07. Oktober 2020

Neuronale Veränderungen im Gehirn bei Covid-19-Infektion

Das SARS-CoV-2-Virus kann auch Teile des menschlichen Gehirns erreichen und hier über die Immunantwort des menschlichen Organismus neuropathologische Veränderungen hervorrufen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE).1,2

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Dr. Linda Fischer

43 Patienten untersucht

In Kooperation mit Forschenden des Instituts für Rechtsmedizin, des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene, der Klinik und Poliklinik für Neurologie des UKE und des Instituts für Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg wurde eine post-mortem Fallstudie durchgeführt, bei der 43 mit SARS-CoV-2 infizierte Verstorbene auf neuropathologische Besonderheiten im Gehirn untersucht wurden. Das Patientenkollektiv (37% Frauen, 63% Männer), im Durchschnitt 76 Jahre alt, repräsentiert mit ihren alterstypischen Vorerkrankungen die klassischen Covid-19-Patienten in Deutschland.

Virusproteine in Nervenzellen und Hirnstamm

Bei fast der Hälfte der untersuchten Patienten (21 von 43) konnte der SARS-CoV-2-Erreger in Teilen des Gehirns nachgewiesen werden. So wurden geringe Mengen an Virusproteinen sowohl in Nervenzellen, die dem Hirnstamm entspringen, als auch in Zellen des Hirnstamms selbst identifiziert. Dabei konnte die Virusmenge jedoch nicht in Zusammenhang mit der Schwere der neuropathologischen Veränderungen im Gehirn gesetzt werden. Allerdings konnte eine Immunantwort in allen untersuchten Gehirnregionen nachgewiesen werden, was auf die Beteiligung von Entzündungszellen an der Entstehung neuropathologischer Symptome hindeutet.

  • Neurologische Symptome bei einer Covid-19-Infektion sind nicht ungewöhnlich. Dazu gehören sowohl Geruchs- und Geschmacksverlust als auch unspezifische Symptome wie Schwindel und Kopfschmerz, aber auch ischämischer Schlaganfall, hämorrhagische Enzephalopathie und posteriores reversibles Encephalopathie-Syndrom mit epileptischen Anfällen.

    Warum SARS-CoV-2 neuropathologische Symptome hervorruft, ob und wie der Virus Zugang zum zentralen Nervensystem erhält, ist noch unklar. Mehr dazu lesen Sie hier>>

SARS-CoV-2 in spezifischen Hirnstrukturen nachgewiesen

Prof. Dr. Markus Glatzel, Direktor des Instituts für Neuropathologie des UKE und Leiter der Studie: „Neben Komplikationen in Lunge, Herz und Nieren kann es bei Covid-19 auch zu neurologischen Symptomen kommen. Diese weisen ein breites Spektrum auf und reichen von diffusen Beschwerden milder Ausprägung bis hin zu schweren Schlaganfällen. Bislang war aber noch unklar, ob und wie der Erreger ins Gehirn gelangt und sich dort auch vermehren kann. Wir konnten nun zeigen, dass nicht das neuartige Corona-Virus selbst das Gehirn schädigt, sondern die neurologischen Symptome vermutlich eine indirekte Folge der Virusinfektion sind.“ 2

„Besonders interessant war der deutliche Virusnachweis in einzelnen Zellen und Nerven, der auf eine lokalisierte Vermehrung und Beeinträchtigung spezifischer Gehirnfunktionen hindeutet“, sagt Prof. Dr. Martin Aepfelbacher, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene des UKE.2

Prof. Dr. Marco Prinz, Ärztlicher Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Freiburg kommentiert: „Üblicherweise zeigen Covid-19-Patienten vor allem im Blut eine deutlich veränderte Immunantwort. Wir konnten jetzt auch im Gehirn eine klare Entzündungsreaktion nachweisen, was in diesem Ausmaß nicht bekannt war.“ 2

Weitere Studien unerlässlich

Es sind weitere Studien nötig, um neuropathologische Veränderungen des Gehirns durch Vorerkrankungen oder invasive Behandlungen von Gehirnveränderungen zu unterscheiden, die durch SARS-CoV-2 ausgelöst wurden. Um Behandlungsmöglichkeiten für schwere Covid-19-Fälle zu entwickeln, sind ebenfalls weitere Untersuchungen zur Aufklärung der Mechanismen zur Entstehung neurologischer Symptome bei Covid-19-Patienten notwendig.

1. Matschke et al.: Neuropathology of patients with COVID-19 in Germany: a post-mortem case series. The Lancet Neurology (2020).
https://doi.org/10.1016/S1474-4422(20)30308-2

2. Pressemitteilung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Veränderungen im Gehirn bei COVID-10-Infektion; 06.10.2020.

Bildquelle: © Getty Images/piranka

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653