22. Dezember 2020

Die kontroversesten Corona-Studien

Die Pandemie zeigte dieses Jahr nicht nur, was in der Wissenschaft alles schief gehen kann, sondern auch, was man in der Forschung falsch verstehen und interpretieren kann. Ein Rückblick auf einige kontroverse Studien.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Der größte Streit: Christian Drosten vs. BILD – Zeitung

Beim Thema Kinder und Corona scheiden sich die Geister. Das hat sich auch die BILD-Zeitung zu Nutze gemacht, indem sie eine Preprint-Studie von Virologe Christian Drosten und seinem Team der Charité für ihre Schlagzeile wählte. Die Forscher hatten ihre Viruslast-Analysen aus Rachenabstrichen von Kindern und Erwachsenen auf einem Preprint-Server veröffentlicht und aus ihren Ergebnissen geschlossen, dass Kinder nicht weniger infektiös seien als Erwachsene.

Daraufhin hinterfragten u.a. Statistiker die Studie und ihre relativ groben Berechnungen – stets im Rahmen einer normalen akademischen Diskussion. Die BILD-Zeitung hingegen sah hier eine Gelegenheit, die Studie von Drosten und seinem Team durch Experten-Zitate als „grob falsch“ darzustellen. Der deutsche Presserat hat der BILD im September eine Rüge erteilt. 1

Die Studie selbst ist bis dato noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht. Welche Rolle Kinder nun bei der Verbreitung von SARS-CoV-2 spielen, ist weiterhin noch nicht abschließend geklärt.

Der größte Fälschungsskandal: Surgisphere

Das Malariamittel Hydroxychloroquin galt schon früh als Hoffnungsträger zur Behandlung der schweren Covid-19-Erkrankung. Dann veröffentlichten Autoren in Lancet eine Datenauswertung von 96.000 Patienten weltweit. Aufmerksame Lesern bemerkten, dass laut dem Paper in Australien mehr Menschen gestorben seien, als in der offiziellen Statistik aufgeführt sind. Und Ärzte, die die medizinische Versorgung in Afrika kennen, bezweifelten die Zahlen aus diesem Kontinent. Ähnliche Bedenken traten bei einem Artikel im New England Journal of Medicine zu ACE-Hemmern und Sartanen auf.

Schlussendlich wurden beide Studien zurückgezogen, da die Firma hinter den Artikeln, Surgisphere, die Rohdaten nie herausgab. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 20 Publikationen die Hydroxychloroquin-Studie zitiert, über 100 die Studie zu den Blutdrucksenkern. Eine Einordnung des Vorfalls gab das Deutsche Cochrane-Center in einer Pressemitteilung.

Die längste Kontroverse: Die Heinsberg-Studie

Im Landkreis Heinsberg kam es im Februar 2020 zu einem ersten Ausbruch von Covid-19. Forscher um Hendrik Streeck von der Universität Bonn untersuchten das Geschehen. Die „Heinsberg-Studie“ sorgte für viel Furore. Denn wie auch andere kontroverse Studien wurde sie von den Medien bereits zitiert, ohne dass die Methoden und Ergebnisse veröffentlicht und von anderen Wissenschaftlern überprüft wurden.

Letztere hatten auch einiges an der Studie auszusetzen. Besonders die Hochrechung auf die vermeintliche Dunkelziffer geriet unter Beschuss. Auf einer Basis von sieben Todesfällen und ohne die Berücksichtigung von Unsicherheitsfaktoren gaben die Forscher eine geschätzte bundesweite Infektionszahl an die Presse weiter, die auch nicht von einem Konfidenzintervall flankiert wurde. Die Studie wurde Ende November in „Nature Communications“ veröffenlicht und sorgt auch weiterhin für hitzige Diskussionen, wie n-tv berichtet.

Die niedlichste Studie: Hamster aus Hong Kong

Eine der am sehnlichst erwarteten Studien im ersten Halbjahr 2020 drehte sich um Hamster und chirurgische Masken. Schon Wochen vor der Veröffentlichung wandte sich Yuen Kwok-yung von der Universität Hong Kong mit den vorläufigen Ergebnissen an die Presse. Er und sein Team hätten am Hamster-Modell gezeigt, dass Mund-Nasen-Schutzmasken vor einer aerogenen Übertragung des Virus schützen können.

Die Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Zwar konnten die Forscher durchaus demonstrieren, dass sich deutlich weniger Hamster ansteckten, wenn der Luftstrom, der von einem infizierten Artgenossen ausging, durch eine Wand aus chirurgischen Masken gefiltert wurde. Allerdings gab es nicht die erhofften, winzig kleinen Mundschutzmasken für Hamster.

  1. Zeit: Presserat rügt “Bild” für Umgang mit Berliner Virologen. 11.09.2020

Bildquelle: © gettyImages/serggn

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