZNS-Oxygenierung sicherzustellen, bis der Rettungsdienst eintrifft4. Für Kinder und Ertrunkene gelten allerdings andere Regeln.

Mund bedecken

Laienhelfer sollten möglichst eine Schutzmaske tragen. Zur Sicherheit kann im Normalfall der Mund-Nasen-Bereich des Patienten abgedeckt werden (z.B. Kleidungsstück). Ein Vorschlag ohne empirische Absicherung, aber dennoch bedenkenswert, meint Böttiger. Auf keinen Fall dürfen dem Patienten aber in der Eile bereits benutzte Masken aufgesetzt werden.

Rea in Bauchlage

Beatmete Coronapatienten werden oft auf dem Bauch gelagert, um die Lungensituation zu verbessern. Was aber, wenn plötzlich eine Reanimation notwendig wird? Das Umlagern und die dazu notwendigen hygienischen Vorkehrungen vergeuden kostbare Zeit. Zu wenig bekannt sei, dass man auch in Bauchlage eine suffiziente HDM durchführen kann, meint der Kölner Chefarzt der operativen Intensivmedizin. Der Druck wird einfach zwischen den Schulterblättern appliziert. Diese HDM-Variante setzt allerdings eine kontinuierliche, arterielle Druckmessung voraus, um die Effektivität der HDM zu verifizieren, gibt er zu bedenken.

Lungenembolie

Weitere Defizite sieht der Kölner Experte bei der Akuttherapie von Kreislaufstillständen bei Coronapatienten. Er verweist auf die hohe Inzidenz von Thromboembolien in dieser Patientengruppe. Die akute Lungenarterienembolie muss bei einem Coronapatienten immer bedacht werden. Bei diesen Patienten ist das Risiko einer Lungenembolie um den Faktor 10 erhöht. Die sofortige Kurzlyse ist dann lebensrettend, so Bernd Böttiger.

  1. 20. Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (2020), Seminar: COVID 19 – Spezielle Aspekte, Reanimation bei COVID-19, Bernd W. Böttiger (Köln)
  2. Baldi, Enrico, et al. “Out-of-hospital cardiac arrest during the Covid-19 outbreak in Italy.” New England Journal of Medicine 383.5 (2020): 496-498.
  3. European Resuscitation Council COVID-19 Guidelines
  4. Riva, Gabriel, et al. “Survival in out-of-hospital cardiac arrest after standard cardiopulmonary resuscitation or chest compressions only before arrival of emergency medical services: nationwide study during three guideline periods.” Circulation 139.23 (2019): 2600-2609.

Bildquelle: © gettyImages/Pixel_away

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