02. September 2021

Long-Covid heilen

Wirkstoff aus der Kardiologie zeigt erstaunliche Effekte

Ein DNA-basierter Wirkstoff zur Neutralisierung pathogener Autoantikörper bei dilatativer Kardiomyopathie hat bei 4 Patienten eine schwere Symptomatik von Long-Covid entscheidend gebessert. Ärzte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und das herstellende Unternehmen planen jetzt eine Studie bei dieser Indikation 1.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Autor: Dr. Jürgen Sartorius

Autoantikörper an unterschiedlichen Erkrankungen beteiligt

Zum Hintergrund: Patienten, die an Long-Covid leiden, berichten oft von Atemnot, Erschöpfung und Konzentrationsbeschwerden. Eine mögliche Erklärung dafür sind Auto-Antikörper. Sie binden an G-Protein-gekoppelte Rezeptoren und können die Durchblutung negativ beeinflussen.

Ähnliche Auto-Antikörper wie bei Long-Covid treten auch bei Patienten mit dilatativer Kardiomyopathie auf. Diese binden an den G-Protein-gekoppelten beta-1-Adrenorezeptor der Herzmuskelzellen und beeinträchtigen dadurch die Regulierung der Frequenz und der Stärke des Herzschlags. Ein DNA-Aptamer wurde zur Behandlung dieser Erkrankung entwickelt. Forscher haben eine Phase-1-Studie bei Herzpatienten bereits erfolgreich abgeschlossen. Aktuell läuft eine Phase-2a-Studie zu dieser Indikation.

Auch bei Glaukom-Patienten wurden beta-2-Autoantikörper im Serum nachgewiesen. Sie beeinträchtigen laut einer klinischen Studie die Kapillardurchblutung der Retina. Die Quantifizierung solcher Vorgänge im Kapillarsystem des Augenhintergrunds, die nicht-invasiv mit der optischen Kohärenz-Tomografie-Angiographie (OCT) messbar sind, war mit dem Erlangen Angio Tool, einer neuen Software, möglich.

Und wie kam es zum Einsatz bei Long-Covid? „Wir hatten bei den Patienten mit der OCT-Angiografie Durchblutungsstörungen der Retina festgestellt“, berichtet PD Dr. Dr. Bettina Hohberger, Universität Erlangen-Nürnberg. „Zudem wurden die entsprechenden Autoantikörper gegen G-Protein gekoppelte Rezeptoren im Serum nachgewiesen.“

Das Aptamer, das Patienten im Rahmen eines Heilversuches daraufhin erhalten hätten, neutralisiere Autoantikörper, so dass sich die Durchblutung und damit auch der ganze Organismus erholen konnte und auch weiterhin kann.

Erfolgreiche Heilversuche mit 4 Patienten

Genau hier zieht Hohberger Parallelen: „Wir nehmen an, dass eine Verbesserung der Durchblutung der Netz- und Aderhaut, die wir mit der OCT-Angiographie sichtbar machen können, ebenso auch in vielen anderen Organen eintritt, die durch die Autoimmun-Antwort des Körpers auf die Covid-Infektion betroffen sind“, erläutert die Forscherin. „Das DNA-Aptamer scheint also im ganzen Körper so wirksam zu sein, dass auch eine schwere Long-Covid-Symptomatik, die verschiedene Organe betrifft, erfolgreich zurückgedrängt werden kann.“

Die Heilversuche von mittlerweile 4 Patienten mit Long-Covid-Symptomatik war die konsekutive Folge dieser Annahme. Der 1. Patient, behandelt im Mai 2021, ist weiterhin symptom- und beschwerdefrei. Patient 2 ist nach 4 Wochen auch fast wieder komplett beschwerdefrei. 2 weitere Patienten, die in den vergangenen Wochen mit der 75-minütigen Infusion des DNA-Aptamers behandelt worden waren, sind aktuell auf dem Weg der Besserung. Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet.

Insbesondere die Konzentrationsfähigkeit und körperliche Fitness erreichte innerhalb weniger Wochen wieder ein nahezu normales Level, berichten die 39- bis 59-jährigen Genesenen, die vor Ihrer Erkrankung körperlich und beruflich voll leistungsfähig waren.

Klinische Studie geplant

Prof. Dr. Christian Mardin, leitender Oberarzt der Erlangener Augenklinik, betont: „Jetzt wird es keine weiteren Heilversuche bei Patientinnen oder Patienten mit Long-Covid mit dem Medikament BC 007 mehr geben. Wir haben beim Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Antrag auf Fördergelder gestellt und hoffen, dass er bewilligt wird. Dann könnten wir vielleicht noch dieses Jahr mit einer klinischen Studie starten.“

Patienten mit Long-Covid können sich bis dahin per E-Mail (recover.au@uk-erlangen.de) an die Wissenschaftler wenden; sie werden kontaktiert, wenn die Studie startet und wenn sie dafür infrage kommen. Der Wirkstoff wird unter dem vorläufigen Namen BC 007 von dem Unternehmen Berlin Cures hergestellt.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

  1. Pressemeldung Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (online); 25. August 2021

Bildquelle: © gettyImages/Westend61

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653